Vorwort

Das Lexikon zu Thomas Manns »Joseph und seine Brüder«, das hier als ›work in progress‹ vorab veröffentlicht wird, möchte Liebhabern der Thomas Mannschen Erzählkunst den Zugang zu diesem großen Roman und Literaturwissenschaftlern den analytischen Zugriff auf den Text erleichtern. Es ergänzt das Thomas Mann-Figurenlexikon von Eva D. Becker und ist auch konzeptionell vergleichbar angelegt. 

Die große Zahl von Namen (Figuren-, Götter-, Ortsnamen), wiederkehrenden Bezeichnungen und Begriffen im Joseph-Roman ließ es allerdings zweckmäßig erscheinen, von dem Prinzip des Thomas-Mann-Figurenlexikons abzuweichen und neben den handelnden Figuren auch die nur erwähnten Personen (vor allem den schier unerschöpflichen Vorrat an mythischen Gestalten), die Schauplätze des Romans sowie wiederkehrende Bezeichnungen und Begriffe aufzunehmen.

Das Lexikon versteht sich als Lesehilfe und Gedächtnisstütze, nicht als historisch-kritischer Kommentar. Letzteren wird die Neuausgabe des Romans im Rahmen der Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe bieten. Die Lexikoneinträge bleiben deshalb nah am Text, fassen die im Roman vergebenen Informationen zusammen und verweisen auf textinterne Bezüge. Wo Sacherläuterungen unumgänglich erscheinen, werden sie in möglichst knapper Form gegeben und mit Hinweisen auf weiterführende Informationsquellen versehen. Als besonderer Service für Literaturwissenschaftler sind am Ende vieler Artikel sämtliche Fundstellen verzeichnet. Details zum Aufbau der Lexikoneinträge, zu den darin verwendeten Zeichen und Abkürzungen, zu den Regeln der Lemmatisierung, zur Zitierweise sowie zur Navigation im Lexikon finden sich bei den Hinweisen, einige für die Beschäftigung mit dem Roman nützliche Materialien unter Hilfsmittel.

Die Arbeit an diesem Lexikon wird kontinuierlich fortgesetzt. Die Publikation im virtuellen Medium macht es möglich, Interessenten die schon fertigen Teile zur Verfügung zu stellen. Änderungen an den abgeschlossenen Einträgen sind durch die Datierung jedes Eintrags nachvollziehbar (Datum der jeweils letzten Änderung). Auf neu eingefügte Lemmata oder vervollständigte Einträge zu schon vorhandenen, aber noch nicht oder unvollständig bearbeiteten Stichwörtern wird im Index mit entsprechenden Markern hingewiesen.

Bei der Erarbeitung des Lexikons und insbesondere bei der Zusammenstellung der Fundstellen hat mir die Text-Database zu J. W. Goethe und Thomas Mann der Kyushu-University (Fukuoka, Japan), die die Volltextsuche in den ›Gesammelten Werken in 13 Bänden‹ ermöglicht, unschätzbare Hilfe geleistet.

Mein besonderer Dank gilt dem British Museum, das mir hervorragende Fotografien zahlreicher Exponate aus seinen reichhaltigen Sammlungen (Middle East, Ancient Egypt and Sudan, Greece and Rome) überlassen und ihre Verwendung für das vorliegende Lexikon erlaubt hat.

Robert Gernhardt, der mir wenige Monate vor seinem Tod die Erlaubnis gab, seine zeichnerischen Kabinettstückchen aus dem »Randfigurenkabinett des Doktor Thomas Mann« für das Thomas-Mann-Figurenlexikon zu verwenden, hat zum Joseph-Roman nur eine Zeichnung hinterlassen. Immerhin zeigt sie aber, wie er in einem Spiegel-Interview im August 2005 anlässlich der Ausstellung seines ›Randfigurenkabinetts‹ im Lübecker Buddenbrookhaus (August/September 2005) wissen ließ, seine Lieblings-Randfiguren: Huij und Tuij, die »greisen und inzestuösen ›Ehegeschwister‹«, die Eltern des ›Titelgemahls‹ Potiphar, denen Joseph einen Nachmittag lang als Stummer Diener zur Verfügung stehen muss. »In dem Alter noch so viele Kosenamen draufzuhaben: Mein Sumpfbiber, meine Rohrdommel, mein Fröschchen, meine liebe Erdmaus«, fand er »beachtlich – und sehr komisch«.

Sollte dieses Lexikon neben Orientierung und Information auch einen geschärften Blick für die komischen und (selbst-) ironischen Brechungen dieser »verschämte[n] Menschheitsdichtung« (Th. Mann) vermitteln können, wäre das Vergnügen, das Unterzeichnete bei seiner Erarbeitung hatte und hat, nicht nur auf ihrer Seite.

Saarbrücken, den 13. April 2009                           Anke-Marie Lohmeier