Lexikon zu Uwe Johnsons »Jahrestage« (1970-1983)

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D

Dade, Frieda

Friseurtochter aus Gneez, 21 Jahre, Handelsschulabschluss. Sie arbeitet nach Oma Klugs Tod im Oktober 1939 vier Wochen lang als Haushälterin im Haushalt des Witwers Cresspahl.

854-855 »Frieda Dade kam, weil sie von einem Luftwaffensoldaten schwanger war und nicht glaubte, daß er sie heiraten werde. Zu ihrer Familie konnte sie nicht«. Sie benimmt sich ›hochfahrend‹ und gegen die fünfjährige Gesine »streng wie gegen einen Erwachsenen«. Sie bringt die Küche wieder »in Schick«. Nach vier Wochen wird sie dann »doch geheiratet, und ging zurück zu Friseur Dade in Gneez«.

Vgl. auch 853.

Dahnke, Hans-Dietrich

Hans-Dietrich Dahnke (* 1929), Professor für Literatur an der Humboldt-Universität in Ostberlin.

467 Bekundet im Dezember 1967 gegenüber der New York Times: »›Aber die Leute können nicht alles sehen, was in jedem Fall gedruckt wird. Es ist besser, wenn die Partei die Auswahl für sie trifft.‹ Na, und VERGISS NICHT DIE BEDÜRFTIGEN!«

Damshagen

Dorf im Jerichower Winkel (»eine Meile von Jerichow«). 

1511 Mit Damshagen verbindet sich eine »Geschichte aus dem Winkel« von einem Schuster und einem Schmied, die in die weite Welt ziehen wollen und, als sie nach einer Meile am Damshäger Krug zusammentreffen, sich darüber wundern, dass sie sich in der »weiten, weiten Welt« wiedergetroffen haben. Auf diese Geschichte spielt die Antwort des aus der Haft in Fünfeichen zurückgekehrten Cresspahl auf Johnny Schlegels verlegene Feststellung an, dass es wohl eine lange Reise für ihn gewesen sei: »Ja, von Jerichow tau'm Damshäger Krog.«

Danzmann, Leslie

Witwe eines Marineoffiziers, Freundin von Lisbeth Cresspahl aus der gemeinsamen Zeit in der Rostocker Töchterschule; Anfang der vierziger Jahre Hausdame von Cresspahls Kurier »Fritz« in dessen Villa in Rande, dann zwangsverpflichtet ins Arbeitsamt Gneez; im Sommer 1945 Cresspahls Sekretärin im Bürgermeisteramt; nach Cresspahls Verhaftung Arbeit im Dezernat für Wohnraum in Gneez, 1946 entlassen, Arbeit in der Fischfabrik Gneez; kurze Zeit Redakteurin für die Zeitung der CDU.

102 Um den 20. September 1931 besucht Lisbeth sie in ihrem Ferienort Graal an der Ostsee, um von dort aus heimlich zu ihrem Bräutigam Heinrich Cresspahl nach Richmond zu reisen. Vorher schreibt sie vom Frühstück bis zum späten Nachmittag Ansichtskarten, die Leslie Danzmann nach und nach an ihre Eltern schicken soll. Leslie bringt Lisbeth zum Bahnhof, »eine bleichhaarige Dame im Tennisdreß«, die ihre Freundin »nicht hatte warnen mögen«.

909-912 Im Herbst 1942 lebt sie als »Hausdame« in einer Villa am Deich von Rande. Der Besitzer, der sich Fritz nennt, arbeitet in Berlin im Luftwaffenforschungsamt, kommt nur an wenigen Wochenenden nach Rande und trifft sich dann mit Heinrich Cresspahl. Er kann sie nicht davor bewahren, dienstverpflichtet zu werden: Sie muß im Arbeitsamt Gneez ausländische Zwangsarbeiterinnen beraten. Diese Zeit ist »die schlafsüchtigste in ihrem Leben. Das Arbeiten war so ungewohnt.« Der Jugoslawin Dunja, vor der sie Angst hat, muss sie in regelmäßigen Abständen neue Arbeitsstellen vermitteln. – Über den Leiter des Arbeitsamtes beschafft Leslie Blanko-Reisegenehmigungen für Heinrich Cresspahl. 

941-945 Am 1. April 1968 bekommt Gesine einen Brief von Leslie Danzmann. Sie wohnt jetzt in Jerichow in einem Zimmer am Markt. Sie berichtet von der Wirkung des Briefes, den Gesine im Sommer 1967 an die Gemeindeverwaltung Rande geschrieben hat (vgl. 8, 382-385). Der Brief sei in einer Parteisitzung behandelt worden, man habe Kliefoth wegen seines Briefwechsels mit Gesine befragt. Zu ihr seien sie auch gekommen wegen des Gerüchts, dass sie ein Verhältnis mit Cresspahl gehabt habe (»Die Leute sagen, ich wäre mit ihm in ein Bett gegangen. Er wollte nicht«), und hätten wissen wollen, ob sie mit Gesine in Briefkontakt stehe. Sie berichtet Neuigkeiten aus Jerichow: »Der Ziegeleiweg soll umbenannt werden. In Cresspahlweg. Und an euer Haus soll eine Tafel«, weil Cresspahl im Krieg für die Briten und gegen die Nazis spioniert habe, was Leslie nicht glauben könne, obwohl es in der Zeitung gestanden habe. – »Ich hab sehr an dir gehangen, noch als du gar kein Kind mehr warst. Du warst doch das Kind von Lisbeth. Ich hätt dich wohl großziehen mögen; Cresspahl gab dich nicht ab. [...] Und du hattest die Frau Abs, das ist wohl deine Mutter geworden. Ich wollt nur, daß du einmal weißt, ich wär es auch gern gewesen. Nicht Cresspahls wegen, deinetwegen. [...] Es mag von meinem früheren Leben übrig sein, daß ich wenigstens nicht vergessen werden will. Nicht von dir. Hab ja keine Kinder gehabt.«

993 Arbeitet im Sommer 1945 als Sekretärin des von den Engländern als Bürgermeister von Jerichow eingesetzten Cresspahl.

1208 Nach Cresspahls Inhaftierung am 22. Oktober 1945 wird auch Leslie verhaftet.

1267-1269 Nach ihrer Freilassung arbeitet sie im Dezernat für Wohnraum in Gneez, »wobei die Ortsfremde die neue Verwaltung gegen die Wut der Einheimischen abdecken sollte«. – Gesine Cresspahl und Hanna Ohlerich beobachten im Juni 1946, wie ein betrunkener Rotarmist Leslie Danzmann die »Schnürstiefel ihres Fritz« abnimmt, die sie in Ermangelung anderen Schuhwerks unter langen Hosen versteckt trägt, und ihr dafür seine »Filzklamotten« nachwirft. Gesine, die ihr übelnimmt, dass sie, anders als ihr Vater, freigelassen worden ist (vgl. 1463), lacht darüber.

1280 Im Sommer 1946 werden Leslie Danzmann, Pastor BrüshaverPeter Wulff, Dr. Kliefoth und Frau Uhren-Ahlreep für einige Stunden festgenommen und verhört. Der Zweck dieser Aktion bleibt undeutlich. Eine der Fragen, die ihnen gestellt werden, deutet darauf hin, dass die Sowjets Cresspahl in einen Zusammenhang mit Waffengeschäften des Geheimrats Hähn in den zwanziger Jahren bringen möchten.

1437 Nach der Ausgabe von Interzonenpässen im Oktober 1946 gehen viele Einwohner in den Westen. »Unverhofft wurden in Gneez Zimmer leer über Nacht, ganze Wohnungen, wunderbar schüttete Leslie Danzmann Einweisungen aus über die Flüchtlinge.«

1460-1462 Die »feinen Familien« von Gneez, die Knoops, die Marjahns und Lindsetters klatschen über Leslie Danzmann: Sie sagen ihr »eine düstere Zukunft« voraus, weil sie sich »auch mit den neuen Ämtern« (der sowjetischen Verwaltung) einlässt: »Leslie Danzmann, alte mecklenburgische Familie, englische Großmutter, Witwe eines Kapitänleutnants, eine Dame. Kam gegen Mitte des Krieges an im gneezer Winkel, mietete eine der modernsten Villen dicht an der See, lebte völlig comme il faut als Hausdame eines Herrn, der etwas zu tun gehabt hatte mit dem Reichsluftfahrtministerium in Berlin. Vergab sich nichts. Erste Klasse.«

Dass sie von den Nationalsozialisten dienstverpflichtet wurde, hält man ihr als ›höhere Gewalt‹ zugute, aber dass sie bei den Sowjets arbeitet, nimmt man ihr übel: »Daß Eine nichts besitzt als eine verflossene Pension und nie eine solide Arbeit gelernt hat, Klavierunterricht oder Arztgattin, was soll denn das für eine Entschuldigung sein!«

Sie weigert sich, in die SED einzutreten: »Aber was sollen die Nachbarn von mir denken, Herr Jendretzky!« Daraufhin wird sie aus dem Wohnungsamt entlassen und muss in der Gneezer Fischkonservenfabrik arbeiten, was ihr die »feinen Familien« gönnen: »Nun kam sie jeden Arbeitstag morgens zu Fuß von der See, mit dem Milchholerzug nach Gneez, steht bis abends an einem stinkenden Tisch, nimmt Flundern aus, kocht Brühe. Nein, sie klagte nicht. Darin gehörte sie noch dazu. Wie Frauen in der Fischfabrik reden, eine Hausfrau von Welt denkt sich das leicht. Was sie für den weiblichen Geschlechtsteil sagen, das weiß man. Das kleidet eine gebildete Dame jedoch nicht in Worte. [...] Sind eben Arbeiterinnen, nich? [...] Das hatte Leslie Danzmann nun davon.«

Dass Leslie aus der Fischfabrik nichts mitgehen lässt, ist den ›feinen Damen‹ aber auch nicht recht. Von ihren Arbeitskolleginnen, den »Proletenfrauen«, spreche sie anerkennend. Eine von ihnen, Wieme Wohl, habe ihr helfen wollen, einen Aal aus der Fabrik zu schmuggeln, aber sie habe das strikt abgelehnt: »der Aal gehöre ihr nicht. So ginge es einer, die sich fallen ließ aus den Sitten von Anstand und Eigentum!«

1463 Wenn Gesine Leslie Danzmann auf dem Bahnhof trifft, hält sie Abstand zu ihr. Leslie glaubt, dass es an dem Fischgeruch liegt, den sie an sich hat. Aber Gesine hat andere Gründe: Sie »wollte diese Danzmann strafen. Die war freigelassen worden, ihr Vater nicht. Die hatte ihr keine Nachricht gebracht von ihm. Die konnte ihn auch verraten haben.«

1534 Am Tag der Währungsreform am 24. Juni 1948, will Leslie Frau Lindsetter die 200 Mark zurückzahlen, die sie sich eine Woche vorher von ihr geliehen hatte, um ein Pfund Butter zu kaufen. Aber »die würdige Patriarchin wies die Summe von sich« und verlangt ein Vielfaches nach dem amtlichen Umtauschwert.

1781 Erleidet weiterhin fortgesetzt Demütigungen: In der Fischkonservenfabrik wird ihr zu Unrecht Unterschlagung vorgeworfen. Sie kündigt und schreibt eine Zeitlang Prozessberichte für die »Neue Union«, eine Zeitung der CDU. Ihre Kolumne »›Blick in den Gerichtssaal‹ machte sie für eine Weile bekannt in fast allen Städten Mecklenburgs; dann holte sie ein, was in den Akten über ihren Lebenslauf geschrieben stand. Nun war Leslie Danzmann zu haben, zu beliebigem Stundenlohn.«

Sie wird Verkäuferin bei Hünemörder, der mit »ein paar Pfund Pinnen und Nägel« aus dem Lüneburgischen zurückgekommen ist und damit ein Eisenwarengeschäft in Gneez aufmachen will. Der Verkauf der begehrten Mangelware dauert nur zwei Stunden, Hünemörder wird festgenommen und wegen des unerlaubten Vertriebs »kontingentierten Handelsgutes« angeklagt. Auch Leslie Danzmann wird verhaftet und »ein paar Tage einbehalten unter dem gneezer Landgericht, ohne Auskunft über eine Anklage, und mit der Säuberung der Zellen und Gänge beschäftigt. Wie sie sagt, ist sie entlassen worden auf die Stunde, da sie die Hafträumlichkeiten in Schick hatte.«

Vgl. auch 104. 105. 967. 1066. 1076-1077. 1170. 1204-1206. 1220. 1455. Anhang XVII.

Dassow, Dassower See

Ort am Ostrand des Dassower Sees, einer Seitenbucht der Travemündung, nordöstlich von Lübeck.

191 Im Winter 1932/33 ist der Dassower See zugefroren.

691 Über ein NS-Gerichtsurteil 1938 in Dassow.

1018 In Gesine Cresspahls Liste der Seen, in denen sie geschwommen hat, kommt der Dassower See nicht vor, weil er Sperrgebiet an der Zonengrenze war: »Nie: im Dassower See, nur zwölf Kilometer von meines Vaters Hintertür und unerreichbar, das Ufer Demarkationslinie, Staatsgrenze, das Wasser: Britische Zone, Bundesrepublik Deutschland, Westen.«

1481 Gesine Cresspahls Onkel Robert Papenbrock schwimmt 1947 durch den Dassower See in den Westen, nachdem er zuvor von einem Grenzposten der Roten Armee angeschossen worden ist.

1723 In Dassow hat Dieter Lockenvitz bäuerliche Verwandtschaft, es ist der Geburtsort seines Vaters, »da verbrachte er Ferien, für Erntearbeit entlohnt in Naturalien«.

Vgl. auch 1084. 1238. 1297.

Davidoff, Mrs.

99 Eine der Erzieherinnen in dem privaten Kindergarten »hoch über dem Riverside Park«, in den Marie Cresspahl bis zu ihrer Einschulung gegangen ist: »Mrs. Jeuken, Mrs. Davidoff, die Marie glauben machten an eine Welt, in der Freundlichkeit und Mangel an Neid und Gehorsam sich auszahlen«.

Dechow

Dorf im Westen Mecklenburgs zwischen Ratzeburg und Gadebusch, am Röggeliner See.

1238 Bei dem zur Grenzbereinigung vereinbarten Gebietstausch zwischen Briten und Sowjets im Dezember 1945 werden »die Dörfer Bäk, Mechow und Ziethen [...] zu Schleswig-Holstein geschlagen; Dechow, Groß Thurow und das ganze Ostufer des Schaalsees mitsamt dem Stintenburgschen Werder gehörte nun zu Sowjetmecklenburg«. 

Zum Gebietstausch zwischen Briten und Sowjets vgl. Jahrestage-Kommentar zu 1238, 3-16.

Decken, von der

Oberstleutnant der Luftwaffe, Chef des Flugplatzes Mariengabe bei Jerichow 1938, verheiratet, zwei Töchter, Zwillinge (»Die Puppen«).

703-704 Hält bei dem Festakt zur Einweihung des Flugplatzes am 26. Oktober 1938 auf dem Jerichower Marktplatz eine Rede. »Der Oberstleutnant sprach mit gewöhnlichem Stimmton, gelassen, nahezu zivil. Er stellte sich mit Namen vor. [...] Er sprach mit einem hannöverschen Anklang, wie ein Nachbar. So wie er den Mund gutmütig offen hielt in Pausen, er hätte aus der Gegend stammen können. Langknochig, mit durchgearbeiteten Muskeln, die linke Schulter vorgenommen, wo er verwundet war. [...] Der Mann war nicht leicht auszudenken, dafür hatte er vorerst Kredit bei den Jerichowern.«

831-832 Er zieht in Semigs Haus an der Bäk. Cresspahl muß »ein ganz neues Arbeitszimmer bauen, mit mannshoher Täfelung und einer darin ausgesparten Stelle für den Tresor, den der Oberstleutnant von der Decken da einmauern ließ«.

964-966 Der Fliegerhorst Mariengabe (›Jerichow Nord‹) verliert rasch an Bedeutung. Das von Oberstleutnant von der Decken kommandierte Kampfgeschwader wird an die Ostfront verlegt, seine Familie zieht nach Niedersachsen um. »Der erste Kommandant von Jerichow Nord, Oberstleutnant von der Decken, ging aus der Stadt, ehe sie sich recht an ihn gewöhnen konnte.« Die Familie hatte kaum Berührung mit den Jerichowern. »Im Gedächtnis geblieben waren die beiden Mädchen von der Decken, vierzehnjährige Zwillinge, blond, berlinisch, scharf im Gesicht wie die Mutter. [...] ›Die Puppen‹ hatten sie geheißen. Für die beiden wurden im ehemaligen Tierarztstall Pferde gehalten, die ritten während der Ernte spazieren im Gräfinnenwald, auch an der Küste entlang, oft in der Begleitung eines Fähnrichs«.

Demmler, Hansi

723 Beteiligt sich in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 an der Aktion der SA gegen Oskar Tannebaum und seine Familie. Tannebaum wird auf die Straße gestoßen, fällt auf die Knie, steht aber gleich wieder auf: »Das paßte Demmler nicht (Hansi Demmler, Jerichow-Ausbau), ihm hatte das Knien besser gefallen.« Er zwingt Tannebaum, das Geld aus seiner zuvor auf die Straße geworfenen Ladenkasse auf Knien einzusammeln und Friedrich Jansen zu übergeben.

Dewall, Wolf von

Redakteur der »Frankfurter Zeitung« (1882-1959).

191 Spricht im Januar 1933, am Vorabend von Lisbeth Cresspahls Rückkehr nach Jerichow, als Gastredner bei einer Versammlung des Anglo-German Circle von Richmond. Der Redner »stellte es als den Wunsch der Deutschen hin, daß sie nicht mehr als eine kleinere Macht angesehen wären. Er dachte da an eine begrenzte Aufrüstung«, und er »sprach von der Entwicklung eines gänzlich neuen Menschenschlags in Deutschland. Die Leute hätten sogar neue Gesichter.« Cresspahl, der die Veranstaltung besucht, erzählt seiner Frau Lisbeth nichts davon: »die deutsche Sucht nach Waffen und die englische Beständigkeit hätten ausgesehen wie noch mehr Gründe gegen die Reise nach Jerichow«.

Dibelius, Bischof

Otto Dibelius (1880-1967), evangelischer Theologe, 1925-1933 Generalsuperintendent, 1933 in einstweiligen Ruhestand versetzt, Mitglied der Bekennenden Kirche; nach 1945 Rückkehr in die Ämter, Mitverfasser des Stuttgarter Schuldbekenntnisses; 1945-1966 Bischof von Berlin-Brandenburg (bis 1961) bzw. von West-Berlin.

1612 Gesines Freundin Anita Gantlik, für die eigentlich die Dompfarrei von Gneez zuständig ist, geht in Jerichow zu Brüshavers Konfirmandenunterricht, weil der Dompfarrer »seinen ureigenen Bischof Dibelius (Berlin-West) als einen Kriegshetzer, auch ein ›Instrument der amerikanischen Aggression‹ verteufelte, als ›Atom-Dibelius‹; Dibelius hatte von der Verwaltung der sowjetischen Besatzungszone und ihrer K5 gesprochen als einem ›Staatsgebilde‹, auch von / Gewalt, / die über alles Recht hinweggeht, / innerer Unwahrhaftigkeit und / Feindschaft gegen das christliche Evangelium«.

Vgl. dazu Jahrestage-Kommentar zu 1612, 20 ff.

Dobbertin bei Goldberg

Gemeinde in Mecklenburg zwischen Goldberg und Sternberg.

1728-1729 In Dobbertin nimmt Dieter Lockenvitz an einem FDJ-Lehrgang teil.

Doberaner Forst

Forstgebiet um Bad Doberan, westlich von Rostock.

1890 Gesine träumt manchmal von einer Heimkehr nach Mecklenburg, wie sie ihrem alten Lehrer Kliefoth beim Treffen in Dänemark am 20. August 1968 gesteht: »Die Einfahrt nach Rostock neben dem Alten Strom, Walddurchblicke im Doberaner Forst, der Bahnhof von Wismar und Gneez.«

Dreifinger-Brown

Gaetano »Tommy« Lucchese (1899-1967), genannt »Three Finger Brown«, weil er als Jugendlicher bei einem Unfall einen Finger verloren hat. Amerikanischer Mafia-Boss. Er stand wiederholt vor Gericht, auch wegen Mordverdachts, doch konnte ihm nicht ein einziges Kapitalverbrechen nachgewiesen werden. Starb am 13. Juli 1967 an einem Gehirntumor.

89 Die New York Times berichtet: »Dreifinger-Brown, ein Familienoberhaupt der Mafia, ist in seinem Bett gestorben, und die Polizei fotografierte die Trauergäste am Grabe.«

156 Die New York Times berichtet am 8. Oktober 1967 über Rangeleien um die Nachfolge von Dreifinger-Brown.

1152 Bericht der New York Times über Festnahmen im Mafia-Milieu, darunter eines Mitglieds des Clans von Carmine Tramunti, dem mutmaßlichen Nachfolger von »Thomas Luchese, genannt Dreifingerbrown«.

