Feigenbaum

Feigenbäume sind, wie die Dattelpalmen, an allen Schauplätzen des Romans präsent: Im Hain Mamre bei Hebron stehen »großbelaubte Feigenbäume« (IV, 59), Josephs erste ›Grube‹, der Brunnen im Tal von Dotan, ist von Feigengebüsch umgeben (IV, 565), in Peteprês großem Garten wachsen neben Dornakazien, Dum- und Dattelpalmen, Sykomoren, Granat- und Perseabäumen auch zahlreiche Feigenbäume (V, 779, 852), und auch im Garten von Josephs ›Gnaden-Villa‹ in Menfe spiegeln sich Feigenbäume im Lotosteich (V, 1587).

Für die zahlreichen Komplimente, die der verliebte Jaakob als ein anderer Salomo seiner Braut Rahel macht, liefert auch die Feige bildlichen Stoff: »Dein Mund ist wie die jungen Feigen, wenn sie sich am Baume röten, und wenn ich ihn im Kuß verschließe, so hat der Hauch, der aus deinen Nasenlöchern kommt, den Duft von Äpfeln« (IV, 277).

Die Feige und der Ölbaum sind die beiden Bäume im »Garten der Welt«, von denen Joseph am Beginn des Romans zum Vater spricht (IV, 111 f.). Er ergänzt damit seine aus seinem Horoskop bezogene Selbstdeutung als ein doppelt, von »Tagessegen« und »Segen der Nacht« Gesegneter (IV, 108-110), dessen »Witz« den »Geschäftsträger und Unterhändler mache zwischen Vatererbe und Muttererbe« (IV, 110): Der Ölbaum ist der Lebensbaum und der Sonne heilig; er repräsentiert (wie der Wein) das Geist- und Vaterprinzip; der Feigenbaum dagegen ist dem Mond heilig, er ist der Baum des Erkennens und des Todes; er repräsentiert das Leib- und Mutterprinzip. Wer von seinen Früchten isst, wird sterben, aber seine Seele wird »Wurzeln haben, woher die Quellen kommen« (IV, 111).

Die Übertragung der kosmischen Gegensätze (Sonne vs. Mond) auf  Öl- und Feigenbaum folgt den Bemerkungen zu Genesis 2,9 ff. von Jeremias I (74-77), der den ›Baum der Erkenntnis‹ im Garten Eden »schon durch den Effekt als Todesbaum« gekennzeichnet sieht und vermutet, dass damit der Feigenbaum gemeint sein könnte (76). – In »Die Bäume im Garten. Rede für Pan-Europa« von 1930 verwendet Thomas Mann zur Charakterisierung des »Weltgegensatzes« von Leben und Tod, Ober- und Unterwelt dieselben mythischen Symbole und spricht in ähnlichen Wendungen wie Joseph (vgl. den hier verfügbaren Auszug).

Abb.: Feige (Ficus carica L.) aus Amédée Masclef: Atlas des Plantes de France utiles, nuisibles et ornamentales. Paris 1891, Tafel 289. Bildquelle: WikimediaCommons.

Letzte Änderung: 03.08.2013  |  Seitenanfang / Lexikon   |  pfeil Zurück