Philotas (1758/1759)

Verfasserin: Karolina Kubista

Aridäus

Der weise, altersmilde König hält Philotas, den Sohn seines Gegners, gefangen. Dabei sieht Aridäus die Kriegsgegnerschaft nicht als persönliche Feindschaft an. Vielmehr erinnert ihn Philotas an dessen Vater, den Freund seiner Jugendzeit, der nun gegen ihn Krieg führt. Er schätzt den hochgesinnten jungen Mann, erkennt aber auch seine übertriebenen Vorstellungen von Ehre und Heldenmut (7. Auftritt; LM II, 372).

Da sein Sohn Polymet seinerseits bei der Gegenseite in Gefangenschaft geraten ist, ist der Austausch der Söhne nur eine Frage der Zeit. Doch Aridäus‘ Hoffnung, den jungen Mann schon bald seinem Vater übergeben und seinen eigenen Sohn wieder in die Arme schließen zu können, wird durch Philotas‘ Selbstmord jäh zerstört. Voller Entsetzen beschließt er, seinen Sohn freizukaufen und danach abzudanken: »Glaubt ihr Menschen, daß man es nicht satt wird?« (8. Auftritt; LM II, 376).

Strato

Großmütig bekundet der alte Soldat und Feldherr des Aridäus Respekt auch vor seinen Feinden, besonders vor Philotas’ leidenschaftlichem und unbedingtem Heldenmut: »Ich muß dich bewundern und lieben.« (2. Auftritt; LM II, 356) Zugleich erkennt er den kriegerischen Übereifer des Philotas als jugendliche Schwäche und belehrt den ungestümen Prinzen über das richtige, besonnene Verhalten in der Schlacht (3. Auftritt; LM II, 360). Strato ist von Philotas’ Kummer über die Gefangenschaft berührt und beweint seinen Tod.

Philotas

Der junge Prinz ist Gefangener des Königs Aridäus, mit dem sein Vater im Krieg liegt. Erst seit sieben Tagen mit der Toga des Soldaten angetan, hatte er auf dem Feld zu hitzig und zu ehrgeizig agiert und war dadurch in Gefangenschaft geraten. Seit seiner Kindheit hatte er von Ehre, Vaterland und Heldenmut geschwärmt und darauf gebrannt, sich endlich als »Mann« und »Held« zu beweisen.

Um so mehr empfindet er seine Gefangennahme als Schande und sich selbst als »unwürdigen Sohn« (2. Auftritt; LM II, 358). Er schämt sich, dass er nur eine einzige, zudem harmlose Wunde davongetragen hat: »Nichtswürdiger, sie sollte tödtlich seyn! – Und nur eine Wunde, nur eine!« (1. Auftritt; LM II, 355). Vor allem aber fürchtet er, dass sein Vater ihn »mehr, als sein Reich liebt« und dem Feind deshalb zu große Zugeständnisse machen wird, um ihn auszulösen (1. Auftritt; LM II, 358). Als diese Befürchtung sich als gegenstandslos herausstellt, weil sein Vater seinerseits Aridäus‘ Sohn Polytimet gefangensetzen konnte (3. Auftritt; LM II, 360), die Heimkehr beider Söhne also ohne Nachteile für beide Väter möglich ist, tötet er sich, um die vermeintliche Scharte in seiner Ehre dadurch auszuwetzen, dass er seinem Vater durch seinen Tod einen Vorteil gegen Aridäus verschafft.

Philotas ist das männliche Gegenstück seiner tragischen Schwestern Sara Sampson und Emilia Galotti: Er möchte, wie sie, vollkommen sein, hält deshalb, wie sie, jeden Fehler für einen unverzeihlichen Makel und hat in seinem Perfektionswahn nur Augen für sich selbst: »Jedes Ding, sagte der Weltweise, der mich erzog, ist vollkommen, wenn es seinen Zweck erfüllen kann. Ich kann meinen Zweck erfüllen, ich kann zum Besten des Staats sterben: ich bin vollkommen also, ich bin ein Mann« (4. Auftritt; LM II, 363). Der Gedanke erfüllt ihn augenblicklich mit Begeisterung: »Welch Feuer tobt in meinen Adern?« (ebd.).

Dass sein Vater einen geliebten Sohn verlieren wird, spielt in seinen Überlegungen keine Rolle. Selbst Parmenios Ermahnungen an seine Kindespflichten vermögen wenig über ihn: Gleichmütig bittet er den alten Soldaten, seinem Vater alles zu sagen, »was du glaubst, daß ihm ein zärtlicher Sohn bey dieser Gelegenheit muß sagen lassen« (5. Auftritt; LM II, 365).

Aridäus, der den jungen Heißsporn zwar schätzt, seine übertriebenen Vorstellungen von Heldentum aber mit »Erstaunen« und »nicht ohne Jammer« hört, versucht, ihm die Unmenschlichkeit seines Denkens deutlich zu machen: »Welch eine schreckliche Zukunft enthüllt sich mir! Du wirst dein Volk mit Lorbeern und mit Elend überhäufen. Du wirst mehr Siege, als glückliche Untertanen zählen.« Doch auch sein mahnender Ausruf: »Was ist ein Held ohne Menschenliebe!« bleibt ungehört. Philotas ist schon ganz mit seinem vermeintlich heldenhaften Selbstmordplan beschäftigt (7. Auftritt; LM II, 372), den er schließlich auch ausführt.

Parmenio

Einer der Soldaten, die zusammen mit Philotas gefangen genommen wurden. Er ist ein tapferer alter Haudegen, der seine Wunden nicht mehr zählen kann: »Wozu hat man die Knochen anders, als daß sich die feindlichen Eisen darauf schartig hauen sollen?« (5. Auftritt; LM II, 364). Parmenio soll Philotas’ Vater die Nachricht überbringen, dass sein Sohn noch am Leben ist. Um Zeit für seinen Selbstmord zu gewinnen, trägt Philotas ihm auf, dem Vater zu bestellen, dass er seine Auslösung um einen Tag verzögern soll. Gründe nennt er dem besorgten Parmenio nicht, der sich erst nach einigen Einwänden bereit erklärt, alles nach Wunsch zu erledigen.

Parmenio, selbst Vater, sieht in Philotas vor allem das Kind, dessen sehnlichster Wunsch es sein sollte, zum Vater zurückzukehren, und ermahnt ihn, seiner Kindesrolle gerecht zu werden: »Mein lieber frühzeitiger Held, laß dir das sagen: Du bist noch Kind! Gieb nicht zu, daß der rauhe Soldat das zärtliche Kind so bald in dir ersticke. Man möchte sonst von deinem Herzen nicht zum besten denken«. Doch selbst sein Versuch, ihm die Gefühle und Erwartungen eines Vaters am eigenen Beispiel vor Augen zu führen, vermögen nichts über den ganz auf sein ›heldisches‹ Vorhaben versessenen Philotas (5. Auftritt; LM II, 365).