Vgl. Jahrestage-Kommentar zu 89, 27.

Drieberg

Dorf am Südende des Cramoner Sees, in dem Gesine und Pius Pagenkopf im Sommer 1951 während einer Fahrradtour schwimmen.

1589-1590 »Im Sommer 1951 waren wir mit den Rädern unterwegs. Am Cramoner See, schräg gegenüber dem Dorf Drieberg, machten wir Halt für eine halbe Stunde Schwimmens. Beim Umziehen war ich, war er ungeschickt, einen Atemzug lang kamen wir mit den Füßen an einander.«

Vgl. auch 1018.

Drittfeld, Christiane (Schäning)

Schülerin der Fritz Reuter-Oberschule in Gneez, Mitschülerin von Gesine Cresspahl in der Zehn A Zwei.

1632-1633 Bei der Aufführung des Weihnachtsfestes aus Reuters »Ut mine Stromtid«, die die Zehn A Zwei bei der Weihnachtsfeier der Schule 1949 gibt, spielt »Schäning Drittfeld« die »Rike mit ehre lude Stimm« [Rike mit ihrer lauten Stimme]. Sie fällt »pünktlich nach dem letzten Julklapp« in Ohnmacht. Gesine und Dr. Kliefoth mutmaßen in ihrem imaginären Gespräch (1633 f.), dass die ›dralle‹, ›rotbäckige‹ Christiane mit dem bevorstehenden heimlichen Abschied zu kämpfen hatte, denn an Neujahr geht sie mit ihren Eltern »in den Westen«.

Dubček, Alexander

Tschechoslowakischer Politiker (1921-1992). 1968-1969 Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der ČSSR, führender Vertreter der tschechoslowakischen Reformpolitik (»Prager Frühling«), die in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 durch den Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts beendet wurde. Er wurde im April 1969 aller Ämter enthoben und 1970 aus der Partei ausgeschlossen. 1989 rehabilitiert.

554 Gesine Cresspahl liest in der New York Times vom 6. Januar 1968, dass Antonín Novotný seine Position als Erster Sekretär der KPČ »hat abgeben müssen an Alexander Dubček, einen Slowaken obendrein, nach eintausend Jahren böhmisch-mährischer Oberherrschaft; die New York Times hat es ausgerechnet«.

621 Gesine spricht über die ČSSR mit ihren Toten, die die Entwicklung positiver als sie beurteilen und bemerkenswert finden, dass die tschechischen Sozialisten ihren »neuen Chef nicht verstecken in einem Gerücht (ein Mümmelgreis über siebzig, der sich opfern will), sondern ihn in allen Zeitungen des Landes zeigen, Alexander Dubček, 46 Jahre, mit vollständiger Biographie«.

848 Gesine liest in der New York Times vom 9. März 1968 über die neue Regierung in der Tschechoslowakei: »Wenn Alexander Dubček seine ökonomischen Reformen durchsetzen will, wird er auskommen ohne Aufräumarbeiten in der Bürokratie? ›Er soll gegen eine Blutrache sein.‹ Diese Ungewißheiten, wenn ein Kommunist damit aufhört, das Fernsehen des Landes als sein Privateigentum zu benutzen!«

909 Die DDR-Führung hat Einladungen von Dubček nach Prag zurückgewiesen. »Alexander Dubček benahm sich nicht wie ein vertrotztes Kind, stieg in einen Zug nach Dresden und versuchte es den Genossen zu erklären.«

932 Bericht der New York Times vom 30. März 1968 über Alexander Dubčeks offenen Umgang mit Studenten.

938 Bericht der New York Times vom 31. März 1968 über die Wahl von Ludvík Svoboda zum Staatspräsidenten der ČSSR am 30. März 1968. Dubček »zieht die Augenbrauen hoch in einer Art, die als immerwährendes Staunen erscheint«.

1265 Die New York Times vom 3. Juni 1968 über Dubčeks Umgang mit seinen stalinistischen Vorgängern und sein Interesse, die sowjetischen »Freunde« nur ja zu schonen.

1366 Über Dubčeks Aufenthalt in Budapest im Juni 1968 während des Schlagabtauschs zwischen dem ZK-Sekretär Čestmir Cisař und dem sowjetischen »Philosophen« Konstantinov.

1522 Dubček und Smrkovský weigern sich, der Einladung zu einem Treffen mit Parteiführern Bulgariens und Ungarns nachzukommen (vgl. Jahrestage-Kommentar zu 1522, 16-32).

1528 Wie die New York Times am 11. Juli 1968 berichtet, hat Dubček das Manifest der »Zweitausend Worte« nun »immerhin spalterisch genannt, als einen Grund zur Sorge hat er sie empfunden, weit ist er von ihnen abgerückt«.

1669 Die New York Times über Dubčeks Treffen mit Leonid Breschnew bei Cierna am 29. Juli 1968. »Küsse? Umarmungen? keine.«

1707 Die »Tante« New York Times am 3. August 1968 über eine weitere Begegnung Breschnews mit Dubček in Bratislava Anfang August 1968: »Die beiden haben einander heute morgen im Bahnhof von Bratislava umarmt. Wie die Tante hört, ist Breshnev freundlich gestimmt durch schriftliches Zureden von seiten der Führer dreier kommunistischer Parteien: der jugoslawischen, der italienischen, der französischen.«

1721 In der New York Times vom 5. August 1968 liest Gesine, dass Dubček die Konferenz in Bratislava im Fernsehen als Erfolg wertet. »Er soll sich Mühe gegeben haben, die Genugtuung seiner Partei zu verbergen.«

1805 Die New York Times berichtet am 13. August 1968 über ein Treffen Dubčeks mit Walter Ulbricht in Karlsbad. »Für Alexander Dubček jubelten die Zuschauer, dem Genossen Ulbricht erwiesen sie ein Schweigen«.

Vgl. auch 980. 1089. 1098. 1107. 1123. 1444.

Dühr, Annette

Schülerin der Fritz Reuter-Oberschule in Gneez.

1731-1732 Sie ist heimlich in Dieter Lockenvitz verliebt, dem sie zu Weihnachten 1951 ein persönliches Geschenk macht, was ihr wenig später eine Verhaftung einbringt (vgl. 1797). Lockenvitz, der sie immer übersieht, glaubt, das Geschenk käme von Gesine Cresspahl, die ihm 1968 in Gedanken sagt: »Wenn du doch gewußt hättest, es kam von Annette Dühr aus der Zehn A Zwei. Die war so hübsch, so ansehnlich mit ihren Haselnußaugen, ihren schwarzbraunen Zöpfen, einem Gesicht, das lud Zutrauen ein. Die war später Stewardess bei der ostdeutschen Lufthansa [...]. Die mochte dich, die wollte dir gefallen. [...] es wäre dir zum Besseren ausgefallen, hättest du sie finden wollen.«

1797-1800 Wird am 2. Januar 1952 im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Lockenvitz für zehn Tage verhaftet wie Gesine Cresspahl und Anita Gantlik.

1800 Nach ihrer Freilassung erkennen Gesine und Anita die »dritte im Bunde« in der Turnstunde: »Annette Dühr ging steif; die hatte wohl länger stehen müssen mit durchgedrückten Knien. Die war gesehen worden, als sie etwas hinterließ an der Tür der Lockenvitzschen Wohnung; der war etwas weniger geglaubt worden. Das Glas auf ihrer Uhr war zerbrochen. Auf dem Rücken hatte sie blaue Striemen, von Schlägen. Ihr fehlte ein Zahn. Sie blickte an uns vorbei in einer bittenden Art; die wünschte sich ausgeschlossen aus solchem Bund.«

Dunaway

Senior-Partner der Anwaltskanzlei Burse, Dunaway & Salomon in Richmond, die im Rechtsstreit zwischen der Tischlerinnung von Richmond und Albert A. Gosling um die von Heinrich Cresspahl verwaltete Tischlerei Pascal und Sohn in Richmond vermittelt.

95 Dunaway ärgert sich über das unverschämte Auftreten Albert A. Goslings. »Dunaway, in seinem Jähzorn, schob einmal die Akte so über die Tischkante, daß sie fast gefallen wäre.«

Dunja (de swatte Düvel)

Jugoslawische Zwangsarbeiterin in Gneez während des Krieges.

911-912 Die ans Arbeitsamt dienstverpflichtete Leslie Danzmann hat Angst vor »dem ›swatten Düvel‹«. Die Jugoslawin »verdankte diesen Namen ihren schwarzen wilden Augen und der drohenden Dringlichkeit, mit der sie den Mecklenburgern auf den Leib rückte. Männer hatten vor ihr mehr Angst als Frauen.« Sie sieht nicht ein, »warum sie in der Fremde leben und obendrein auch noch arbeiten sollte«, und bleibt selten länger als vier bis sechs Wochen auf einer Stelle. »Ihre Verachtung für die Deutschen war so gründlich, sie machte sich nicht die Mühe, deren Sprache zu lernen.«

Dutschke, Rudi

Deutscher Studentenführer (1940-1979). Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), am 11. April 1968 bei einem Attentat schwer verletzt.

125 Die New York Times berichtet am 29. September 1967 über ihn. »Manchmal nennt man ihn ›Red Rud‹ oder ›Revolutionary Rudy‹, aber er ist kein klassischer Marxist.«

980 Gesine Cresspahl erfährt von Mr. Shuldiner vom Attentat auf Dutschke am 11. April 1968. Mr. Shuldiner nimmt das Attentat als Zeichen dafür, dass die Deutschen »ein gelehriges Volk« seien.

988-989 Gesine telefoniert am 14. April 1968 mit Anita Gantlik, die ihr von den Demonstrationen in West-Berlin im Anschluss an das Dutschke-Attentat berichtet. Anita zitiert Dutschke: »Nicht mit Gewalt, sondern durch die Kraft des Arguments«.

1091 Die New York Times berichtet von den Wahlerfolgen der NPD bei Landtagswahlen in der Bundesrepublik. »Aber sie bleibt sich treu, unsere biedere Tante, und gibt die Schuld auch den unzufriedenen Studenten. Hätten die sich still verhalten nach dem Attentat auf einen ihrer Führer, das Wahlvolk wäre nicht übergelaufen zu jenen, die Neue Gewalt und Strenge versprechen.«

Duvenspeck, Eduard

Vorsteher des Gaswerks in Jerichow, verwitwet.

1185 Im Sommer 1945 werden in einer Ackerbürgerei in Jerichow große Mengen Briketts gefunden, die Duvenspeck, Nachbar der Ackerbürgerei, dort illegal gehortet hat. Eine Frauenbrigade muss »das schwarze Gold« mit Handwagen ins Gaswerk zurückbringen.

1355-1356 Zwischen Duvenspeck und Mining Köpcke bahnt sich ein Verhältnis an (vgl. auch 1394).

1371-1372 Duvenspeck, inzwischen Mitglied der LDPD, lässt sich »vernehmen mit der Einsicht, daß im Liberalismus die Freiheit jedes einzelnen mit der Freiheit jedes anderen vereinbar, also durch sie beschränkt sein müsse«.

1489 Zieht weg aus Jerichow, als Mining Köpckes Mann aus sowjetischer Gefangenschaft heimkehrt: »der Direktor des Gaswerks floh wohl nicht von ungefähr, und wenn Mine Köpcke eine ganze Weile nicht zu sehen war auf der Stadtstraße, danach gleich müde wie zahm, so war sie gewiß für ein anderes Vergehen verhauen worden«.

Vgl. auch 1185. 1394. 1414. 1534.

E

Edith

Dienstmädchen bei Albert und Louise Papenbrock in Jerichow, zwei uneheliche Kinder.

203-204 Bei Gesines Geburt im Haus ihrer Großeltern Papenbrock bringt Edith ihre beiden Kinder ins Zimmer der Wöchnerin, um ihnen zu beweisen, dass der Storch die Kinder bringt. »Ausgerechnet Edith.« Die beiden Kinder knicksen vor dem aus Richmond angereisten Kindsvater und »sahen ihm gerade in die Augen, bis er Sixpence herausrückte«.

209 Gesine im Gespräche mit ihren Toten, die ihr vorwerfen, der amerikanischen Politik zu unkritisch gegenüberzustehen. Gesine räumt ein: »Zugegeben, ich war vertrauensselig. Öwe dat's'n Fele, de sick gift. / Dat sä Edith ok. / Dor kreech se dat fiewte Kint.« [Aber das ist ein Fehler, der sich gibt. / Das sagte Edith auch. / Da kriegte sie das fünfte Kind.]

364 Lisbeth Cresspahl »betete, Edith sollte aufhören können mit dem Stehlen in Louise Papenbrocks Speisekammer«.

702 Bei dem Festakt zur Einweihung des Flugplatzes Mariengabe im Oktober 1938 auf dem Jerichower Marktplatz ist Edith »so verloren an Lachen und Juchzen«, daß sie den Fotografen Stellmann »auf das dringlichste am Arm packte«. Dem verwackeln dabei zwei Aufnahmen.

910 Als Slata 1942 ins Haus kommt, geht Edith. »So war Edith zum Heiraten gezwungen worden. Edith war aus dem Haus.«

Vgl. auch 214. 259. 410. 782.

Eich, Günter

Deutscher Dichter (1907-1972).

1710 Am Strand von Jones Beach, wohin Gesine und Marie am 3. August 1968 einen Ausflug mit den Blumenroths machen: »Öfter am Strand taten Kopfformen und Physiognomien Leuten in Deutschland ähnlich, wie öfter auf den Straßen New Yorks, besonders Doppelgänger des Dichters Günter Eich sitzen vielfach auf Bänken und an Theken«.

Elde

Mecklenburgischer Zufluß der Elbe. – Vgl. 1192. 1283. 1436.

Eldena

An der Elde gelegener Ort in Mecklenburg in der »griesen Gegend« südlich von Ludwigslust.

1193 Von einem Hof aus der Nähe von Eldena stammt Jakobs Mutter Marie Abs. Da sie sich nach ihrer Eheschließung mit Wilhelm Abs mit ihrer Familie zerstritten hat, kann sie nach dem Krieg nicht dorthin zurück. Trotzdem nimmt sie an, dass ihr Mann sie dort suchen wird.

Ellison

Ralph Ellison (1914-1994), amerikanischer Schriftsteller, Autor des Romans »Invisible Man« (1952).

53 Er wohnt in der Nachbarschaft von Gesine und Marie Cresspahl am Riverside Drive: »Hier wohnt der Schriftsteller Ellison.«

Enzensberger, Frau

Dagrun Enzensberger, erste Frau von Hans Magnus Enzensberger.

15 Einmal, im Frühjahr 1967, holt Gesine Cresspahl sich die New York Times schon um Mitternacht »und schlug sie auf unter der Acetylenlampe am Giebel des Kiosk und fand die Nachricht, die nun wahrer war als die reißerische Überschrift, die sie den Nachmittagsblättern nicht hatte glauben mögen (das war, als Frau Enzensberger in Berlin den Stellvertreter des Präsidenten [Hubert Humphrey] mit Bomben aus Puddingpulver erledigen wollte)«. 

Vgl. Jahrestage-Kommentar zu 15, 13-17.

Enzensberger, Hans Magnus

Deutscher Schriftsteller (*1929).

737-738 Die New York Times berichtet am 17. Februar 1968, dass Enzensberger ein Stipendium der Wesleyan University aufgegeben habe »mit einem Trompetenstoß gegen die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten und mit einem Heil für Cuba, wo er nach seinen Worten leben will«. Er beginne nun eine Reise um die Welt. »Der 38jährige Dichter teilte in dieser Woche einem Publikum von Studenten und Professoren mit, daß ihn kürzlich ein dreiwöchiger Aufenthalt in Cuba überzeugt habe davon, daß das cubanische Volk ein Bewußtsein von ›Freude, bedeutungsvoll und tieferem Sinn‹ habe. Er betrachtete die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten als einen Versuch, ihre Absichten kleineren Ländern in der ganzen Welt aufzuzwingen.«

769 »In Cuba wird an Personen über 13 Jahre keine Milch mehr ausgegeben; hoffentlich ist dies nicht ein Leibgetränk des Dichters Enzensberger.«

794-803 Über Enzensbergers Offenen Brief an den Präsidenten der Wesleyan University, in dem Enzensberger die Rückgabe des Stipendiums begründet und der unter dem Titel »On Leaving America« in der New York Review of Books vom 29.2.1968 erscheint. Johnson übergibt seine Sottisen über den Vorgang seiner Figur, motiviert durch Fragen von Mr. Shuldiner und Naomi Prince: »Erklären Sie uns das, Mrs. Cresspahl. Sie sind doch eine von den Deutschen. Versuchen Sie, uns dies zu erklären.« – Im Folgenden wird Enzensbergers Brief nahezu vollständig paraphrasiert und kommentiert (»Offensichtlich nimmt das Offensichtliche zu an Offensichtlichkeit, wenn ein Enzensberger es sagt«). – Am Ende fragt Mr. Shuldiner: »Mrs. Cresspahl, warum macht dieser Deutsche Klippschule mit uns?« Gesine: »Er freut sich, daß er so schnell gelernt hat; er will uns lediglich von seinen Fortschritten unterrichten, Mr. Shuldiner.« Und zu Naomi gewandt: »Naomi, deswegen mag ich in Westdeutschland nicht leben.« Naomi: »Weil solche Leute dort Wind machen?« Gesine: »Ja, solche guten Leute.«

1340 Marie bestürmt Gesine mit Fragen: »Was meint der Dichter Enzensberger da mit einem Sperrsitz? Mit was für Arbeitern will er auf die Straße gehen? Was sind das für französische Zustände, die er sich wünscht?« 

Vgl. auch 15. 850.

Vgl. Jahrestage-Kommentar zu 795-803 und zu 1340, 14-17.

Epi

1274 Mitglied von Johnny Schlegels »Kommune«. 

1843 Nach Johnny Schlegels Verhaftung und Verurteilung im Frühjahr 1953 flieht er mit den meisten anderen Mitgliedern der Kommune in ein Flüchtlingslager nach Westberlin.

Vgl. auch 1848.

Erdamer, Dr.

Jurist, geboren 1890, Bürgermeister in Jerichow bis 1933, Sozialdemokrat, verheiratet, eine Tochter, die mit Lisbeth Cresspahl befreundet ist.

102 Bei ihrer heimlichen Reise zu ihrem Bräutigam nach Richmond im September 1931 sieht Lisbeth Dr. Erdamer in Bad Kleinen zusteigen. Sie versteckt sich hinter ihrer Zeitung, dem Berliner Tageblatt, und »an einer Dame mit einer liberalen Zeitung ging Dr. Erdamer vorüber«.

222-226 Nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 weiß Erdamer, dass er sein Amt verlieren wird, obwohl die Sozialdemokraten in Mecklenburg kaum Stimmen verloren haben. Der starke Stimmenzuwachs der Nationalsozialisten beschämt ihn, und er versteht die Leute nicht mehr, mit denen er bis dahin vertrauensvoll zusammengearbeitet hat. »Er verstand nun den Adel der Gegend nicht. Er verstand ihn, er begriff die wirtschaftlichen Interessen der Leute, die das politische Unwetter in der Sicherheit ihrer Güter abwarten wollten, aber es genierte ihn, daß sie so ruhig saßen und die Schlägerkommandos der Nazis nicht von ihren Knechten aus den Siedlungen der Tagelöhner prügeln ließen und weder selbst noch durch die Kirche hatten Bescheid sagen lassen, daß sie einen Erfolg für die nationalsozialistischen Plebejer nicht wünschten. Die Kirche genierte ihn. Ihn genierte, daß Papenbrock seinen Sohn [Horst] nicht in den Nacken schlug.«

Als bei der Ratsversammlung am Nachmittag die Jerichower Sozialdemokraten zurücktreten, verlässt er die Sitzung. »Er war jetzt 43 Jahre alt. Als er aufstand, fanden seine Schultern ganz leicht in die Haltung des Offiziers. Er hielt das Kinn zu hoch, als daß er einen der Sitzenden ansehen konnte. Er spürte die kurzen, dann gesenkten Blicke auf seinen mageren, rundum geschorenen Kopf«. Er verlässt das Rathaus: »Als er anfing zu gehen, ein ziemlich aufrechter, hochmütiger Herr in Reitstiefeln unter dem langen Mantel, führte kein Entschluß mehr ihm die Schritte.«

293 »Die Sitzung der Stadtverordneten hatte ihm für 1931/32 nicht nur vollständige, sondern ehrenvolle Entlastung erteilt, einstimmig, vielleicht, weil sie ihn wenigstens zur kommissarischen Weiterführung der Geschäfte hätten überreden wollen, sicherlich aber unter dem Druck des alten Papenbrock. Papenbrock hatte überdies zuwegegebracht, daß des Bürgermeisters Entbindung vom Amt in einen privaten Wunsch umgeschrieben wurde.«

413 Jerichower Stadtgesprächen im Jahr 1934 zufolge hat Dr. Kliefoth Erdamers Haus gekauft.

470 Dr. Erdamer, der »sich nicht zu gut für einen hohen Posten« in der Deutschen Arbeitsfront ist, vermittelt Cresspahl 1934 und 1935 günstige Bedingungen beim Ankauf von Maschinen für seine Tischlerwerkstatt in Jerichow.

666 In Erdamers Haus an der Rander Chaussee wohnt Friedrich Jansen zur Miete, bevor er 1938 in die Ziegeleivilla zieht.

Vgl. auch 171-172. 215. 401. 544. 562. 664. Anhang XII.

Die beiden Informationen, dass Julius Kliefoth Erdamers Haus gekauft hat und Friedrich Jansen das Haus bis 1938 gemietet hat, passen nicht zusammen. Kliefoth kommt 1932 nach Jerichow und müsste das Haus spätestens 1934 gekauft haben, da das Stadtgespräch, in dem davon die Rede ist, in diesem Jahr stattfindet (vgl. 409-414).

Erfinden

810 Marie zu Gesine Cresspahl, als sie hört, Heinrich Cresspahl habe seit 1939 für die britische Abwehr gearbeitet: »Du, Gesine. Ich dachte, es ist ausgedacht. Ich bin ja einverstanden mit deinem Ausdenken, ich geb dir meine Unterschrift darauf; dies wär mir als Wahrheit lieber. Ist es wahr?«

1542 Gesine zu D. E.: »Vertell, vertell! [Erzähl, erzähl!] Und Marie hat schon in die Hände geklatscht und mecklenburgisch gesprochen und gerufen: Du lüchst so schön! [Du lügst so schön!]« (vgl. auch 1548. 1651).

Vgl. auch Erinnerung, Erzählen, Gedächtnis, Katze(n).

Erichson, Dietrich (D.E.)

Wissenschaftler (»professor of physics & chemistry«) im Dienst der US-Luftwaffe (Frühwarnsysteme), Freund von Gesine Cresspahl, die er im Herbst 1968 heiraten will. Als Sohn eines Friseurs 1928 in Neustrelitz geboren (1147), in Wendisch Burg aufgewachsen. Verlässt nach dem 17. Juni 1953 die DDR. Promotion in Hannover. Seit 1960 in den USA. Lebt mit seiner Mutter in einem alten Farmerhaus in New Jersey. Raucher (Pfeife), trinkt mit Vorliebe Rotwein (Beaujolais). Kommt um beim Absturz einer von ihm gesteuerten Cessna nahe dem Flugplatz Vantaa in Finnland, am 4. August 1968, gegen 8 Uhr morgens.

40-44 Erste Informationen über D.E., der am 1. September 1967 zu einem Wochenendbesuch nach New York kommt. – »Du mußt nicht mich heiraten: sagt D.E.: du sollst bei mir leben.« – Wohnt in New Jersey, ist aber oft in New York und »verbringt viele Zeit in den Bars um die 96. Straße am Broadway, zwei Blocks vom Riverside Drive«. – 1967 ist er fast vierzig Jahre alt. Sein Äußeres: »ein langer Kerl in irischen und italienischen Jacken, mit einem langen, fleischigen, geduldigen Gesicht, über dem er sein graues Haar lang und gescheitelt trägt, als wollte er sein Alter verstecken. D.E. ist zweihundert Pfund schwer und bewegt sich auf kleinen Füßen flink. D.E. fährt einen großen englischen Wagen, seine Anzüge sind in ausgesuchten Farben gehalten.« – Er arbeitet in der Rüstung. »D.E. sagt: Ich arbeite für die Verteidigung.«

Er hat die Oberschule von Wendisch Burg besucht, die (einige Jahrgänge später) auch Klaus Niebuhr und Ingrid Babendererde besucht haben. Er »sollte von seinem Physikstudium in Ostberlin ausgeschlossen werden, nachdem er in einer Fakultätsversammlung den Fall Babendererde als ein Beispiel für Verfassungsbruch in der Deutschen Demokratischen Republik (durch die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik) dargestellt hatte«.

Verließ nach dem 17. Juni 1953 die DDR und eine »verschleppte Liebschaft mit Eva Mau«. Erste Begegnung mit Gesine im Flüchtlingslager Marienfelde in Westberlin; sie sah ihn als »einen hageren, steilköpfigen Jungen mit damals blondem Haar, der sich in einer zerstreuten Art um sie bemühte«. Ging nach Stuttgart, schrieb seine Doktorarbeit in Hannover, »von Westdeutschland ging er nach England, in die U.S.A. gekauft wurde er 1960«. Wiedersehen mit Gesine Cresspahl, nachdem sie elf Monate in New York gelebt hatte; »ein massiger, maulfauler, fast feierlicher Patron«; trug Gesine die Ehe an, »nachdem er Marie kennengelernt hatte«.

Er »arbeitet für eine Firma in einem Industrial Park, New Jersey, die an der DEW LINE beteiligt ist« (DEW = Distant Early Warning), arbeitet kaum noch wissenschaftlich, »ein Techniker«; Jahresverdienst: 25.000 Dollar, »und ein Teil seiner Arbeit sind nun Inspektionsreisen nach England, Italien, Frankreich, Dänemark, Norwegen«.

Er hat ein Haus »an einem breiten Bach in einer waldigen Gegend von New Jersey«. Es ist ein »altes Kolonistenhaus aus Holz, mit weißen Klinkerschindeln, blauschiefrigem Dach« und »wird besorgt von D.E.'s Mutter«. Die seufzt über D.E., »wenn er sich abends in sein Schreibzimmer begibt mit dem französischen Rotwein«. Da sitzt er »an seinem stählernen Trumm von einem Schreibtisch, eine gewichtige, betrübte Figur in der Nacht, und telefoniert mit der Insel Manhattan. Er hat »das Kind herumgekriegt. Marie lacht über seine Grimassen«, über seine »Vorführung von nölendem Mecklenburgisch«, und sie beneidet ihn um sein Englisch, »denn D.E. ist in Sprachen ein Papagei«. Den Namen »D.E.« hat er von Marie, »weil sie den geringen Schluckauf zwischen ›Di‹ und ›I‹ genießt«. Betritt die Cresspahlsche Wohnung, »den Kopf schnuppernd erhoben, ehrfürchtig ausrufend: Die gu-te mecklenbur-gische Küche! Und Marie lacht.«

143-145 Gesine spricht einen »Phonopost«-Brief an D.E. »Und weil du es hören willst, sage ich es dir: Wenn de annern nich to Hus sünd, bist Du de Best.« [Wenn die anderen nicht zu Hause sind, bist du der Beste.]

166-168 »Phonopost« von D.E. aus Griechenland, u.a. über seine erfolglosen Versuche, Karsch in Italien zu treffen.

268-272 Am 7. November 1967 sind Gesine und Marie Cresspahl zu Besuch bei D.E. und seiner Mutter in New Jersey. »In diesem Hause werden den Gästen Wünsche in die Augen gelesen.« Über die Geräusche am Morgen.

323-329 Hilft Gesine und Marie bei der Entführung Karschs, besorgt das Lösegeld, gibt ihnen seinen Bentley für die Geldübergabe.

331-335 Rückblick auf einen Aufenthalt Gesines, Maries und D.E.'s in Richmond 1966 auf den Spuren Cresspahls.

335-342 Rückblicke auf das Leben und Reisen mit D.E. in den zurückliegenden Jahren aus Gesine Cresspahls Sicht. Seine Beziehung zu ihr und Marie. – »Er wünscht sich, ›mit uns zu leben‹. Wir haben nicht einmal die Herkunft noch gemein. Seine Vergangenheit, die Leute und das Land, Schusting Brand und Wendisch Burg, achtet er gar nicht für Wirklichkeit. Er hat seine Erinnerung umgesetzt in Wissen. Sein Leben mit anderen in Mecklenburg vor doch nur vierzehn Jahren, es ist weggeräumt wie in ein Archiv, in dem er die Biographien von Personen wie Städten fortführt auf den neuesten Stand oder nach Todesfällen versiegelt. Gewiß, es ist alles noch vorhanden, beliebig abrufbar, nur nicht lebendig. Damit lebt er nicht mehr.«

Der Sozialismus sei für D.E. und seine Freunde »eine theoretische Übung, das Spiel mit einer nicht verfügbaren Alternative; davon die Wurzeln sind nicht biographisch.« Zwar habe D.E. seinen Einsatz für den Fall Ingrid Babendererde (vgl. 41) gewiss »nicht nur in Schlußfolgerungen, auch in Gefühlen ausgewertet«, aber im Grunde wünschten er und seine Freunde »abstrakt, es werde ihnen eine vollkommene Revolution übergeben, human in der Ausführung, humanistisch in der Auswirkung«. – Ähnlich »sentimental« sei der ›Club der Carola Neher‹, den er mit zwei Freunden unterhalte.

Gesine über seinen Umgang mit ihr: »Er nimmt sich nicht heraus, mich zu kennen.« – »Er zeigt Vieles, das ist erträglich, davon das meiste ist erheiternd.« – »Er trinkt für siebzig Dollar im Monat, jawohl, und wem das mißfällt, der vermöchte es nicht; und wenn er allein ist dabei, bestraft er sich und stellt seinen Beaujolais kalt.« – »Er macht das hiesige Spiel mit, in dem jeder sein Geld zeigen soll«. – »Geriete ich bei ihm in einen Käfig, er wäre nach meinen Maßen und nach meinen Angaben gefertigt, bis zu den beliebigen Konten und Kreditkarten. Nur, wozu braucht er Jemanden zum Leben?«

533-537 Über D.E.'s Besuche am Riverside Drive, Maries Verhältnis zum ihm. An  Silvester und Neujahr 1967/68 ist »Mr. Erichson, professor of physics & chemistry, Berater der hiesigen Luftwaffe in Fragen der Funkmeßtechnik« bei Gesine und Marie zu Gast.

681-683 Gesine berät mit D.E. über de Rosnys Reaktion auf ihre Mitteilung, dass Mr. Weiszand sie über das tschechoslowakische Projekt auszuholen versucht.

709-710 Bringt von einer Reise aus Kopenhagen ein Kleid für Marie und eines für Francine mit.

752 Als Gesine im Februar 1968 schweres Fieber bekommt, schickt er seine Mutter nach New York, um sie zu versorgen.

814-818 Brief an Gesine Cresspahl, den sie am 3. März, ihrem Geburtstag, erhält: »Du sollst nicht mich heiraten; du sollst mit mir leben«. – Er möchte seine »Anhänglichkeit« an Gesine nicht so verstanden wissen wie die an Eva Mau, mit der er vom Sofa fiel, als seine Ostberliner Zimmerwirtin Klothilde Schumann »einmal ohne zu klopfen hereinkam«.

863-866 Gesines Antwortbrief.

905-908 Mit Gesine in der Bar von Wes am 23. März 1968. D.E. stellt sie als seine Frau vor.

1088-1091 Am 30. April 1968 erwarten Gesine und Marie ihn im Restaurant am Flughafen Kennedy bei einem Zwischenstopp zwischen zwei Reisen: »Älter macht ihn das feiste Fleisch im Gesicht, bläulich eher von aufgegangenen Adern als von Außenwind. Er kann recht grau und aus Entfernungen blicken, und so behende er sein stark bewachsenes Knochengerüst zu bewegen weiß, es mag Einem bejahrt erscheinen.« – »So sollten wir zusammen bleiben, er wünscht es sich. [...] Marie wäre einverstanden. Er wird nicht mahnen. Es fehlt nur ein Wort, ein ausgesprochenes. Warum ist es nicht möglich?«

1095 Gesine nennt D.E. »einen künftigen Kriegsverbrecher, in privaten Kreisen der Stadt bekannt als D.E.«.

1143-1151 »Aus dem Leben von D.E., genannt Professor Erichson. Abgefragt von Marie«: Geboren 1928, aufgewachsen in Wendisch Burg, Sohn eines Friseurs, die Mutter »vom Lande, lose verwandt mit den Fischer-Babendererdes; er »lernte sein Latein und ging nachts mit zum Fischen«; nach dem Wunsch seines Vaters »hätte er abgerichtet werden sollen auf den Ordensburgen der Nazis«, aber seine Mutter ließ die »ehrenvolle Einladung« heimlich verschwinden, so dass er nur »Dienst in der Marine-H.J.« tun musste. »Rottenführer Erichson« fiel auf »beim Abgeben von Lebensmitteln bei den Sedenbohms (Mischehe, nicht privilegiert, Sternträger)«. 1943 bei der Flieger-HJ, verliebt in ein Mädchen aus Fürstenberg. Im »Flak-Unterricht fiel er auf mit seiner Wissenschaft von Schallgeschwindigkeiten bei wechselnden Temperaturen und dem Betrieb eines Maschinensatzes«, wurde daraufhin »in der Luftschlacht um Berlin Flugmelder am Flakfernrohr. Solche Vergünstigungen fielen ihm zu, die Sache Sedenbohm hing ihm dennoch an; er war nicht beliebt und nicht beneidet.« – Im Januar 1945 wurde er an die Oder kommandiert, »unterwegs desertierte er. Dem Mädchen aus Fürstenberg zuliebe? Gewiß, Marie«. Das Mädchen ist heute verheiratet: »Mit einer chirurgischen Klinik in Hamburg«. – Seine Schwester Heike starb im Mai 1945. 

1317-1327 Von Gesine und Marie gerufen, kommt D.E. am 8. Juni 1968 von New Jersey nach New York, um mit Marie am Fernseher die Beisetzungs-Zeremonien für Robert F. Kennedy zu sehen. »Auch das Kind will einen Schiedsrichter«. – »Mit seinen Vorbereitungen kriegt er Marie befangen; seine Rolle nötigt ihr die des Veranstalters auf.« – Darüber »verrutscht ihr das fromme Gefühl«.  – Nach der langen Fernseh-Nacht ist Marie auf dem Sofa eingeschlafen, während Gesine und D.E. einen Spaziergang im Riverside Park machen. Mrs. Cresspahl findet »vor dem Durchgang zur Promenade am Hudson eine gut zugewachsene Treppe, auf der sie sich Herrn Prof. Dr. Erichson an die Brust legen kann und ohne Unterbrechung weinen, Schicklichkeit hin, Anstand her. Manche streicheln einen dabei, regelmäßig über ein Schulterblatt abwärts, wie ein untröstliches Pferd; dieser hält einfach fest, sucht nicht mehr Berührung als gewünscht, spricht nicht.«

1327-1334 Am nächsten Tag fahren Gesine und Marie mit D.E. nach New Jersey. In seinem Garten spricht Gesine mit ihm über ihre Erzählungen für Marie und über die Frage, welche Teile der Geschichte ihrer Familie dem Kind zuträglich sind. Gesine: »Deine Fürsorglichkeit gegen diese Göre ist nachgerade lächerlich!«

1541-1549 Besucht Anita Gantlik im Juli 1968 in Berlin. – Gesine Cresspahl schreibt Anita am 13. Juli 1968 über ihr Leben mit D.E.: »Worauf wir gewartet haben, ist eine Zeit gleich nach Handschlag und Umarmung, die fange ich an mit der Einladung, der Bitte geradezu: Vertell, vertell! [Erzähl! erzähl!] Und Marie hat schon in die Hände geklatscht und mecklenburgisch gesprochen und gerufen: Du lüchst [lügst] so schön!« – Gesine findet, dass er »ein wenig aussieht wie ein Student, der fliegenden Haare wegen«. – Es kommt ihr vor, als »hätten wir, jeder an seinem Platz, ein Stück für den anderen gelebt, aufbewahrt und mitgebracht, dem gegenseitigen Wohlgefallen zuliebe«. – »Der fürchtet kein Vertrauen. [...] Hier haben wir jemand, der sieht davon ab, uns zu verändern.« – Nach einem Besuch bei Gesine: »Wer zuletzt lachte, das war D.E., allein nach Westen unterwegs in seinem hochnäsigen Bentley. Still lachend allein in der Nacht. Denn er weiß wohl, zu welcher Zeit ich mein Bett aufschlage, und was ich unterm Laken gefunden habe. Es ist Králs Reiseführer durch die Čechoslowakische Republik von 1928. Damit ich dort heutzutage meine Wege finde [...]. Liebe Anita. So verhält es sich mit uns.«

1591-1595 Am 21. Juli 1968, ihrem 11. Geburtstag, schreibt Marie Cresspahl an Anita Gantlik: »Gesine will ihn heiraten. Im Herbst, wenn wir Prag hinter uns haben«. – Es ist »der erste Geburtstag, den D.E. für mich gemacht hat«. Seine Geschenke. – Er hat eine Wohnung entdeckt für das neue Zusammenleben; fünf Zimmer im vierzehnten Stock eines Hauses am Riverside Drive: »Auf der Höhe der Columbia-Universität, wo es so nach Paris aussieht«. – »Er zeigt einem wohl was zum Denken, aber dann sollst du es selber tun«.

1686 Gesine beauftragt D.E.'s ›Club der Carola Neher‹ mit Recherchen über Willi Kreikemeyer.

1740-1741 D.E.'s Anwalt Mr. Josephberg teilt Gesine Cresspahl D.E.'s Tod mit: »Laut letztwilliger Verfügung von Herrn Dr. Dietrich Erichson ist Ihnen als erster Person Mitteilung zu machen für den Fall, daß er sterben sollte.« Gesine erfährt: D.E. starb »bei einem Absturz in der Nähe des Platzes Vantaa in Finnland« am Samstag, 4. August 1968, um acht Uhr morgens in einer von ihm selbst geflogenen Cessna. – Gesine ist seine Alleinerbin, seine Mutter hat in seinem Haus »Wohnrecht bis zu ihrem Ableben«. – Gesine lässt sich von Mr. Josephbergs Sekretärin Frau Gottlieb zu ihrem Büro bringen.

1741-1745 Gesine Cresspahl allein in ihrem Büro mit Gedanken an D.E. – Telefonat mit Anita Gantlik, die aus Berlin anruft und fragt, ob sie nach Finnland fliegen solle: »Anita, der reiste mit einem Zettel, auf dem stand in den vier Weltsprachen: zu verbrennen am Ort des Todes ohne Gesang Ansprache Predigt Musik whatsoever. Weißt du, damit er mir keine unnötige Mühe macht mit seinem Tod«. – Gesine geht in D.E.'s Bar, die Bar von Wes, der ihr ein Taxi ordert. – Gesine in ihrer Wohnung. »Wenn man sich schminkt bis zur Ankunft von Marie und dann mit Blick aus dem Fenster sitzen bleibt; vielleicht läßt es sich überstehen.«

1745-1749 Gesine hat Marie nichts von D.E.'s Tod gesagt. de Rosny gibt ihr unter einem Vorwand bezahlten Urlaub bis 19. August 1968. Mit der Post kommt ein letzter Brief von D.E., Gesine geht erneut in die Bar von Wes, um ihn zu lesen.

1755 Telefongespräch mit Anita: »Im Augenblick ist gerade das Schlimmste, daß D.E. von Jakob doch wußte. Daß ich einzig mit dem hab leben wollen, und ihn noch bei mir habe.«

1756-1758 Am 8. August 1968 fährt Gesine nach New Jersey, um D.E.'s Mutter die Todesnachricht zu überbringen.

1766 Damit Marie langsam an den Tod D.E.'s herangeführt werden kann, schickt Anita Gantlik ein Telegramm in seinem Namen mit einer Unfallnachricht, weitere folgen täglich bis zur Abreise nach Prag (vgl. 1785, 1806, 1856).

1853-1854 Gesines Erinnerung an ihre erste Begegnung mit D.E. in Westberlin nach dem 17. Juni 1953.

1876-1887 Am 19. August 1968, einen Tag vor ihrem Abflug nach Europa, rekapituliert Gesine die Jahre ihres Lebens in den USA: »1962 fand uns ein Prof. Dr. Dr. D. Erichson und trug eine Ehe an, nachdem er Marie zu kennen gelernt hatte; bekam vorläufig nur den Namen D.E., weil Marie das gern mochte, den winzigen Schluckauf zwischen einem amerikanischen Laut für D und E. Di-i. Später wußte sie, sie hatte gemeint: Dear Erichson.« – »1963 traute D.E. sich ein erstes Mal zu einem Vorschlag: mir das Leben gefallen zu lassen, und ich tat gehorsam.« – »1968 kam eine vorläufig letzte Nachricht von D.E., dem gefallen hat, wie wir leben. Der Vertrag über eine Geburtstagswohnung für Marie am oberen Riverside Drive, er wird ohne Unterschrift bleiben. D.E. läßt sagen, er sei davon und dahin durch ein Flugzeug, mit tödlichem Ausgang.«

Vgl. auch 25. 37. 84. 136. 202. 277. 285. 343-344. 434. 438. 442. 459. 477. 537-538. 640. 706. 793. 832. 972. 1086. 1225. 1306. 1341. 1470. 1538. 1566. 1583-1584. 1584-1585. 1647. 1734. 1736. 1738. 1739. 1765. 1827. 1828. 1846. 1870. 1872. 1879-1880.

In einer später verworfenen Fassung von »Ingrid Babendererde« (1985) sollte Dietrich Erichson als »Zeuge« der erzählten Ereignisse auftreten. Vgl. auch »Begleitumstände« (1980): »Der neue Anfang führte einen Zeugen ein, vor allem wegen seiner Eigenschaft, um ein Weniges älter, auch erfahrener zu sein als jene Abiturienten des Jahres 1953« (B 74). »Erichson ist ein Zeuge; die Erzählung ist unabhängig. Überliesse man die ihm (und müsste er ausklammern, was er nach dem Mai 1953 erfuhr), so wäre von ihm zu hören, dass er eine Ingrid Babendererde, jetzt an die Achtzehn, kenne von Kindesbeinen an, von den ihren nämlich« (B 77).

Erichson, Frau

Mutter von D.E., lebt mit ihrem Sohn in seinem Bauernhaus in New Jersey.

268-272 Begrüßt Gesine und Marie bei deren Besuch in New Jersey am 7. November 1967 auf mecklenburgische Art: »Nein! Nein! Nein! […] Es sollte Freude ausdrücken«. – Beim Abendessen bringt D. E. sie ins Erzählen, »so daß die alte Frau ganz wach wurde in der Nacht und den Kopf hochnahm. Ihre großen grauen Vogelaugen hielten den Blick der Zuhörer fest«. – Sie war eine Bauerntochter, die nach dem Willen des Vaters »nicht in die Stadt heiraten sollte, und nicht einen Friseur«. – »Nach 1933 ging es aufwärts mit dem Friseursalon Erichson« in Wendisch Burg. – »Von Herrn Hitler hielt sie nicht viel. Das sagt sie mir zu Gefallen«, denkt Gesine. – »Sie war von Überzeugung eine Royalistin«. – »Sie ging einkaufen für die Juden, als die sich nicht mehr auf die Straßen von Wendisch Burg trauten«. Gesine denkt: »Wenn es doch zum Glauben wäre. Hätte sie es doch getan.« – »Wir werden ihr doch nicht sagen, daß wir das nicht glauben. Gute Nacht, Frau Erichson.«

752 Kommt nach New York, als Gesine im Fieber liegt (vgl. auch 770-771).

1145 Sie ist »lose verwandt mit den Fischer-Babendererdes in Wendisch Burg«.

1146 Nach dem Willen des Vaters hätte D. E. »abgerichtet werden sollen auf den Ordensburgen der Nazis«, aber seine Mutter ließ die »ehrenvolle Einladung« heimlich verschwinden, so dass er nur »Dienst in der Marine-H.J.« tun musste.

1756-1758 Gesine Cresspahl überbringt ihr die Nachricht von D.E.'s Tod. »Glöwst du dat, Gesine? – Ick sall. Ich möt. – Verbrennt un inbuddelt un nu nicks mihr? – Hei wull dat so«.

Vgl. auch 323. 329. 338. 344. 1317. 1327. 1549. 1592. 1741.

Erichson, Heike

Schwester von D. E., im Januar 1933 in Wendisch Burg geboren.

1146 »Erst einmal war da die Schwester, fünf Jahre jünger. Und Heike kam mit auf das Eis, wenn er da mit den Fischerskindern Schlittschuh lief.«

1150 »Starb im Mai 1945. [...] So alt wie Gesine im Juli 45«, also 12 Jahre und 4 Monate.

Erichson (Oll Erichson)

Vater von D.E., Inhaber eines Friseursalons, »Firma Erichson, ff. Frisuren für Damen und Herren, an der Alten Straße von Wendisch Burg, beim Krug zu den Drei Raben« (1145).

271 »Nach 1933 ging es aufwärts mit dem Friseursalon Erichson, zwei Mädchen in der Damenabteilung, nicht lange drei Gesellen für die Herren.« – Geriet im Krieg in sowjetische Gefangenschaft, schrieb Briefe an seine Frau aus einem Arbeitslager bei Stalingrad.

1145 »Erichson wollte herrschen über mehr als eine Familie und hatte sich gleich 1939 zur Wehrmacht gedrängt, 1940 nahmen sie ihn.«

1146 »Nach des Alten Wunsch und Sehnsucht« hätte D.E. »abgerichtet werden sollen auf den Ordensburgen der Nazis«, aber seine Mutter ließ die »ehrenvolle Einladung« heimlich verschwinden, so dass er nur »Dienst in der Marine-H.J.« tun musste.

1148 »Oll Erichson war seit dem Februar 1942 vermißt, die Mutter saß allein mit der Schwester in Wendisch Burg.«

Erinnerung

64 »Das Stück Vergangenheit, Eigentum durch Anwesenheit, bleibt versteckt in einem Geheimnis, verschlossen gegen Ali Babas Parole, abweisend, unnahbar, stumm und verlockend wie eine mächtige graue Katze hinter Fensterscheiben, sehr tief von unten gesehen wie mit Kinderaugen«.

125-126 Gesine über die Spiegelungen in den Glasscheiben der »zweiten Klapptürfront des Windfangs« ihrer Bank: Beim Zurückschwingen der Tür kommt der Spiegel (der gegenüberliegenden Straßenseite) »zurückgeschwungen im Widerschein der hellen Marmorflächen im Foyer und ist nun ein Bild aus Schatten, stillen und losen, oben von einhängendem Dunkel eingefaßt wie von Baumkronen, und zwischen den Abbildern von Schattenmenschen ist der Hintergrund tief geworden, weißliches Seelicht gesehen unter laubgrün, Boote auf dem Wasser, vor mir unverlierbar gewußte Umrisse, Namen voll Zeit, und erst wenn ich das Bild an der von Neon beleuchteten Ecke des Fahrstuhlschachts verliere, versieht mein Gedächtnis den freundlichen Anblick und Augenblick und Moment mit einem scharfen Rand von Gefahr und Unglück. So der dick bedeckte Tag aus Dunst über dem jenseitigen Flußufer, über den austrocknenden Laubfarben vor dem verwischten Wasser, erzeugt Verlangen nach einem Tag, der so nicht war, fertigt mir eine Vergangenheit, die ich nicht gelebt habe, macht mich zu einem falschen Menschen, der von sich getrennt ist durch die Tricks der Erinnerung.«

226-229 Die New York Times berichtet über ein Experiment an der Universität Princeton, das der Funktionsweise des Gedächtnisses galt und zu dem Ergebnis gekommen ist, dass der Mensch dazu neigt, »Dinge zu vergessen, die mit unangenehmen Erfahrungen zu tun haben«. Gesine diskutiert darüber mit einem erdachten Gegenüber (dem Genossen Schriftsteller?).

230-235 Gesine will das Princetoner Experiment an sich selbst wiederholen, dazu soll ihr der Genosse Schriftsteller zehn Wörter nennen. Die Wörter »Plisch, Plum, Schmulchen, Schievelbeiner, Roosevelt, Churchill, bolschewistisch, Weltjudentum, Untermenschen, Intelligenzbestie« lösen Gesines Erinnerung an das Foto von Bergen-Belsen aus, das sie kurz nach dem Krieg in der Zeitung gesehen hatte und dessen schockierende Wirkung seither nicht aufgehört hat.

240 Marie über die Stunde, die sie durch die Zeitumstellung im Herbst zurückbekommt: »Und wenn ich mich nun nicht erinnere, ist es dann auch noch wirklich?«

670 Gesine im Gespräch mit Marie: »Aber ich weiß nicht, warum meine Erinnerung es aufgehoben hat. Warum nicht einen anderen Anblick, einen mehr vernünftigen Wortwechsel? – Die Katze Erinnerung, wie du sagst. – Ja. Unabhängig, unbestechlich, ungehorsam. Und doch ein wohltuender Geselle, wenn sie sich zeigt, selbst wenn sie sich unerreichbar hält.«

Vgl. auch Erfinden, Erzählen, Gedächtnis und Katze(n)

Ertzenberger

Professor für Anglistik an der Universität Halle, 1952.

232 »Die Studentin Cresspahl 1952 in Halle ertrug die Vorlesungen eines Professors Ertzenberger, solange sie aus ihrem Gedächtnis wegdachte, daß er einer der überlebenden Juden war«.

1835 Ertzenberger »war abgereist an eine Universität im westlichen Deutschland, als der Große Genosse Stalin am 12. Januar [1953] eine Verschwörung jüdischer Ärzte aufgedeckt, entlarvt und zerschlagen hatte in seiner eigenen Stadt Moskau. Nachdem ihm vom Kollegen auf den Fluren einer Universität in Halle der morgendliche Gruß verweigert worden war«.

Vgl. auch 778-779.

Erzählen

143-144 Gesine Cresspahl auf einem Tonband für D. E.: »Marie besteht darauf, daß ich ihr weiter erzähle wie es gewesen sein mag, als Großmutter den Großvater nahm. Ihre Fragen machen meine Vorstellungen genauer, und ihr Zuhören sieht aufmerksam aus. […] Aber was sie wissen will ist nicht Vergangenheit, nicht einmal ihre. Für sie ist es eine Vorführung von Möglichkeiten, gegen die sie sich gefeit glaubt, und in einem andern Sinn Geschichten.« – »Mein Erzählen kommt mir oft vor wie ein Knochenmann, mit Fleisch kann ich ihn nicht behängen«.

150-151 Marie wünscht sich, dass Gesine ihr Tonbänder bespricht: » Was du jetzt gedacht hast, was ich erst später verstehe. […] – Auf Papier, mit Datum und Wetter? – Auf Tonband, wie Phonopost. – Für wenn ich tot bin? –  Ja. Für wenn du tot bist«.

298 »Wer erzählt, muß an alles denken«.

561 Gespräch zwischen Gesine und Marie Cresspahl: »Es ist nur gesagt, wie es damals aussah. – Warum nicht, wie es war? – Weil es erst Jahre später herauskam, ob seine [Robert Papenbrocks] Geschichte stimmte. Soll ich in der Zeit durcheinander erzählen? – Nein. Obwohl ich jenes Jerichow nicht nach Jahren sortiere. – Sondern. – Nach deinen Leuten. Was ich von ihnen weiß. Was ich von ihnen halten soll.«

670-673 Marie und Gesine über Erzählen und Erinnerung.

832 Gesine zu Marie: »Hier wird nicht gedichtet. Ich versuche, dir etwas zu erzählen«.

1028 Gesine zu Marie: »Wollen wir springen in der Erzählung?«

Vgl. auch Erfinden, Erinnerung, Gedächtnis und Katze(n).

Esmeralda

Hauswartsfrau, Fahrstuhlführerin in dem Haus 243, Riverside Drive in New York, in dem Gesine und Marie Cresspahl wohnen.

133 »Zu den anderen frühen Geräuschen des Sonntags gehört das Ächzen des Liftkabels, wenn Esmeralda den Jungen vom Zeitungsvertrieb West End ins dreizehnte Stockwerk fährt.«

174 »Wir kennen diese Lieder von einem karibischen Himmel schon aus dem Taschenradio, das Esmeralda in ihrem Fahrstuhl auf und abwärts durch unser Haus führt.«

Vgl. auch 25. 292. 1298. 1665.

Esther

Nicht näher charakterisierte, stets nur erwähnte Figur. Von ihr ist meistens im Zusammenhang mit den Hausangestellten am Riverside Drive 243, Jason und Bill Shaks, die Rede.

40 Über D.E.'s Bemühungen um Gesine und Marie: »D.E. schickt Blumen, Telegramme, Theaterkarten, Bücher. Er führt Marie zum Essen aus, er hat sich mit Esther angefreundet«.

220 Marie Cresspahl, von Gesine befragt, welche Neger sie nicht hässlich finde: »Jason, Esther, Shakespeare

1756 Auf der Fahrt zu D.E.'s Mutter, der sie die Nachricht von D.E.'s Tod zu überbringen hat, erinnert Gesine sich: »Oh you can't buy memories! hat einmal Esther ausgerufen. And you can't get rid of them, either.«

Vgl. auch 442.

Ewert, Ewert

978-979 Schleusenwärter bei der ersten Havel-Schleuse südlich von Wendisch Burg, den Martin Niebuhr im April 1945, als SS seine Havelschleuse sprengen will, anruft. Ewerts Schleuse ist schon von der Roten Armee eingenommen, ein Offizier nimmt ihm den Hörer aus der Hand und lässt sich von Martin Niebuhr alle Informationen für eine kampflose Einnahme von Wendisch Burg geben. 

F

Fang Liu, Mr.

65 Betreiber einer Wäscherei in der Nähe des Broadway. Gesine und Marie Cresspahl zählen zu seinen Kunden.

318 Das entzückte Nasenkräuseln, das Dr. Semig beim Anblick seines Patenkindes Gesine an den Tag legt, erinnert Marie an Mr. Fang Liu.

Vgl. auch 520.

Faure, Henri R.

Belgier, zwanzig Jahre alt, besucht seine Großeltern, Mr. und Mrs. Faure, im Herbst 1967 in New York.

188 Er überlässt Gesine seinen Pass, mit dem Anita Gantlik einen jungen Mann aus der DDR in den Westen holt, weil der »die anti-israelitische Propaganda der D.D.R. nach dem Junikrieg nicht aushielt«. Henri R. Faure tut das »aus Gründen, die er für politisch hält«.

449 Aus Gesines Brief an Anita Gantlik vom 14. Dezember 1967 geht hervor, dass die Flucht des Jungen geglückt ist, der »einen Bedankmichbrief an Henri Faure« geschrieben hat. »Und Henri hat seinen Paß um und um gewendet und fand keine Spuren und konnte nicht begreifen, daß so ein kleines Ding das Billet sein kann für den Austritt aus einem Lande, das solche Austritte aber nicht will.«

Vgl. auch 190.

Faure, Mr. und Mrs. (Die Faures)

Jüdische Emigranten aus Belgien, Nachbarn von Gesine Cresspahl, Großeltern von Henri R. Faure.

188 Sie wohnen »zwei Blocks von unserer Ecke entfernt«. Sie ›sagen gut‹ für Gesine, als die ihren Enkel Henri bittet, seinen Pass für eine von Anita Gantliks Fluchthilfeaktionen auszuleihen, bei der ein neunzehnjähriger junger Jude aus der DDR in den Westen geholt werden soll. »Eigentlich trauen sie mir Maries wegen. Sie nehmen das Kind als Garantie. Leider glauben sie, daß wir diesen Transport in den Westen der Judenheit zuliebe übernehmen, und sind gerührt.«

449 Nachdem die Flucht geglückt und Henri Faures Pass wieder unversehrt nach New York zurückgekommen ist, sind »die alten Faures überzeugt, daß sie keinem Unfug aufgesessen sind«. Sie glauben immer noch, »wir hätten das für die Judenheit getan und grüßen schon von ferne. Es sind recht alte Herrschaften, und er lüftet seinen Hut mit einem steifen, eleganten Schwung. Und jedes Mal bleiben sie stehen und führen ein Gespräch auf. Mein Französisch hat mittlerweile einen belgischen Einschlag.«

562 Small Talk mit den alten Faures am 7. Januar 1968.

Vgl. auch 323. 1107.

Feldman, Mr.

Angestellter der städtischen Fürsorge in New York.

771-774 Holt Francine nach zwölf Tagen bei Cresspahls ab, um sie zu ihrer Mutter zurückzubringen.

Feliks

Eisenbahner in Olmütz, verheiratet mit Tonja, zwei Kinder. Bei ihnen wohnt Jakob Abs im Herbst 1955 für einige Wochen, als er in Olmütz die Technik des Dispatchens einüben soll.

1807-1811 Gesine erinnert sich an Jakobs Erzählungen von Feliks und Tonja. – »Feliks: schwarzer Kinnbart über immer weißem Hemdkragen; Tonsurglatze«. – Gesine und Marie wollen die beiden während ihres Aufenthalts in Prag aufsuchen.

Ferwalter, Mr.

Vater von Marie Cresspahls Freundin Rebecca, Ehemann von Mrs. Ferwalter.

46-48 Von Beruf Sattler, stammt aus Budweis, wo er »ein kleines Geschäft mit Lederwaren betrieb«; heiratete dort 1947. Nach dem »Putsch der Kommunisten« wanderte er mit seiner Frau aus; beide kamen »über die Türkei, Israel, Canada« 1958 in die USA. Arbeitet als »Geschäftsführer eines kleinen Schuhgeschäfts am Broadway«. Am Sabbat erscheinen er und sein Sohn »feierlich in schwarzen Anzügen und unter stummeligen schwarzen Filzhüten« auf dem Spielplatz im Riverside Park.

501 »Aber wir mögen mit jüdischen Nachbarn befreundet sein, wir mögen als Ausnahme von den Deutschen der Zwölf Jahre gelten, wir bleiben die Gois für sie, und Marie wird nicht dabei sein dürfen, wenn Mr. Ferwalter seine Menorah ansteckt.«

Ferwalter, Mrs.

Mutter von Marie Cresspahls Freundin Rebecca, geb. 1922 in einem Dorf in der östlichen Slowakei, 1944 KZ Auschwitz, später KZ Mauthausen, 1947 Eheschließung mit Mr. Ferwalter aus Budweis, 1958 Emigration in die USA.

45-47 Gesine hat sie bald nach ihrer Ankunft in New York auf einem Spielplatz im Riverside Park kennengelernt, auf dem Mrs. Ferwalter gewöhnlich mit ihrer Tochter die Sabbatvormittage verbringt. Sie hatte Gesine deutsch sprechen gehört und ihr vorgeschlagen, dass die beiden Töchter miteinander spielen könnten. – Sie ist »eine kleine, zu beleibte Frau«, eine »stämmige Person, die gern Hängekleider in roten Farben trägt«, ihr Gesicht ist »zugepackt mit Alter, festgehalten in einem starren Ausdruck von Abscheu, den sie nicht ahnt«. Sie ist Jahrgang 1922, sieht aber aus wie eine Sechzigjährige. – Als Gesine sie zum ersten Mal traf, sah sie »die Nummer, die innen in ihren linken Unterarm tätowiert war«.

Mrs. Ferwalter hat eine Schwäche für alles Europäische, Marie sei ein europäisches Kind. Sie ist Jüdin, stammt aus einem ruthenischen Dorf im Osten der Slowakei. Wurde dort Opfer der Judenverfolgung, 1944 ins Konzentrationslager Mauthausen verschleppt. 1947 heiratete sie Mr. Ferwalter, einen »Sattler, der in Budweis ein kleines Geschäft mit Lederwaren betrieb«. Nach dem »Putsch der Kommunisten« wanderten beide aus und kamen 1958 »über die Türkei, Israel, Canada« in die USA. – »Die Ärzte nennen das Fett in ihren Schultern, ihrem Nacken, am ganzen Leibe einen Ausdruck des KZ-Syndroms«, wozu auch ihre ständige Unruhe und ihre Schlaflosigkeit zählen. – »Sie hat Heimweh nach dem Geschmack des Brotes in Budweis und vielleicht hat sie in diesen sechs Jahren an Gesine festgehalten mit Telefonanrufen und Spaziergängen und Gesprächen im Riverside Park, weil diese Deutsche den Geschmack des Brotes kennt, den sie entbehrt.« 

172 »Bei Ferwalters waren wir noch nie zum Essen eingeladen. Wir sind mit ihnen befreundet. Wir bleiben für sie die Gois.«

301 Mrs. Ferwalter empfiehlt Gesine Herrn Kreslil als Tschechisch-Lehrer.

661 Sie lässt sich von Dmitri Weiszand über Gesine ausfragen, erzählt ihm, dass sie Tschechisch-Unterricht bei Prof. Kreslil nimmt.

788-794 »Mrs. Ferwalter hat einen Teil ihres Lebens verloren in den Konzentrationslagern der Deutschen«, aber die »guten Deutschen« sind für sie entschuldigt: »Sie haben es nicht gewußt.« Sie leidet immer noch an den Folgen der KZ-Haft, kann nicht schlafen. – Weiteres über ihre Vorliebe für alles Europäische. – »Von Negern denkt sie unduldsam und glaubt allen Ernstes, Gott habe diese gemacht, in Schmutz und Armut und Sünde zu leben.« Solange Francine bei Cresspahls wohnt, darf Rebecca Marie nicht zu Hause besuchen. – Vertritt ein streng orthodoxes Judentum. Maries freie Erziehung betrachtet sie mit »entsetztem Mißtrauen«. – Die Ferwalters wohnen in einer Seitenstraße des Riverside Drive, alle Fenster ihrer Wohnung gehen zum Hof. – Vor D.E. hat sie zunächst Angst, er erinnert sie an K.Z.-Aufseher. Später schätzt sie ihn und legt sogar ein gutes Wort für »Professor Erichson« ein, als sie zu wissen glaubt, dass Gesine mit de Rosny ein Verhältnis hat. Das hat ihr Mr. Weiszand erzählt.

981-982 Ferwalters feiern das Passah-Fest nach den orthodoxen Regeln. Ihr Passahgeschirr stammt aus Deutschland. Auf Gesines Bitte hatte Karsch es besorgt und zollfrei nach New York geschickt. Es ist ein Service von Rosenthal.

1165-1169 Der Prager Frühling interessiert Mrs. Ferwalter nicht. – Im Mai 1968 bekommt sie die Einbürgerungspapiere, sie kann es »nicht verbergen, daß die Aussicht auf den amerikanischen Paß ihr bevorstand wie eine neue schützende Hülle«. Mrs. Ferwalter teilt Gesine und Marie ihr Glück mit. Die Staatsbürgerschaft eröffnet ihr auch die Aussicht auf individuelle Wiedergutmachung aus Deutschland. Um zu beweisen, dass sie unter deutscher Herrschaft gelebt hat, muss sie Deutschkenntnisse nachweisen. Gesine und Marie helfen ihr, einen Brief auf Deutsch zu schreiben. Mrs. Ferwalter feiert den Tag ihrer Einbürgerung mit einer Taxifahrt und lädt die Cresspahls zum ersten Mal in ihre Wohnung ein.

1785-1789 Sie erzählt Gesine von ihrem Leben in Konzentrationslagern. »So wie wir hier sprechen habe ich mit dem Mengele geredet. Ich wurde selektiert ins Magazin als Einweiserin.« – »Das eigentlich Schlimme war: daß die Deutschen die Juden zwangen, einander umzubringen. Verwandte ins Feuer zu werfen bei lebendigem Leibe.«

Vgl. auch 37. 118. 175. 323. 477. 574. 585. 1133. 1301. 1663.

Ferwalter, Rebecca

Freundin von Marie Cresspahl, Tochter von Mrs. Ferwalter.

45-47 Ihre Mutter hat die Verbindung mit den Cresspahls hergestellt. Sie ist »ein sittsames Kind mit den Haaren der Mutter, einer Puppe ähnlich mit ihrem kleinen mißtrauischen Mund, ihren schwärzlichen Augenbrauen, dem großen steifen Kragen, dem gebügelten Jackenkleid«.

172 Rebecca wird jüdisch-orthodox erzogen. An den jüdischen Festen und Ritualen darf Marie nicht teilnehmen.

488 Rebecca geht mit Marie und Pamela Blumenroth im Mediterranean Swimming Club schwimmen.

707 Rebecca übernimmt die rassistischen Vorurteile gegen Schwarze von ihrer Mutter. Als sie Francine bei Marie antrifft, gerät sie in Verlegenheit, »Rebecca, die adrette Person in dem Jackenkleid nach einem verkleinerten Muster für Erwachsene, Rebecca mit dem damenhaften Gehabe und dem puppenhaften Maskengesicht, sie fühlte sich in einer Falle und erfand während eines recht förmlichen Gesprächs den Befehl Mrs. Ferwalters, nach dem sie sich nur zehn Minuten lang aufhalten durfte bei uns.«

Vgl. auch 24. 89. 178. 501. 585. 789-792. 862. 981. 1023. 1166. 1785. 1789.

Fieser, Louis Frederick

Professor emeritus der Universität Harvard (1899-1977), Erfinder des Napalm.

520 »Louis Frederick Fieser, deutsch auszusprechen. Im Herbst 1941 bekam er den Vertrag vom Nationalkomitee für Verteidigungsforschung, Mitte 1942 war er fertig. Was er sagt: – Man weiß doch nicht was kommt. – Sie können doch auch nicht die Leute anklagen, die das Gewehr auf den Markt brachten, das den Präsidenten getötet hat. – Ich weiß nicht genug von Viet Nam.«

Fischland

Südwestlicher Teil der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst an der Mecklenburger Bucht. An seinem nördlichen Ende liegt Althagen mit dem Ferienhaus der Paepckes.

1495-1496 Gesine Cresspahl: »Das Fischland ist das schönste Land in der Welt. Das sage ich, die ich aufgewachsen bin an einer nördlichen Küste der Ostsee, wo anders. Wer ganz oben auf dem Fischland gestanden hat, kennt die Farbe des Boddens und die Farbe des Meeres, beide jeden Tag sich nicht gleich und untereinander nicht. Der Wind springt das Hohe Ufer an und streift beständig über das Land. Der Wind bringt den Geruch des Meeres überallhin. Da habe ich die Sonne vor mir untergehen sehen, oft, und erinnere mich an drei Male, zwar unbeholfen an das letzte. Jetzt sackt das schmutzige Gold gleich ab in den Hudson. [...] 1947, im Sommer, war ich auf dem Fischland. Niemals mehr.«

Vgl. auch 9. 841. 878. 879. 882. 883. 884. 885. 926. 952. 953. 954. 955. 1017. 1489. 1490. 1491. 1492. 1493. Anhang XIV.

Fitzpatrick, Linda Rae

Opfer der Drogen-Szene in New York.

157 »Das Mädchen, aus reicher Familie in Connecticut«, lebte als Achtzehnjährige unter Hippies im East Village von Manhattan; am 7. Oktober 1967 ermordet in einem Keller an der Avenue B, zusammen mit James H. Hutchinson.

Vgl. auch 180. 186.

Fleury, Annie (geb. Killainen)

Fremdsprachensekretärin, gebürtige Finnin, verheiratet mit F. F. Fleury, drei Kinder, Freundin von Gesine Cresspahl. Lebt mit ihrer Familie in einem Farmhaus in Vermont.

153-156 Am Wochenende vom 7./8. Oktober 1967 besuchen Gesine und Marie die Fleurys in Vermont. Gesine lernte Annie 1962 kennen, da hieß sie noch Killainen und war »eine dralle, eine quicke Person mit Apfelblütenfarben«. Sie stand eines Tages vor der Tür, wollte Gesines Vormieterinnen besuchen. »Sie ist auch von der Ostsee, der bottnischen, ein Bauernkind, das mit Stipendien nach Helsinki und Genf gekommen war.« – Sie hat dann F. F. Fleury, einen Romanisten, geheiratet, mit dem sie in einem Farmhaus in Vermont lebt. Das Paar streitet sich oft, so auch an diesem Wochenende, an dem Gesine sich Fleurys Grobheiten anhören muss. – Am Sonntagmorgen schleichen Gesine und Marie heimlich aus dem Haus und fahren nach New York zurück.

564-567 Kommt im Januar 1968 mit ihren drei Kindern nach New York, sie will ihren Mann verlassen »wegen Viet Nam« (er befürwortet den Vietnamkrieg, sie nimmt an Demonstrationen gegen den Krieg teil). Gesine und Marie nehmen sie auf.

580-592 Das Leben mit Annie und ihren Kindern in der Cresspahlschen Wohnung. – In einem Gespräch mit ihren Toten bekommt Gesine die Freundin als Vorbild vorgehalten, weil Annie wenigstens »nicht nichts getan« hat gegen den Vietnam-Krieg. – Marie zeigt den Fleury-Kindern die Stadt. – An einem Sonntag (14. Januar 1968) ist Annie Zuhörerin bei Gesines Erzählungen für Marie.

636-639 Gesine bekommt einen Brief von Annies Mann, in dem er sie heftig angreift und sie beauftragt, Annie auszurichten, dass sie mit den Kindern zurückkommen könne, er werde nicht da sein, weil er als Korrespondent für eine Bostoner Zeitung nach Saigon gehe, »vorerst nur für die Zeit einer Artikelfolge. Er will sehen, wie es dort aussieht.«

640-642 Nach zweieinhalb Wochen, nachdem sie Fleurys Brief an Gesine gelesen hat, reist Annie mit ihren Kindern ab. Sie fährt nach Finnland.

1766-1770 Am 9. August 1968 kommt Annie mit ihren drei Kindern aus Finnland zurück, um wieder zu Fleury zu ziehen. Sie macht Station in New York, wohnt aber nicht bei Gesine, sondern in einem teuren Hotel, in das sie Gesine und Marie einlädt. Sie berichtet von Fleury, der inzwischen als Berichterstatter in Vietnam war und ihr in »beschämten Berichten seinen Irrtum« gebeichtet hat. Annie »kann nicht mehr, ein Leben ohne den Mann geht über ihre Kräfte«. Gesine und Marie Cresspahl fliegen mit ihr nach Vermont, wo »Annie dem ihr angetrauten Mann heulend an die Brust sinkt, ein dicklich gewordenes, schlaffes Kind in ihrem verrutschten Schneiderkostüm«. Gesine ist erleichtert, sich schon bald von dem »gedrückten mutlosen Ehepaar« verabschieden zu können.

Vgl. auch 385. 576. 593. 607. 615. 1322.

Fleury, Annina S.

Tochter von Annie und F. F. Fleury.

154 »Annina S., das Apfelkind: sagt Marie«.

Vgl. auch 585. 1767.

Fleury, Francis R.

Jüngstes Kind von Annie und F. F. Fleury.

154 »Francis R., das Knickebein: sagt Marie«.

Vgl. auch 1768.

Fleury, Frederick F.

Romanist, Übersetzer aus dem Französischen, verheiratet mit Gesines Freundin Annie, geb. Killainen, drei Kinder, lebt mit seiner Familie in einem alten Farmhaus in Vermont.

153-156 Am Wochenende vom 7./8. Oktober 1967 besuchen Gesine und Marie die Fleurys in Vermont. Gesine »gefiel nicht seine Art Französisch zu sprechen, weil er wie Paulchen Möllendorff in Gneez seiner Stimme Gewalt antut beim ausländischen Artikulieren, als verstelle er sich, nicht nur den Mund«. – Fleury lässt sich erst gegen Abend sehen, seine Frau muss ihm einen Drink nach dem andern zubereiten. Bricht einen Streit mit ihr vom Zaun, überhäuft sie mit Vorwürfen und erlaubt sich Grobheiten gegen Gesine. – Am Sonntagmorgen schleichen Gesine und Marie heimlich aus dem Haus und fahren nach New York zurück.

564-565 Im Januar 1968 verlässt Annie ihn und findet mit ihren drei Kindern vorläufige Unterkunft bei den Cresspahls in New York. Anlass sind die unterschiedlichen Ansichten über den Vietnamkrieg: Er befürwortet ihn, Annie engagiert sich gegen den Krieg. »Das wird ihn hart ankommen, allein zu sitzen in einem knackenden Haus im Schnee an den Bergen, alleingelassen von einer Annie, die länger als vier Jahre an der Herstellung eines Lebens auf dem Lande gearbeitet hat, mit drei Kindern und ehrwürdig splittrigen Dielen, die seine Schreibkraft war, seine Sekretärin und die Bewunderin seines Genies als Übersetzer des Französischen«.

636-639 Ende Januar 1968 schreibt er Gesine einen Brief, in dem er sie heftig angreift und sie beauftragt, Annie auszurichten, dass sie mit den Kindern zurückkommen könne, er werde nicht da sein, weil er als Korrespondent für eine Bostoner Zeitung nach Saigon gehe, »vorerst nur für die Zeit einer Artikelfolge. Er will sehen, wie es dort aussieht.« – Kurz darauf reist Annie mit ihren Kindern nach Finnland ab.

1766-1770 Am 9. August 1968 kommt Annie mit ihren drei Kindern aus Finnland zurück, um wieder zu Fleury zu ziehen, der inzwischen desillusioniert aus Vietnam zurückgekommen ist und ihr Briefe geschrieben hat, in denen er »in geduldigen, beschämten Berichten seinen Irrtum beichtet und berichtet; tatsächlich hat die Zeitung ihm gekündigt wegen seiner Reportage über die Leichensäcke, die eine amerikanische Hubschrauberstaffel vorsorglich mitführt bei Einsätzen gegen einen Feind, den die Sendboten westlicher Kultur als ›goon‹ bezeichnen; über die Füllung und den Transport solcher blutfesten Säcke. Bittende Briefe«. Gesine und Marie begleiten Annie und die Kinder nach Vermont und lassen ein ›gedrücktes, mutloses Ehepaar‹ zurück.

Fleury, Frederick F. jun.

Ältester Sohn von Annie und F. F. Fleury.

154 »F. F. Fleury jun., der Boxer: sagt Marie«.

Vgl. auch 585. 587. 

Flohrs, Martje

Friesische Bauerntochter, die im Dreißigjährigen Krieg, von Soldaten gezwungen, einen Trinkspruch ausbringt, den alle Niederdeutschen kennen: ›Up dat es uns wohl goh up unsre ohlen Tage –!‹ (vgl. Jahrestage-Kommentar zu 1770,2).

1770 Nach Annie Fleurys Rückkehr zu ihrem Mann F. F. Fleury, wird Gesine von dem »gedrückten, mutlosen Ehepaar« um einen Trinkspruch gebeten: »Da sagte Mrs. Cresspahl, ohne darauf zu vertrauen, was hier sich gehört von Martje Flohrs.«

Forgbert

Erhard Forgbert (1898-1968), seit 1945 stellvertretender Direktor der Landesbank Mecklenburg, ab 1949 Leiter des Amtes für Volkseigene Betriebe im Wirtschaftsministerium des Landes Mecklenburg.

1378 Der wirtschaftliche Wiederaufbau in der SBZ nach 1945 aus der Sicht des Landrats Gerd Schumann: »Damit nicht genug, du mußt vorerst Bürgerliche in die Verwaltung lassen, da genügt schon, daß sie wenigstens nicht in der Nazipartei waren, daß sie einmal eingesperrt waren wegen eines verweigerten Hitlergrußes; zu oft ist noch wichtiger, daß sie etwas vom Wirtschaften verstehen. Der Präsident der Landesbank Mecklenburg-Vorpommern ist Dr. Wiebering, bürgerlicher Antifaschist, ja, Vizepräsident ist Forgbert, Kommunist, der soll das Bankgeschäft erst noch lernen. Wird er das?«

Vgl. Jahrestage-Kommentar zu 1378,15.

Forst Rowa

Wald und Dorf südlich des Lagers Fünfeichen.

1293 Cresspahl warnt zwei Mitgefangene, die aus Fünfeichen fliehen wollen, vor »bewaffneten Streifen in der Forst Rowa, den nassen Wiesen von Nonnenhof, den ausgedehnten Sperrgebieten der Roten Armee nördlich Neustrelitz«.

Försterkrug

507 Gasthaus in Jerichow, wo Albert Papenbrock gelegentlich einen Schnaps trinkt und »wo die Bänke weder bezogen noch abgewischt waren«.

Vgl. auch 704. 833-834. 1240.

Francine

Schwarzes Kind aus Marie Cresspahls Klasse in New York. Ihre Mutter lebt mit ihr und drei weiteren Geschwistern von der Fürsorge. Im Februar 1968 nehmen die Cresspahls sie für zwei Wochen bei sich auf.

218-221 Disput zwischen Gesine und Marie über Maries gespaltenes Verhältnis zu Francine. Marie hat ihretwegen »Sorgen«, seit Sister Magdalena sie neben sie gesetzt hat: »Sie ist eine Alibinegerin. [...] Ein Alibineger ist einer, der umsonst in unsere Schule gelassen wird.« Gesine: »Damit das Institut nicht die Bundeszuschüsse verliert.« Marie: »Damit das Gesetz belogen wird.« – Marie hat »Arbeit« mit ihr: »Die Arbeit ist das Freundlichsein.« Gesine: »Du magst sie nicht.« Marie: »Ganz recht, ich finde sie häßlich. [...] Nun sagt sie mir ins Gesicht hinein: sie findet mich nett.« – Marie sorgt sich, ihre Freundinnen könnten denken, dass sie Francine »nicht aus Anstand allein« hilft. »Die denken, was Francine denkt: Ich täte das aus Liebe. Ich will da raus.« Gesine rät ihr, die Freundinnen in die Hilfe für Francine einzubeziehen.

247-250 Marie wollte am 1. November 1967 ursprünglich eine eigene Halloween-Party veranstalten und Francine dazu einladen (vgl. 247). Dann geht sie doch zu einer Party mit ihren weißen Freundinnen. Wieder zu Hause, verdrückt sie sich rasch in ihr Zimmer und vermeidet auch noch am nächsten Tag Gespräche mit Gesine. »Es war nicht so. Marcia hatte uns eingeladen, bevor ich jemand einladen konnte. Und zu Marcia darf man gefärbte Kinder nicht mitbringen

344-347 Sie steht »halbe Nachmittage« vor den Läden am Broadway, »denn sie kann nicht nach Hause«. Sie lebt mit ihrer Mutter und drei Geschwistern in einem Zimmer. Ihre Geschwister sind nur Halbgeschwister, jedes Kind »hat einen Vater für sich allein«, aber keiner der Väter kümmert sich um sie, die Mutter lebt von der Fürsorge. Francine bekommt 20 Cent Taschengeld alle vierzehn Tage. Sie kennt ihren Vater nicht. Das Zimmer hat nur zwei Betten. »Der älteste Bruder muß bei der Mutter schlafen, seit er versucht hat, mit Francines Schwester es zu machen.« Der Bruder nimmt Drogen.

440-443 Francine besucht Marie. Sie hat Angst vor Gesine.

705-710 Am 11. Februar 1968, nach einer Messerstecherei, bei der Francines Mutter verletzt wird, nehmen Cresspahls Francine bei sich auf. »Francine wollte der Wachtmeister nicht gern loswerden an weiße Leute. – Wissen Sie auch, was Sie da tun, Lady? sagte er.«

730-734 Marie spricht mit ihrer Mutter über die Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit Francine.

769-774 Nach zwölf Tagen wird Francine von der Fürsorge abgeholt und zur Mutter gebracht.

831 Marie ignoriert Francine in der Schule. »Sie kann sich nicht ausdenken, daß Francine zu der eigenen Mutter nicht zurückgehen wollte. Ihr ist das wie ein Riß im Verständnis von Francine, für den sie noch kein Pflaster hat. Es sieht aus, als habe Francine sie gekränkt.«

841-848 Am 9. März 1968 möchte Marie nach Francine in den Slums der Oberen Westseite suchen, um sich mit ihr »ins Reine zu bringen«. Gesine begleitet sie. Sie können Francine nicht finden. – Vom Portier des Mediterranean Swimming Club, Mr. Welch, erfahren sie, dass Francine dort zweimal nach ihnen gefragt hat. Sie beauftragen ihn, Francine auf ihre Kosten hereinzulassen, falls sie noch einmal auftauchen sollte.

862 Am 13. März 1968 gibt es im Mediterranean Swimming Club eine »ungenaue Aussöhnung« zwischen Marie und Francine. »Die Aussöhnung gilt nicht; sie mögen nicht allein sein, vermeiden einander zu berühren, sitzen weit auseinander. Francine hat sich ein allgemeines Betragen angenommen, nachlässig, unaufmerksam, als verlohnten wir die Anstrengung im Grunde doch nicht.«

1024 »Die Mutter hatte aus ihrem Europa Ideen mitgebracht, die sollte das Kind hier gebrauchen. Alle Menschen seien mit gleichen Rechten ausgestattet, oder zu versehen. Wie konnte Marie danach handeln? Sie konnte der Mutter zeigen, daß sie für eine schwarze Frau im Bus den Sitzplatz eben so beiläufig räumte wie für eine Rosane, sie kann zu Jason in unseren Keller steigen und ihn trösten über die lange lange Zeit bis zum Sonnenuntergang; aber die einzige schwarze Francine in der Schulklasse unter eine europäische Obhut nehmen, wie sollte das ausgehen mit den hellhäutigen Freundinnen? Davon mußte etwas fehlen in Erzählungen zu Hause, und am übelsten war das unablässige Vertrauen der Mutter auf eine Wahrheit, die durch die Lüge nun erst entstand, zusammen mit anderen Unternehmungen zugunsten Francines, die Marie erst recht hatte vermeiden wollen.«

1591 Marie schreibt an ihrem elften Geburtstag am 21. Juli 1968 an Anita Gantlik: »Wir haben sie gesucht auf der ganzen Oberen Westseite der Stadt, und selbst D. E. hat keine Spur. [...] Vielleicht ist sie tot.«

1885 Gesine träumt manchmal von Francine: »Die kleine Person mit den weitläufigen Augen, sie kommt manchmal in faserige Morgenträume, hält den Kopf schräg und flicht ihre störrischen steifen Zöpfe, sagt spöttisch und mit Sehnsucht ›Yes Ma'am – Yes, Ma'am‹; legt zum Abschied ein weißes Tuch mit Spitzenrand auf ihren dunklen Blick und Kopf; die Farbe der Trauer, mag gestorben sein; ist verloren.«

Vgl. auch 718. 725. 751. 753. 784. 826. 1048.

Françoise, Tante

Tante von Alexander Paepcke.

955-956 Nachdem Alexander Paepcke 1944 nach Südfrankreich strafversetzt worden ist, verabreden seine Verwandten, dass seine Frau Hilde »in diesem Sommer nicht allein bleiben sollte«. Sie besuchen sie abwechselnd im Ferienhaus in Althagen, darunter auch seine Tante Françoise. »Sie war streng, unnachsichtig, schwarz und weiß noch in heißem Wetter gekleidet; sie war die erste, auf die Einfälle der Kinder einzugehen. Die Kinder sollten nichts merken.«

1526 Nach Kriegsende ist sie Angehörige des Mecklenburgischen Landtags und kann in dieser Eigenschaft das von Beschlagnahme bedrohte Ferienhaus in Althagen freibekommen für sich, »diese würdige Greisin«.

Vgl. auch Anhang XV.

Freese, Heini

Glasermeister in Jerichow.

411 Jerichower Stadtgespräch: An der Herrichtung des Hauses am Ziegeleiweg 1933/34 verdienen die Handwerker in Jerichow nicht viel, weil Heinrich Cresspahl vieles selbst macht. Auch die Fensterscheiben setzt er selbst ein. »Und was sollte Heini Freese machen, Glasermeister in Jerichow? Die Arbeit bekam er nicht, aber das Glas mußte er Cresspahl doch verkaufen, bloß um wenigstens diesen Verdienst zu kriegen.«

868 Nachdem auf den Flugplatz Jerichow Nord 1942 eine Luftmine heruntergekommen ist, hilft Cresspahl Freese beim Einsetzen der Fenster. »Freeses Vorräte reichten nicht für alle Fenster, und er war knurrig, daß er Dachpappe einsetzen mußte.« – Beim Mittagessen in der Kantine des Flugplatzes fragt er Gesine nach der Schule. »Hauptlehrer Stoffregen hatte es als abgefeimte Tücke der Engländer hingestellt, daß sie für den Angriff [auf Lübeck] eine voll ausgeleuchtete Vollmondnacht genommen hatten. – Was die Kinder heutzutage nicht lernen –! sagte Freese, bewegte den Kopf geniert, sah Cresspahl auffordernd an. Aber der hatte den Kopf über dem Teller, wie das Kind längst.«

Vgl. auch Anhang X.

Fretwust, Alfred

Justizwachtmeister im Untersuchungsgefängnis von Gneez.

587 Nimmt Dr. Semig bei seiner Einlieferung ins Gefängnis das Eiserne Kreuz ab.

589 »Allerdings trug Fretwust Semigs Kriegsauszeichnungen nicht in die Effektenliste ein. Er rechnete nicht damit, daß der Jude seine Orden zurückerhalten werde. Fretwust war auch noch nicht lange Wachtmeister gewesen; von Rechts wegen hätte er im Pumpwerk Gneez den Klärschlamm absaugen sollen.«

624-625 Semigs Frau Dora macht Fretwust mit »Schmiergeldern ganz weich«. Während ihrer Besuche bei ihrem Mann beaufsichtigt er die Treffen und schreibt alles in seine »Mithörkladde«. Insgeheim ist er von Dr. Semig und insbesondere von Dora Semig beeindruckt, sie gehören in seinen Augen zu den besseren Leuten. Er gibt ihnen manchmal Gelegenheit, »einander etwas zuzustecken«, indem er sich kurz abwendet.

1844 Nach Elise Bocks Flucht in den Westen Anfang der 50er Jahre nimmt Fretwust als Bieter an der Versteigerung ihrer Möbel teil.

1861 Kommt auch in der DDR auf seine Kosten, dient dem Regime als Spitzel, ein Anpasser und Stehaufmännchen: »Na, da war er mal wieder.« Gesine: »Nach Alfred Fretwust, Justizwachtmeister, unbedroht, Entnazifizierter der ersten Stunde, unbestraft, nach dem sollt ich Heimweh haben?«

Fritz (Kurier)

Cresspahls Kurier bei der Arbeit für die britische Abwehr. Arbeitet im Luftwaffenforschungsamt in Berlin. Besitzer einer Villa am Deich von Rande, in der er gelegentlich die Wochenenden zubringt und sich mit Cresspahl trifft.

811 Erster Besuch bei Cresspahl. Der »sagte später: ein Tennismann«.

867 Als er Ende April 1942 nicht zu einem vereinbarten Treffen im Strandhotel von Rande erscheint, glaubt Cresspahl, er lebe womöglich gar nicht in Berlin, sondern in Lübeck und sei bei dem schweren Bombenangriff auf Lübeck im März 1942 ums Leben gekommen. Cresspahls Reflexionen über den Mann, der ihm »undeutlich« bleibt. »Der Anblick des Parteiabzeichens an seinem Revers war ihm manchmal schlüssig erschienen, zu anderen Gelegenheiten nicht geheuer. In Rande schienen ihn Leute zu kennen, die sagten Fritz zu ihm. Fritz klang zu jungenhaft, zu locker für den steifen Fünfziger«. – »Cresspahl hätte ihn gern einmal fragen mögen, aus welchem Grund denn er für die Engländer arbeitete; gegen solche Erörterungen hatte der sich mit Förmlichkeit, geradezu Hochmut geschützt.«

884-885 Im Juli 1942 treffen Cresspahl und ›Fritz‹ sich in Althagen, wo Cresspahl Gesine und die Paepckes für eine Woche in ihrem Althagener Ferienhaus besucht. Alexander Paepcke beobachtet zufällig das Treffen: »Auf der Ahrenshooper Straße sah er seinen Cresspahl unterwegs mit einem Mann, der nicht anders zu taxieren war als auf Kurhaus, auf feine Gesellschaft. Einer, der nach Berlin aussah, nach Beamten, nach Parteiabzeichen. Das Parteiabzeichen erblickte Paepcke, als er die beiden überholte, und er hörte, daß Cresspahl mit dem anderen auf eine eifrige Weise zu Gange war. Mit ›Fritz‹ redete er ihn an.«

909-910 Über Fritz' Villa in Rande, in der seit dem Herbst 1942 Leslie Danzmann als seine Hausdame lebt. Er selbst »kam nur an wenigen Wochenenden an die mecklenburgische Ostsee gereist. Bei solchen Gelegenheiten war Cresspahl Gast in der Villa«.

Vgl. auch 1268. Anhang XVII.

Fritz (Kutscher)

58 Kutscher von Papenbrock auf Gut Vietsen; kam mit nach Jerichow, wo er gestorben ist.

Fuchs, Jakobs (›Jakob sin Voss‹)

Eines der beiden Pferde, mit denen Jakob Abs und seine Mutter bei ihrer Flucht aus Pommern in Jerichow ankommen. Jakob hängt an dem Pferd und mag es nicht verkaufen, obwohl er seit seiner Lehre bei der Eisenbahn keine Verwendung mehr dafür hat. Er gibt es auf Johnny Schlegels Hof, wo es als Reit- und Wagenpferd dient. Nach Johnny Schlegels Verurteilung und der Auflösung seiner »Kommune« 1953 durch die Sowjetische Besatzung wird »Jakob sin Voss« geschlachtet.

997 Am Tag der Ankunft in Jerichow lässt Jakob die zwölfjährige Gesine auf seinem Fuchs reiten, nachdem sie vorgegeben hatte, reiten zu können. Sie fliegt »zum großen Erstaunen des Tiers kopfüber über seinen Kopf, ihm vor die Füße. Das Tier hatte sich mit solcher Gewalt angehalten, von unten sah es aus, als werde es gleich nach vorn kippen. Es sah mich vorwurfsvoll an.«

1192 Wie Jakob zu dem Fuchs kam: Nach dem Tieffliegerangriff auf den Flüchtlingstreck, dem er und seine Mutter sich angeschlossen hatten, »war ein Pferd übrig, der Fuchs«. Nun konnten die Absens zweispännig fahren. Ihr eigenes Pferd war ein alter ›klappriger Wallach‹ (vgl. 1232).

1243 Die zwölfjährige Gesine kommt sich oft in Jakobs Blick »unausweichlich festgehalten vor; sie mußte oft an seinen Fuchs denken, der beim Trinken die Augen auf den Menschen abwandte, der ihm den Eimer hielt«.

1273-1274 Bei den Erntearbeiten auf Johnny Schlegels Hof im Sommer 1946 geht Gesine »gern neben Jakobs Fuchs und wollte von ihm wiedererkannt sein. Es sollte Zärtlichkeit sein, wenn ich ihm ins Kopfgeschirr faßte wie zum Führen, es war eher zum Festhalten.«

1513 Johnny Schlegel berichtet dem aus Fünfeichen zurückgekehrten Cresspahl, dass Jakob den Fuchs nicht verkaufen wolle, obwohl er inzwischen eine Eisenbahnerlehre in Gneez mache. »Ob Cresspahl da mal mit ihm reden könne von Mann zu Mann.«

1514-1516 Am Tag von Cresspahls Rückkehr aus Fünfeichen darf Axel Ohr zu seiner Freude mit »Jakob seinem Fuchs« zum Jerichower Bahnhof reiten, um Gesine abzuholen und zu ihrem Vater zu bringen, und später beide mit dem vom Fuchs gezogenen Gummiwagen nach Jerichow fahren.

1843-1844 Am 11. Mai 1953 ist die Studentin Gesine Cresspahl auf Johnny Schlegels Hof zu Besuch, den seine Tochter Inge Schlegel nach seiner Verhaftung erfolglos weiter zu bewirtschaften versucht. Gesine wird unfreiwillig Zeuge, wie Jakobs Fuchs getötet wird. Als ihm in der Futterküche »das Bolzenschußgerät auf die Stirn gesetzt wurde, schloß es vertrauensvoll die Augen; dies war etwas Neues von den Menschen. Nach dem Tod, auf die Seite geschlagen, zuckten die Beine heftig, durcheinander, schlugen ausdauernd gegen den hallenden Boden [...]. Das gutmütige Tier, Jakob sin Voss, ein widerliches Stück Fleisch in blondem Fell war es mit einem Mal; kenntlich noch an den offenen Augen.«

Fünfeichen

Sowjetisches Häftlingslager in der Nähe von Neubrandenburg. In der NS-Zeit war es ein deutsches Kriegsgefangenenlager.

1287-1298 Es liegt »vier Kilometer vom Stargarder Tor«. Heinrich Cresspahl wird hier von Februar 1947 bis Mai 1948 von den Sowjets gefangengehalten. Auf dem Marsch dorthin erkennt er das Lager, das er von früher kennt: »Hier liegt Fünfeichen, das Sanatorium! [...] noch 1944 hatte er in dieser Gegend für die Briten nicht nur den Fliegerhorst Trollenhagen ansehen sollen, auch wie die Deutschen in Fünfeichen ihre Kriegsgefangenen hielten.« – Seine Mithäftlinge glauben im KZ Neubrandenburg zu sein, Cresspahl weiß es besser: Er befindet sich »im alten Südlager von Fünfeichen, in der Baracke 9 oder 10 S«. – Über sein Gefangenenleben in Fünfeichen.

Vgl. auch 1331-1332. 1455. 1569. 1672. 1675. 1832.

Das Lager wurde 1939 auf dem Gebiet des Gutes Fünfeichen als Kriegsgefangenenlager ›Stalag II A‹ eingerichtet. Nach dem Krieg wurde es von der sowjetischen Besatzung als Internierungslager des NKWD genutzt und hieß nun ›Speziallager Nr. 9‹. – Bei dem im Text gelegentlich erwähnten ›KZ Neubrandenburg‹ (1280) handelt es sich nicht um Fünfeichen, sondern vermutlich um eines der beiden in bzw. bei Neubrandenburg gelegenen ehemaligen Außenlager des KZ Ravensbrück. Eines lag in der Ihlenfelder Vorstadt, das andere sog. Waldbau-Lager in einem Waldgebiet zwischen Neubrandenburg und Neustrelitz.

Die Beschreibung des Lagers (1287-1288) beginnt mit einer parodierenden Bezugnahme auf den Anfang von Thomas Manns Erzählung »Tristan«: »Hier ist ›Einfried‹, das Sanatorium! Weiß und geradlinig liegt es mit seinem langgestreckten Hauptgebäude und seinem Seitenflügel inmitten des weiten Gartens, der mit Grotten, Laubengängen und kleinen Pavillons aus Baumrinde ergötzlich ausgestattet ist, und hinter seinen Schieferdächern ragen tannengrün, massig und weich zerklüftet die Berge himmelan. Nach wie vor leitet Doktor Leander die Anstalt. Mit seinem zweispitzigen schwarzen Bart, der hart und kraus ist wie das Roßhaar, mit dem man die Möbel stopft, seinen dicken, funkelnden Brillengläsern und diesem Aspekt eines Mannes, den die Wissenschaft gekältet, gehärtet und mit stillem, nachsichtigem Pessimismus erfüllt hat, hält er auf kurz angebundene und verschlossene Art die Leidenden in seinem Bann, – alle diese Individuen, die, zu schwach, sich selbst Gesetze zu geben und sie zu halten, ihm ihr Vermögen ausliefern, um sich von seiner Strenge stützen lassen zu dürfen.«

Fürstenberg an der Havel

Stadt in Mecklenburg, in deren Stadtteil Ravensbrück 1939 das größte Konzentrationslager für Frauen eingerichtet wurde.

362 Der zu Gefängnis verurteilte Ossi Rahn wird 1933 von der SA nach Fürstenberg in ein Konzentrationslager »befördert«, wo er nicht als Sträfling einsitzt, sondern als Aufseher arbeitet. – Wenig später wird August Methfessel, nachdem er sich »über die Gerechtigkeit im Neuen Reich« ausgelassen hat, »nach Fürstenberg gebracht, damit er einen Augenschein bekam. Als er nach vier Wochen zurückkam, wollte er nichts erzählen, nicht einmal ob er Ossi Rahn begegnet war.«

375 Aus Deutschland geflohene Sozialdemokraten suchen Cresspahl im Sommer 1933 in Richmond auf und berichten ihm »von einem ›Konzentrationslager‹ bei Fürstenberg, wo ein Kerl namens Rahn als ›Ossi Menschenfreund‹ bekannt war, weil seine Opfer ihm mit dieser Anrede Dank für Prügel und Strafen abstatten mußten«.

1146 Aus Fürstenberg stammte ein Mädchen, in das D.E. als junger Mann verliebt war (vgl. auch 1148). Sie schlägt sich bei Kriegsende in den Westen durch (vgl. 1149).

G

Gadebusch

Ort in Mecklenburg, nordwestlich von Schwerin.

Vgl. 163. 524. 625. 1666.

Gantlik, Anita

Freundin von Gesine Cresspahl seit den Schultagen in Gneez. Lebt in Berlin. Die Freundinnen stehen in regelmäßigem Kontakt per Brief oder Telefon. Anita hilft mit ausgeliehenen Pässen Leuten bei der Flucht aus der DDR in den Westen. – Sie stammt aus Ostpreußen, aus dem Memelland; auf der Flucht 1945 kommen ihre Mutter und ihre Geschwister um; sie wird als elfjähriges Kind von drei Rotarmisten vergewaltigt; ihr Vater, Friedrich Gantlik, lässt sie bei einem Bauern in Wehrlich in der Nähe von Jerichow zurück, bei dem sie hart arbeiten muss; der Kommandant von Gneez, Jenudkidse, und die Kommandanten von Jerichow, die Herren Wendennych, für die sie Übersetzungen aus dem Russischen anfertigt, verhelfen ihr zu einer Wohnung in Gneez und zur Behandlung einer Eileiterentzündung, Folge der Vergewaltigungen. Holt ihre Tante aus dem Ruhrgebiet nach Gneez, um der Vormundschaft ihres gleichgültigen Vaters zu entgehen. Nach dem Abitur an der Fritz Reuter-Oberschule in Gneez 1952 geht sie in den Westen, studiert Slawistik, später offenbar Archäologie (vgl. 833) und promoviert in Orientalischer Archäologie (vgl. 449); verhilft Gesine 1953 zu einer Zuzugsgenehmigung für Westberlin. Seit dem Bau der Mauer (1961) organisiert sie Fluchthilfen für DDR-Flüchtlinge, heiratet »den Alten«, einen Mann aus Karelien. Macht im Mai 1968 einen »Ausflug« nach Mecklenburg.

89 »Anita mit der Kneipe«: Von einer Kneipe am Henriettenplatz in Westberlin aus organisiert Anita ihre Fluchthilfeaktionen; dass sie selbst Wirtin der Kneipe ist, streitet sie allerdings ab (vgl. 1623).

187-190 Brief von Gesine Cresspahl an »Anita Rotekreuz« (18. Oktober 1967): Es geht um die Fluchthilfe für einen jungen Juden aus der DDR. Gesine hilft ihr dabei mit dem belgischen Pass von Henri R. Faure. – »Zur Feier deines Doktorexamens« lädt Gesine die Freundin »mit Teilkosten« nach New York ein.

449-453 Brief von Gesine Cresspahl an »Anita Rotes Haar« (14. Dezember 1967): Die Fluchthilfe für den jungen Juden aus der DDR ist geglückt. Anita hat ihre Wohnung verloren. Gesine »mochte an ihr, daß sie drei Ausgänge hatte, getreu der Vorschrift des Dichters« (vgl. Bertolt Brecht: »Herr K. in einer fremden Behausung«). – Anita kann Gesines Einladung nach New York nicht folgen.

833 Anita hat das historische Jericho in Jordanien »ausgraben helfen, damit sie ein Doktor wird«.

988-992 Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke (11.4.1968) und den darauffolgenden Demonstrationen in Berlin ruft Gesine Anita in Berlin an (14. April 1968): Anita wurde von einem Wasserwerfer getroffen. Gespräch über die Studentenbewegung und »unsere Kinderwünsche. – Sozialismus etcetera.« Anita über ihren Mann, den »Alten«, und über ihre bürgerliche Tarnung für das »Geschäft« der Fluchthilfe: »Wer käme wohl auf die Idee, daß Leute wie wir ein Reisebüro ohne Rückfahrkarten unterhalten?«

1541-1549 Brief von Gesine Cresspahl an »Anita Rodet Stütz« (13. Juli 1968) über ihre Beziehung zu D.E., der Anita zwei Tage zuvor in Berlin besucht hatte »mit Bartastern in der Hand, ganz wie wir ihm auftrugen«. D.E. habe über Anita »verlauten lassen: Mit der stehl ich noch das eine Pferd, oder das andere.«

1590-1595 Bedankbrief von Marie Cresspahl für Anitas Geburtstagsgeschenk. »Es gehört wohl zu deinem Beruf, daß du so genau nachdenkst über andere Leute.«

1604 Gesine erzählt, wie Anita 1949 Taufpatin für Alexander Brüshaver wurde.

1605-1618 »Auftritt Anita«: Gesine erzählt Marie Anitas Lebensgeschichte. Aus Ostpreußen gebürtig. 1945 Flucht mit ihrem Vater nach Mecklenburg. Tagelöhnerei bei einem Bauern in Wehrlich bei Jerichow, »ohne eine Mutter, mit einem Vater, der sie zurückließ in der bäuerlichen Knechtschaft und seinen Sold von der Polizei in Jerichow für sich behielt, als wünsche er dieser Tochter ein Verkommen und Verrecken«. – Gilt in der Klasse als »Russenliebchen«, weil die »Herren Stadtkommandanten« von Jerichow, die Zwillinge Wendennych, denen sie mit Übersetzungen hilft, ihr zu einem schwedischen Fahrrad und zu einer Wohnung in Gneez verhelfen. Dass es die Wohnung der verhafteten Lehrerin Frau Dr. Weidling ist, wird der Fünfzehnjährigen übel genommen. – Die als Russisch-Lehrerin eingesetzte Freifrau von Mikolaitis nimmt bei Anita Nachhilfe-Unterricht in Russisch. – Anita wird auch von dem russischen Stadtkommandanten von Gneez, Herrn Jenudkidse, als Dolmetscherin in Anspruch genommen.

Gesine erinnert sich an ihre Erscheinung: »Keine ›kleine Anna‹; ein groß gewachsenes Mädchen, kräftig in den Schultern  wie ein Junge, athletisch nahezu« (1605). Sie hatte »langes schwarzbraunes Haar«, das sie »in geflochtenen Windungen um den Kopf trug«, eine »breite, gedrungene Stirn, hinter der es ängstlich zuging in diesem Herbst« (1607 f.). War in Dieter Lockenvitz verliebt, der sie aber nicht wahrnahm.

Imaginiertes oder erinnertes Zwiegespräch zwischen Gesine und Anita, nicht für Maries Ohren bestimmt: Ihren Vornamen verdanke sie einem »Film mit spanischer Szene« und dem Schlager »Juanita«, den ihre Mutter 1933 gehört habe. Ihr Nachname sei nur der »Stummel« eines ursprünglich polnischen Namens: »Wir saßen an der Memel, aber wo sie auch Njemen heißt, mit gutem polnischem Namen, davon ist Gantlik der Stummel. Kommen die Deutschen und bieten uns den blauen Ausweis an […] wegen eines Großvaters aus Westfalen.« Ihr »Schwachkopf von einem Vater« sei sogleich in die NSDAP eingetreten, »weil ihm das gefällt, wie deutsche Panzer ein polnisches Dorf flach legen«. Er wurde für den zerstörten Hof entschädigt durch einen Hof bei Elbing. »Als die Rote Armee uns einholte im Januar 1945, konnten wir schriftlich vorzeigen, daß wir Deutsche waren. Meine Mutter, meine Geschwister, auf freiem Feld haben wir sie beerdigt.« Anita, damals elf Jahre alt, wurde von drei Russen vergewaltigt. »Mein Vater, der Deutsche, er konnte für kein elfjähriges Kind einstehen.«

Gesine erzählt weiter: »Ihres Vaters entledigte sich die Schülerin Gantlik, indem sie über das Rote Kreuz eine Schwester ihrer Mutter aufspüren ließ«. Die Tante, eine Witwe mit zwei Kindern, siedelt aus dem Ruhrgebiet nach Gneez um und wird »auf dem Papier« als ihr Haushaltsvorstand geführt. – Anita weigert sich, in den Konfirmandenunterricht des Gneezer Dompfarrers zu gehen, weil der den Bischof Dibelius als Kriegshetzer bezeichnet hat; stattdessen besucht sie Brüshavers Konfirmandenunterricht in Jerichow. – Im Sommer 1949 wird sie »Anita die Rote« genannt, weil ihr Haar vom Schwimmen in der Sonne »einen Stich ins Rötliche durchscheinen ließ«. Aber der Spitzname wird auch anders verstanden: »›Anita die Rote‹, das blieb ihr. Denn nach wie vor ging sie dem Obersten Jenudkidse helfen mit der deutschen Sprache«.

Als Spätfolge der Vergewaltigung durch drei Rotarmisten wird sie krank, muß die ganzen Sommerferien 1949 im Bett liegen und wird aus dem Krankenhaus entlassen mit der Diagnose: »Pyosalpinx, heilbar, und Sterilität, auf ewig«. Das Penicillin besorgt Emil Knoop, dem sie die die Kosten abzahlen muss »bei einem Kurs von sechs bis acht Ostmark für eine einzige des ›Westens‹ (– umsonst ist der Tod: sprach Emil Knoop in seiner gemütlichen Art; dem entging ihr Zusammenzucken bei dem Wort).« Er gibt ihr Arbeit »in seinem Schriftverkehr mit der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, wo Jenudkidses Beihilfe versagte«. Von angespartem Geld kauft sie sich gute Stoffe und lässt sich schicke Kleider bei Rawehn schneidern.

»›De rode Stütz‹« (roter Bürzel) wurde sie genannt, seit sie sich die Haare zu einem ›kurzen, dicht anliegenden Gefieder‹ hatte schneiden lassen und Fiete Semmelweis jr. ihr dabei im Nacken »zwei winzige gegenläufige Strähnen« stehen gelassen hatte, »die kamen verblüffend rötlich hervor unter dem äußeren Braun«.

1619-1625 Ihr Leben nach dem Abitur (1952). Ihre Sorge für das Patenkind Alexander Brüshaver. – Anita geht nach Berlin (West), wohnt dort »in einem schmutzigen Haus zwei Blocks von der Karl Marx-Straße in Neukölln, an einem Hinterhof bei Frau Machate«. – Doktorandin der Slawistik (1621). – 1956 hat sie »schon einen Paß der französischen Republik«. – 1960 oder 1961 heiratet sie einen »Emigranten aus karelischen Landen«. Der Freund »will lediglich ›der Alte‹ heißen«. – Über ihre Arbeit als Fluchthelferin: Nach dem Mauerbau »soll Anita am Henriettenplatz eine Kneipe benutzt haben als ein Büro, das half Leuten über die Grenzen jenes fremden Deutschland. Sie streitet es ab.«

1632-1633 Anitas argloser Vorschlag, zur Weihnachtsfeier 1949 an der Fritz Reuter-Oberschule in Gneez Fritz Reuters »Ut mine Stromtid« szenisch zu erzählen, führt mit zu Kliefoths vorzeitiger Entlassung: Eine Verfügung ließ winterliche Schulfeste nur für den Generalissimus Stalin zu, der damals siebzig Jahre alt wurde.

1671-1672, 1679 Ihr Verhalten im Zusammenhang mit der Flugblattaktion in Gneez nach Pfingsten 1950. Bei den Verhören der Staatssicherheit spielt sie Gesine einen Zettel zu mit der Information, dass die Stasi sie verdächtigt, an der Flugblattaktion beteiligt zu sein. »Das war geschickt, Anita. Sollst bedankt sein abermalen.« 

1695-1696, 1701-1704 Anitas Beiträge zur Interpretation von Fontanes »Schach von Wuthenow« im Deutschunterricht von Mathias Weserich. – »Anita konnte beim Sprechen so allein vor sich hin denken wie sie war«.

1723 Überlässt Dieter Lockenvitz ihr schwedisches Fahrrad.

1739-1740 Gesine hat den Anwalt Mr. Josephberg beauftragt, ihr Testament zu ändern: Im Falle ihres Todes soll das Erziehungsrecht für Marie an Anita (statt an Mrs. Blumenroth) übertragen werden. »Wie konnte ich ahnen, daß Anita bereit ist, für Marie zu verzichten auf Reisen!«

1743-1744 Anita ruft Gesine Cresspahl in der Bank an, nachdem sie von D.E.'s Tod in Finnland erfahren hat: »Sag was ich tun kann.«

1748-1749 Anita, in Sorgen um Gesine, ruft sie erneut in New York an. Beide wollen sich in Prag treffen.

1755 Erneuter Anruf von Anita.

1765 »Mit ihrer Sorte von Dokumenten« fährt sie im Dezember 1964 zur Beerdigung von Pius Pagenkopf nach Gneez.

1766 Fingiert Telegramme von D.E. aus Finnland, einen »Unfall« andeutend, um Marie Cresspahl auf die Nachricht von D.E.'s Tod vorzubereiten. »Das ist die Handschrift Anitas. Genosse Schriftsteller, daß du sie ja korrekt bewertest!«

1770-1776 Im Mai 1968 macht Anita einen »Ausflug« nach Mecklenburg, besucht Jerichow und Gneez.

1799-1800 Wie Gesine Cresspahl wird auch Anita am 2. Januar 1952 im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Dieter Lockenvitz für zehn Tage verhaftet.

1821-1822 Nach dem Schulausflug zum Barlach-Haus am Inselsee von Güstrow im September 1951 begründen Anita und Gesine »auf dem Kamm des Heidberges« ihre Freundschaft.

1822-1824 Bringt sich beinahe um das Abitur, weil sie einem Beschluss des FDJ-Parlaments vom Mai 1952, der alle Mitglieder zum Dienst in der Kasernierten Volkspolizei verpflichtet, nicht zustimmen will. Gesine rettet sie, indem sie sie aus der Sitzung der FDJ-Klassengruppe entlässt. – Der Beschluss ist ein wichtiger Grund für Anitas Umzug nach Westberlin gleich nach dem Abitur.

1850-1855 Gesines und Anitas Treffen in Berlin bis zum 17. Juni 1953. Anitas Hilfe bei der Erlangung einer Zuzugsgenehmigung für Gesine für Westberlin.

1879 »Dann kam Anita mit ihren ungesetzlichen Anträgen«: Als Gesine ihre Arbeit für die deutsche Bank in New York verliert (Dezember 1961), unternimmt sie für Anitas Fluchthilfeorganisation Reisen (vgl. auch 1453). »Anita zahlte die Spesen.«

1888-1891 Anita macht es möglich, daß Kliefoth nach Dänemark reisen kann, wo er am 20. August 1968 in einem Badehotel an der Küste Gesine und Marie Cresspahl auf deren Weg nach Prag trifft.

Vgl. auch 464. 1019. 1643. 1656. 1658-1659. 1682. 1684. 1689. 1725. 1735. 1782-1783. 1816 f. 1826. – Sämtliche Stellennachweise gibt der Jahrestage-Kommentar.

Gantlik, Friedrich

Vater von Anita Gantlik, Bauer aus Ostpreußen, strandet 1945 mit seiner Tochter im Jerichower Winkel; seit Juli 1945 Polizist in Jerichow.

1182-1183 Im Juli 1945 wird er von Bürgermeister Heinrich Cresspahl in eine »nackte Wehrmachtsuniform« gesteckt und zum Polizisten gemacht. Die Dienstwaffe, die er auf Anordnung des Stadtkommandanten Pontij speziell zum Schutz der Frauen gegen Übergriffe von Rotarmisten tragen soll, mag er nicht mit sich führen. Cresspahl »wollte es Gantlik nicht verdenken, daß er sich drücken wollte vor einem Schußwechsel mit Rotarmisten, Gantlik hatte den Posten bei der Stadt eher angenommen, sich ein Bürgerrecht hier zu verdienen, er war kleinwüchsig, zwar zäh, ein Bauer ohne Land, und vielleicht hatte die weite Reise von der Memel bis Jerichow ihm ein unbedenkliches Auftreten ausgetrieben.« Wenn die Polizisten »zu einer Streitigkeit unter Deutschen« gerufen werden, nehmen sie die Waffe mit.

1605 Bei der Ankunft im Jerichower Winkel hat er die elfjährige Anita bei einem Bauern in Wehrlich zurückgelassen, für den sie als Tagelöhnerin schuften muss; behält seinen Sold für sich, »als wünsche er dieser Tochter ein Verkommen und Verrecken«.

1608-1609 Anita über ihre Herkunft: Die Gantliks »saßen an der Memel, aber wo sie auch Njemen heißt, mit gutem polnischem Namen, davon ist Gantlik der Stummel. Kommen die Deutschen und bieten uns den blauen Ausweis an […] wegen eines Großvaters aus Westfalen.« Ihr »Schwachkopf von einem Vater« sei sogleich in die NSDAP eingetreten, »weil ihm das gefällt, wie deutsche Panzer ein polnisches Dorf flach legen«. Er wurde für den zerstörten Hof entschädigt durch einen Hof bei Elbing. »Als die Rote Armee uns einholte im Januar 1945, konnten wir schriftlich vorzeigen, daß wir Deutsche waren. Meine Mutter, meine Geschwister, auf freiem Feld haben wir sie beerdigt.« Anita, damals elf Jahre alt, wurde von drei Rotarmisten vergewaltigt. »Mein Vater, der Deutsche, er konnte für kein elfjähriges Kind einstehen.«

1610 Anita entzieht sich der Erziehungsberechtigung des Vaters, indem sie eine Schwester ihrer Mutter ausfindig macht, die aus dem Ruhrgebiet nach Gneez übersiedelt und fortan »auf dem Papier« als als ihr »Haushaltsvorstand« geführt wird.

Zur ›Eindeutschung‹ des polnischen Namens der Gantliks vgl. Jahrestage-Kommentar zu S. 1608, 35-37.

Gaulle, Charles de

Französischer Politiker (1890-1970). 1959-1969 Staatspräsident.

90 »De Gaulle verspricht Quebec die Freiheit«.

554 Gesine Cresspahl liest in der New York Times vom 6. Januar 1968: »Präsident de Gaulle hat die Juden mit dem Ausdruck ›Elitevolk‹ nicht beleidigen wollen«.

572 Gesine Cresspahl liest in der New York Times vom 10. Januar 1968, dass »de Gaulle den Juden wirklich ein Kompliment machen wollte, als er sie ein Elitevolk nannte, ›seiner selbst sicher und herrisch.‹«

1191 Gesine Cresspahl liest in der New York Times vom 20. Mai 1968: »Charles de Gaulle hat sein Wort zum französische Generalstreik nun gefunden: Reformen, Ja; ins Bett machen, Nein. Chienlit. Der große alte Mann.« – Vgl. auch 1203.

Gedächtnis

62-64 »Sie haben ein Gedächtnis wie ein Mann, Mrs. Cresspahl! sagt James Shuldiner zerstreut. [...] Mrs. Cresspahl ist nicht stolz auf ihr Gedächtnis. [...] das Gedächtnis hat ihr geholfen durch Schulprüfungen, Tests, Verhöre, es bringt sie durch die tägliche Arbeit, es wird von einem Mann für ein Schmuckstück angesehen; ihr kam es an auf eine Funktion des Gedächtnisses, die Erinnerung, nicht auf den Speicher, auf die Wiedergabe, auf das Zurückgehen in die Vergangenheit, die Wiederholung des Gewesenen: darinnen noch einmal zu sein, dort noch einmal einzutreten. Das gibt es nicht.«

»Daß das Gedächtnis das Vergangene doch fassen könnte in die Formen, mit denen wir die Wirklichkeit einteilen! Aber der vielbödige Raster aus Erdzeit und Kausalität und Chronologie und Logik, zum Denken benutzt, wird nicht bedient vom Hirn, wo es des Gewesenen gedenkt. (Die Begriffe des Denkens gelten nicht einmal an seinem Ort; damit sollen wir ein Leben führen.) Das Depot des Gedächtnisses ist gerade auf Reproduktion nicht angelegt. Eben dem Abruf eines Vorgangs widersetzt es sich. Auf Anstoß, auf bloß partielle Kongruenz, aus dem blauen Absurden liefert es freiwillig Fakten, Zahlen, Fremdsprache, abgetrennte Gesten; halte ihm hin einen teerigen, fauligen, dennoch windfrischen Geruch, den Nebenhauch aus Gustafssons berühmtem Fischsalat, und bitte um Inhalt für die Leere, die einmal Wirklichkeit, Lebensgefühl, Handlung war; es wird die Ausfüllung verweigern. [...] Das Stück Vergangenheit, Eigentum durch Anwesenheit, bleibt versteckt in einem Geheimnis, verschlossen gegen Ali Babas Parole, abweisend, unnahbar, stumm und verlockend wie eine mächtige graue Katze hinter Fensterscheiben, sehr tief von unten gesehen wie mit Kinderaugen«.

209 Gesine in einem ihrer imaginierten Gespräche mit ihren Toten: »Daß ich nur tu was ich im Gedächtnis ertrage«, sei ein Grundsatz ihres Handelns.

226-229 Die New York Times berichtet über ein Experiment an der Universität Princeton, das der Funktionsweise des Gedächtnisses galt und zu dem Ergebnis gekommen ist, dass der Mensch dazu neigt, »Dinge zu vergessen, die mit unangenehmen Erfahrungen zu tun haben«. Gesine diskutiert darüber mit einem imaginierten Gegenüber (dem Genossen Schriftsteller?).

230-235 Gesine will das Princetoner Experiment an sich selbst wiederholen, dazu soll ihr der Genosse Schriftsteller zehn Wörter nennen. Die Wörter »Plisch, Plum, Schmulchen, Schievelbeiner, Roosevelt, Churchill, bolschewistisch, Weltjudentum, Untermenschen, Intelligenzbestie« lösen Gesines Erinnerung an das Foto von Bergen-Belsen aus, das sie kurz nach dem Krieg in der Zeitung gesehen hatte und dessen schockierende Wirkung seither nicht aufgehört hat.

347 »›Ein Fallschirmjäger, verwundet, fiel über die Mündung seines Flammenwerfers und war in Brand gesetzt‹, meldet die New York Times aus Viet Nam. Werden wir eines Tages vergessen haben, daß wir es in der Zeitung lesen konnten? Ist es schon heute noch wirklich?«

Vgl. auch Erfinden, Erinnerung, ErzählenKatze(n).

Gefeller, Franz

Direktor der Hermann-Göring-Schule in Jerichow in der NS-Zeit.

895-896 »Sudetendeutscher, Henleinputschist, Parteiredner im Landkreis Gneez. Er hatte herausgefunden, daß er fast im ganzen Gesicht aussah wie der Reichspropagandaminister Goebbels, wenn er den Mund nach hinten zog; insbesondere beim Strafen von Kindern benutzte er diese Miene. In normaler Verfassung konnte man ihn für einen eingebildeten kleinwüchsigen Mann halten. Beim Schreien kam er leicht ins Fisteln. Wenn er die Hand zum deutschen Gruß hochreckte, schien sie unverhofft zu kurz.«

899-900 Nachdem Gefeller im Frühjahr 1943 einen Schüler aus Gesine Cresspahls Klasse verprügelt hat, »spuckte sie dem Rektor vor die Füße«. Sie bekam eine Vier in Betragen. »Nach dem Willen von Gefeller und Stoffregen hätte sie mit dieser Note in Betragen in eine Sonderschule getan werden sollen; am besten gleich ins Rauhe Haus in Hamburg.« Aber Kliefoth »hatte dies Kind artig geschworen«, Gesine kommt auf das Lyzeum nach Gneez.

1450-1451 »Ihr Vater hatte sie aus der Hauptschule von Jerichow genommen, weil der Lehrer Stoffregen schlug; weil sie ihn eines Tages noch verraten würde vor dem sudetischen Gfeller [sic], Schuldirektor und Gauredner der Nazis; versteckt hatte er sie im Lyzeum von Gneez.«

Vgl. auch 898.

Gehrig, Mr.

Vater von Naomi Prince, Buchhalter in New York.

1245 In seinem Haus am Sund von Long Island (»sein Leben lang hat er dafür gearbeitet«), verbringen Naomi und ihre Tochter Clarissa, Amanda Williams, Gesine und Marie Cresspahl vom 30. Mai bis zum 2. Juni 1968 ein Wochenende. – »Seine Einsamkeit steht im Wohnzimmer, ist im Arbeitszimmer ausgehängt«.

Gelb, Das

1690-1693 Ein Kapitel ganz in Gelb: Was alles gelb ist in New York. »Nie so viel Gelb gesehen wie hier.«

Gelliston, Henri

Angestellter in der Abteilung der Bank im 16. Stock, in die Gesine Cresspahl im Februar 1968 versetzt wird.

820 Er gehört neben Wilbur N. Wendell, Anthony Milo und James Carmody zu dem neuen Kollegenkreis, mit dem Gesine nach ihrer Beförderung bekanntgemacht wird.

1312 Wie Gesine Cresspahl und die anderen »Herren« der Abteilung auch, liest er am 7. Juni 1968 gebannt die Berichterstattung über die Ermordung Robert F. Kennedys: »Hier haben wir Henri Gelliston, der das Bankgeschäft für die einzige irdische Wissenschaft ansieht, jetzt prägt er sich mit erstaunter Miene die Überschrift ein: Eine Maschine des Weißen Hauses flog die Leiche von Los Angeles her. Gleich wird er wissen, daß der Leichenwagen dort blau war und Mrs. John F. Kennedy auch beim Besteigen jenes Flugzeuges sich den Vortritt nicht nehmen ließ.«

1467-1472 Arbeitsessen mit de Rosny, Gesine Cresspahl und leitenden Angestellten der Bank am 1. Juli 1968. Die »jungen Herren«, die »noch vor einer Stunde recht herrenhafte Briefe an Banken in vielen Kontinenten diktiert haben«, benehmen sich hier »treu wie junge Hunde«. – Mr. Gelliston hat seine Ausbildung an der Harvard Business School genossen.

Genovese, Vito

Mafiaboss in den USA (1897-1969).

118 »In Mailand wohnte eine Zeitlang Vito Genovese als Nachbar von Karsch

Vgl. auch 157. 284. 784. 1154.

Gerda

Dienstmädchen bei Papenbrocks auf Gut Vietsen um 1920.

58 Der siebzehnjährige Robert Papenbrock hat mit ihr ein Liebesverhältnis. Seine Schwester Hilde musste »ihn immer zwei Stunden vor Schulanfang wecken, damit Louise Papenbrock nicht das Dienstmädchen in seinem Bett fand. / Das Mädchen hieß Gerda, und war so alt wie ich. Sie hat ins Dorf geheiratet, denn schwanger war sie. / Und Papenbrock zahlte die Aussteuer

Gibson, Miss

Sekretärin in der Praxis von Marie Cresspahls Arzt Dr. Brewster an der Park Avenue.

109-110 »Miss Gibson, ja wie das Getränk«. Sie weint, als Mr. Brewster nach Vietnam eingezogen wird.

630 Miss Gibson hatte anfangs »Zweifel an unserer Zahlungsfähigkeit«.

Gibson‹ heißt ein (nach dem amerikanischen Grafiker Charles Dana Gibson) benannter Cocktail.

Girnus

Wilhelm Girnus (1906-1985), Kulturpolitiker der DDR, Journalist, Literaturwissenschaftler.

1821 Äußert sich anlässlich einer Barlach-Ausstellung in der Deutschen Akademie der Künste in Berlin 1951 über Barlach. Er »wollte dem Verstorbenen wenigstens zugute halten, daß die Nazis ihn behandelt hatten als ihrer Art fremd. Aber Barlach habe auf verlorenem Posten gestanden, ein im Grundzug rückwärts gewandter Künstler sei er gewesen. Unberührt vom Hauch der russischen Revolution 1906.«

Gisela

Pflichtmädchen aus Thüringen bei Landgerichtsdirektor Wegerecht in Gneez.

601 »Einmal vertat er sich in Gedanken und nahm das Pflichtmädchen für die Frau, und seufzte; aber Gisela kam aus Thüringen, und so konnte sie die Zustände des Landgerichtsdirektors nicht im Jerichower Winkel unter die Betroffenen bringen, nicht einmal in Gneez«.

Glowe

Ort auf der Insel Rügen.

1854 Für ihr »Verfahren der Notaufnahme« in West-Berlin 1953 legt Gesine sich unter Anita Gantliks Anleitung eine Aussage »über das Haftarbeitslager in Glowe auf Rügen« zurecht, »wo etwa viertausend Zwangsarbeiter für Margarinestullen und Kartoffelsuppe schufteten an einem Ringbahnnetz mit vier Rollfeldern für Düsenjäger und Bomber, an einem Kriegshafen für Unterseeboote und leichtere Überwasserfahrzeuge; es war eines von den gängigen Gerüchten in Mecklenburg.«

Gneez

Fiktive Stadt in Mecklenburg, Kreisstadt des Jerichower Winkels. Gesine Cresspahl geht hier von 1943 an zur Schule, ihre Freundin Anita Gantlik wohnt während ihrer gemeinsamen Schulzeit in der ehemaligen Wohnung von Frau Dr. Weidling in Gneez. Sitz des Landgerichts. Das Untersuchungsgefängnis in den Kellern unter dem Landgericht sind sowohl in der NS-Zeit als auch in der DDR eine Station für viele Romanfiguren (darunter für Dr. Semig, Heinrich Cresspahl, Jakob Abs u.a.). Sowjetischer Stadtkommandant nach Kriegsende ist das ›Dreifache J‹, J. J. Jenudkidse.

1428-1429 Wenn der Zug nach Jerichow ausfällt, übernachtet die Fahrschülerin Gesine Cresspahl in Gneez in einem Zimmer im Hotel Stadt Hamburg bei Alma Witte. Dort bekommt sie auch ihr Mittagessen. – »Der Zug brauchte für die Stichstrecke Jerichow-Gneez, 19 Tarifkilometer, vier regelmäßige Zwischenhalte und einer auf Verlangen, nach dem Fahrplan 41 Minuten, damals [1946] etwa eine Stunde.« – »Der Milchholerzug von der Küste geht Gneez an in einer weitbauchigen Westkurve, so daß die dünnen scharfen Turmspitzen von Lübeck da halbrund aufgebaut sein können, wie in einem Guckkastenbild«.

1429-1437 Ausführliche Beschreibung der Stadt.

1452 Beim Unterrichtsthema »Ableitung mecklenburgischer Worte aus dem Slawischen« tut die Schülerin Gesine Cresspahl sich hervor mit einem Vorschlag zur Etymologie des Ortsnamens Gneez: »Es könne doch wohl herrühren von dem sowjetischen Wort für Nest, nicht wahr? Gnezdo. Eine Eins ins Klassenbuch!«

Die geografische Lage von Gneez »entspricht etwa der von Grevesmühlen. Auf Grevesmühlen weisen hin: die Bahnverbindungen, die Seen; anderes weist auf Güstrow: Straßennamen, das herzogliche Schloß, die Einwohnerzahlen, die Höhenzüge im Osten der Stadt. Das Gründungsjahr 1235 ist das der Stadt Malchow am See« (Jahrestage-Kommentar zu 9,17).

Gneez-Brücke

Eisenbahn-Station zwischen Jerichow und Gneez. Während des Zweiten Weltkrieges Standort der Arado-Werke, einer Raketen- und Flugzeugfabrik.

935 Als die Fahrschülerin Gesine Cresspahl versehentlich einen Zug früher als sonst zur Schule nach Gneez erwischt, fährt sie »zusammen mit vielen schlafenden Männern, die wie im Traum in Gneez-Brücke ausstiegen, zu den Arado-Werken. Sie kamen mir vor wie eine versteckte Armee«.

Gneezer Tageblatt

Kreiszeitung im Jerichower Winkel, nach dem Krieg ersetzt durch die Schweriner Volkszeitung.

33 Das Tageblatt hat eine »Seite für Jerichow und Umgebung«.

169 Anfang 1933: »Dem Gneezer Tageblatt glaubte Peter Wulff die amtlichen Bekanntmachungen, und die Lokalnachrichten zur Hälfte.«

216 Gesine Cresspahls Geburtsanzeige im Gneezer Tageblatt annonciert »ein gesundes Mädchen«.

273 Beim Tod von Heinrich Cresspahls Mutter Berta im Frühjahr 1933 lässt sein Schwiegervater Albert Papenbrock »den Tod von Grete Cresspahl, geborenen Niemann, in das Gneezer Tageblatt setzen [...]. Er wollte seinen Schwiegersohn wohl festbinden in Jerichow«.

759 Am Sonnabend (12.11.1938) nach Lisbeth Cresspahls Tod erscheint die von Cresspahl aufgesetzte Todesanzeige im Gneezer Tageblatt: »Lisbeth Cresspahl ist aus dem Leben gegangen.«

944 Leslie Danzmann in ihrem Brief an Gesine Cresspahl vom März 1968: »Es hat in der Zeitung gestanden. In unserer Volkszeitung, was früher das gneezer Tageblatt war, sie machen das jetzt aber in Schwerin, und in Gneez ist bloß noch die Auslieferung.«

Vgl. auch 165. 202. 236. 239. 356. 359. 361. 711. 966. 

Goldberg am See

Gemeinde in Mecklenburg an der Bahnstrecke nach Malchow am See.

263 Am 12. März 1933 fährt Cresspahl »über Blankenberg und Sternberg und Goldberg nach Malchow« zu seiner sterbenden Mutter.

725 Am 8. November 1938 fährt die fünfjährige Gesine mit ihrem Vater auf derselben Strecke nach Malchow und von dort weiter nach Wendisch Burg zu den Niebuhrs. »Das Kind lernte: Blankenberg am See, Sternberg am See, Goldberg am See, Malchow am See, und noch heute ist der Name Karow im Gedächtnis eine trockene Stelle, weil da nichts war als Bahnhof und Straße und der Gasthof Habben.«

1296 Der in Fünfeichen gefangen gehaltene Cresspahl, mit Fluchtgedanken beschäftigt, erinnert sich: »Der Marsch nach Fünfeichen war mitten durch die Stadt Goldberg gegangen, da trat einer beim Abschwenken der Kolonne hinaus auf den Bürgersteig, faßte eine heftig verdatterte Bürgersfrau am Ellenbogen und nötigte sie unter lauten Wiedersehensreden zum Weitergehen mit ihm«.

1728 In Dobbertin bei Goldberg nimmt Dieter Lockenvitz an einem FDJ-Lehrgang teil

Goldberger See

1018 Gesine Cresspahl zählt die Seen auf, in denen sie geschwommen hat, darunter auch den Goldberger See.

Gollantz

Schüler an der Fritz Reuter-Oberschule in Gneez, zwei Klassen über Gesine Cresspahl. Mit seinem Mitschüler und Freund Sieboldt beklebt er die Schule nach Pfingsten 1950 mit regimekritischen Flugblättern. Dafür werden beide zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, aber schon nach 5 Jahren in den Westen entlassen, wo sie gemeinsam in Bonn und Heidelberg Jura studieren. Seit 1962 Anstellung im Auswärtigen Amt mit Aussicht auf einen Posten als Botschafter der Bundesrepublik.

1557 Die »Herren Sieboldt und Gollantz, Elfte Klasse«, wollen von Gesine wissen, »was die Leute in Jerichow dachten über die Sprengung von Kasernen und Unterkunft für Flüchtlinge«. Gesine kommt nicht dazu zu antworten, Lise Wollenberg kommt ihr zuvor und vermasselt ihr die Gelegenheit zu einem Flirt mit den begehrten »Herren«, die schon lange Hosen tragen.

1682 Abitur 1950. Bei der Eröffnung des Schuljahres 1950/51 übergeben Gollantz und Sieboldt ihre Ämter in der ›Zentralen Schulgruppenleitung‹ der FDJ an ihre Nachfolger: »Übergang in Semestergruppen der Universität Rostock.«

1713-1721 Im Oktober 1950 werden Gollantz und Sieboldt angeklagt, für die Flugblattaktion an der Schule (vgl. 1669-1680) verantwortlich zu sein. Am 30. Oktober wird die Gerichtsverhandlung in der Aula der Fritz Reuter-Oberschule geführt, zu der die Schüler als Zuschauer antreten müssen. Gollantz und Sieboldt werden unter Polizeibewachung hereingeführt: »Zwei Jungen im Alter von Neunzehn und Zwanzig, verkleidet in den Sonntagsanzügen ihrer verstorbenen Väter.« Die beiden geben die Aktion zu. Gollantz soll sich »als verführt bekennen durch Sieboldt«, besteht aber »auf seinem eigenen Kopf, damit er genau so viele Jahre bekam wie der Freund«.

Gesine hält es rückblickend für möglich, dass Gollantz' Verlobte Lisette von Probandt den Verhören der Stasi nicht standhalten konnte und den Freund verraten hat.

Gollantz und Sieboldt werden zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Davon mussten sie nur 5 Jahre absitzen: Nach der Mission Adenauers in Moskau zur Übergabe der letzten Kriegsgefangenen wurden sie zusammen mit den Kriegsgefangenen ausgeliefert. Sie studierten dann gemeinsam in Bonn und Heidelberg Jura und »sind seit 1962 übernommen vom Auswärtigen Amt«, und die »Lisette, die hat gewartet ihre sieben Jahr. Die hat ihren Gollantz geheiratet, bei denen geht Sieboldt zu Besuch als Pate.«

Vgl. auch 1559. 1631. 1759. 1854.

Nicht »Lockenvitz und Gollantz« (1682), sondern Sieboldt und Gollantz übergeben am Beginn des Schulfahres 1950/51 ihre FDJ-Ämter: Lockenvitz gehört zu Gesines Jahrgang und übernimmt bei dieser Gelegenheit überhaupt erst ein Amt. 

Gollnow, Erdmuthe

Dr. phil., Lehrerin für Mathematik an der Fritz Reuter-Oberschule in Gneez. Raucherin.

1670-1671 Während ihrer Stunde in der Zehn A Zwei im Mai 1950 beginnt die Untersuchung wegen der gegen die FDJ gerichteten Flugblattaktion. Sie muss die Schüler bis in den Abend hinein beaufsichtigen, bis die letzte, Gesine, zum Verhör gerufen wird. Sie unterhält die Schüler, indem sie »erzählt, was sie Schnäcke nannte aus ihrem Leben. Wie es zuging an der Universität von Leipzig. Ihr Briefwechsel mit dem Schriftsteller Joachim de Catt«. Erlaubt den Schülern zu rauchen. Als Gesine zum Verhör gerufen wird, flüstert sie »etwas von viel Glück! als werde gerade diese Schülerin es benötigen. Brennende, verhungerte Augen hatte Frau Dr. Gollnow bekommen.«

1681-1682 Geht zu Beginn des Schuljahres 1950/51 in den Ruhestand. Anita Gantlik, Gesine Cresspahl und Pius Pagenkopf suchen sie zu Hause auf: »Straffer Dutt, gütiger Blick in die Tassen mit Apfelblütentee, Perpendikeluhr, Vertiko, Sofa mit geschwungenen Holzrändern.« Sie bitten sie vergeblich, zu bleiben und das Rektorat der Schule zu übernehmen: »Frau Doktor möge still stehen und die Hand ausstrecken, wenn man die Schüssel mit dem Amt des Rektorats an ihr vorbeitrage. Die alte Dame seufzte viel, bedankte sich für das Vertrauen, erklärte sich für zu schwächlich«.

Gosling, Albert A.

Eigentümer der Tischlerei Pascal und Sohn in Richmond, die Heinrich Cresspahl von 1928-1933 verwaltet.

94-95 Ein »drahtiges, ängstliches Männchen, Teilbesitzer eines Textiliengeschäftes in Uxbridge«. Die Tischlerei Pascal und Sohn, die ihr Vorbesitzer, Reggie Pascal, eigentlich der Tischlerinnung von Richmond zugedacht hatte, erstreitet er sich als entfernter Neffe Reggie Pascals. Auf Anraten seiner Anwälte Burse, Dunaway & Salomon, die »nicht freudig für den wechselhaft kriegerischen und kriecherischen Mandanten aufgetreten waren«, wurde die Tischlerei weitergeführt und durch einen Tischlermeister verwaltet. So kam Heinrich Cresspahl zu dem Posten. – »Das ganze Frühjahr 1928 über erschien Albert Gosling, einen neuen Bowlerhut auf dem Kopf, in der Werkstatt und versuchte Cresspahl auf die Finger zu sehen.« Cresspahl »bedang sich aus, daß die Abrechnung über die Anwälte ging«.

95 »Gosling legte seine Gewinne in neuen Maßanzügen an und stand mit einem neuerdings frisierten Bärtchen öfter mit jungen Herren umher am Bahnhof Paddington als im Laden bei seiner Frau in Uxbridge; wenn er nach Richmond kam, so um in bürgerlichen Trinkstuben über die Deutschen herzuziehen, gegen die er sein Leben eingesetzt habe«. Cresspahls Geselle Jim Smith weiß zu erzählen, dass Gosling im Ersten Weltkrieg »im Marineversorgungsamt in Dartmouth Mützen gezählt habe«.

352 Im Mai 1933 versucht Cresspahl, ihn in einen Streit zu locken, um ihn zur Kündigung zu reizen. Durch Zufall kommt dabei heraus, »daß Gosling [...] nicht nur gegen die Deutschen sondern insbesondere gegen diesen [Cresspahl] gehetzt hatte«. Statt ihm zu kündigen, bittet er Cresspahl um Entschuldigung für seine »irrige Haltung«, die er bedaure, »nachdem gerade die deutsche Nation der Welt vormache, wie Ordnung zu Hause zu schaffen sei. Er nannte es einen Jammer, daß England den Mosley verkenne. Der Mosley war der Führer der britischen Faschisten«. Cresspahl kündigt kurz darauf über die Anwaltskanzlei.

377-381 Im Juli 1933 spioniert er Cresspahl nach und verfolgt ihn auf seinen Gängen durch London. Erfährt dabei von der Existenz der Mrs. Trowbridge, mit der Cresspahl ein Kind hat.

812-813 Gosling, der es nicht verwinden kann, dass Cresspahl ihm gekündigt hat, zeigt ihn »ins Blaue hinein« an, wird zwar »als verrückt nach Hause geschickt«, bewirkt damit aber, dass die Briten Kenntnis bekommen von dem Geld, das Cresspahl noch auf einem englischen Bankkonto (für Mrs. Trowbridge und ihr Kind) liegen hat. Dass er es in Deutschland nicht nach dem »Gesetz über die Devisenbewirtschaftung vom Februar 1933« angemeldet hat, hat, wie Gesine vermutet, der Britische Geheimdienst als Erpressungsmittel genutzt, um ihn zur Spionage für England zu bewegen. »Und es war ihm recht.«

Vgl. auch 144-145. 333. Anhang II-III.

Gottlieb, Frau

Sekretärin in der Anwaltspraxis von D.E.'s und Gesine Cresspahls Anwalt Mr. Josephberg in New York.

1741 Gesine bittet um ihre Begleitung, nachdem Mr. Josephberg sie über D.E.'s Tod in Kenntnis gesetzt hat.

Graal

Ferienort an der Ostseeküste nordöstlich von Rostock.

102 Im September 1931 fährt Lisbeth Papenbrock nach Graal, um Leslie Danzmann zu treffen und mit ihrer Hilfe von hier aus heimlich nach Richmond zu ihrem Bräutigam Heinrich Cresspahl zu fahren.

Grabow

Stadt an der Elde, ca. 50 km südlich von Schwerin.

949 Aus Grabow stammte Karl-August Grabs, eines der zahlreichen Opfer der »Justiz in Mecklenburg während des Nazikrieges« (945-950).

Vgl. auch 1596.

Gräfinnenwald

Forstgebiet in der Nähe Jerichows, im Süden (34) oder Westen (861) der Stadt, im Besitz der Familie Bobzien.

34 »Jerichow ist umgeben von Weizenfeldern, im Süden hinter dem Bruch ist der Gräfinnenwald, dann fassen übermannshohe Hecken Wiesen ein.«

140 Im Gräfinnenwald wird Amalie Creutz 1945 von elf Rotarmisten vergewaltigt.

667 Die Bobziens geben »ihren Gräfinnenwald nicht für Übungen der S.A. frei«.

909 Im Herbst 1942 erhängen sich zwei Männer im Gräfinnenwald.

1601 Nach dem Krieg hält Brüshaver seinen Konfirmandenunterricht im Sommer im Freien ab, »auf einer Wiese im Gräfinnenwald«, weil man ihm keinen Raum zugesteht.

Vgl. auch 86. 524. 604. 724. 861. 965. 1241. 1277. 1353. 1552. 1568. 1614. 1800. Anhang XIII.

Granzlin

Ort in der Nähe von Jerichow.

858 In Jerichow und Umgebung macht man sich 1941 Sorgen um die polnischen Zwangsarbeiter: »In Granzlin hatte einer der Bäuerin eine Kanne heißen Kaffee an den Kopf geworfen.«

In Mecklenburg gibt es die Orte Granzin und Ganzlin. »Granzlin« ist wohl ein fiktiver Ortsname.

Granzow

Walter Granzow (1887-1952), Politiker in Mecklenburg, Nationalsozialist, Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin 1932-1933.

425-426 Lisbeth Cresspahl erfährt von Aggi Brüshaver, »daß es im April 1933 eine ›Diktatur‹ in der Mecklenburgischen Landeskirche gegeben hatte, als der Ministerpräsident Granzow einen Staatskommissar einsetzte, der den Oberkirchenrat in Schwerin unter polizeilicher Bedeckung übernahm«.

Grass, Günter

Deutscher Schriftsteller (geb. 1927).

466 »Jetzt behauptet sie [die New York Times] doch ohne Scham, es gebe einen westdeutschen Schriftsteller namens Günther Glass. Schon das th ist falsch, und das andere kann doch nicht sein. Ob die New York Times nicht weiß, daß mit der Familie Glass ein anderer Schriftsteller sein Leben zubringt, Jerome D. Salinger in Westport, Connecticut?«

Vgl. Jahrestage-Kommentar zu 466, 36.

Greenawalt, William S.

New Yorker aus Brooklyn.

77 Beschwert sich in einem Leserbrief an die New York Times über die schmutzigen Untergrundbahnwagen in New York. »Und die New York Times hat auch das für eine von den Sachen gehalten, die wert und/oder geeignet sind, gedruckt zu werden: fit to print.«

Greene, Mr.

Uhrmacher an der Lexington Avenue in New York.

804 »Werfen Sie die Uhr nicht weg: sagte er, als er auch hätte versuchen können, uns eine neue zu verkaufen.« – Sein Laden ist in den letzten Jahren sieben Mal überfallen worden. Im Frühjahr 1968 muss er seinen Laden schließen, weil die Versicherung ihm die Police gekündigt hat.

Grevesmühlen (Grems)

Stadt in Mecklenburg, westlich von Wismar.

946 In dem »Reichsarbeitsdienstlager Grevesmühlen« lebte Harald Ringeloth, eines der zahlreichen Opfer der »Justiz in Mecklenburg während des Nazikrieges« (945-950).

Vgl. auch 1511. 1589.

Zu Harald Ringeloth vgl. Jahrestage-Kommentar zu 946,37.

Griem, Walter

Ackerbürger in Jerichow, Nationalsozialist. Seit 1937 Reichsarbeitsdienstführer. In den Prozess gegen Hagemeister und Warning verwickelt.

33 Er und Horst Papenbrock mussten Anfang der dreißiger Jahre »zu ihren Schlägereien nach Gneez« fahren, »weil die Sozialdemokraten in Jerichow ihre Nachbarn, Verwandten, Stadtverordneten waren«.

37 Marie fragt ihre Mutter: »Diesen Griem in Jerichow, hast du den gekannt? Lebt der noch?«

589-592 Einige Jahre später (1937) ist er Reichsarbeitsdienst-Führer (Oberfeldmeister), »hatte seinen Rang nicht als Belohnung bekommen, sondern weil er ein guter Bauer war, dem eine Ackerbürgerei in Jerichow nicht ausreichte. In großen Flächen denken, Arbeit über Jahre planen, Arbeiter anleiten, er war in der Tat dafür begabt. Allerdings, er hatte Geld angenommen, wenn er eine nasse Wiese in gräflichem Privatbesitz als volkswirtschaftlich wichtig meliorisieren ließ«.

In einem von Lisbeth Cresspahl mitgehörten Gespräch zwischen Warning und Hagemeister wird ihm nachgesagt, dass er sich vor 1933 »mit Hilfe eines jüdischen Akademikers einen rechtswidrigen Vermögensvorteil verschafft« habe. Tierarzt Dr. Semig soll ihm eine kranke Kuh »zum Abdecker begutachtet« haben, so dass Griem Ersatzzahlungen aus der Versicherung habe kassieren können (605). Lisbeths Bruder Robert Papenbrock bringt den Vorgang hinter dem Rücken der Familie zur Anzeige. Daraufhin werden Warning und Hagemeister wegen übler Nachrede (nach dem »Heimtückegesetz«) angeklagt und Dr. Semig, obwohl nur Zeuge, im Untersuchungsgefängnis in Gneez festgehalten. Von Berlin aus schaltet sich Peter Niebuhr hinter den Kulissen in den Prozess ein, um Griem eins auszuwischen, ohne zu bedenken, dass er damit auch Semig und Lisbeth Cresspahl schadet (vgl. 607 f.).

597-600 Der bevorstehende Prozess aus der Sicht von Landgerichtsdirektor Wegerecht: Weisungen von höherer Stelle lassen darauf schließen, dass der Prozess auf Griem zulaufen soll (vgl. 607-608../?id=2452). – Griem legt sich während eines Manövers der Wehrmacht Ende September 1937 mit Heeresoffizieren an, »ein bärbeißiges Rauhbein, das inzwischen gelernt hatte, Damen den Arm zu reichen«.

601-607 Sagt im Prozess Warning/Hagemeister aus: »Griem, massig, jovial, fast mit Fröhlichkeit versehen in seinem prallen, wetterfesten Gesicht, staatsmächtig in Uniform«. Der Staatsanwalt beantragt gegen ihn einen Verweis »wegen unerbetener Beratung des Gerichts«. Bei der Vernehmung von Dr. Semig beginnt Griem zu brüllen. Der vorsitzende Richter, Landgerichtsdirektor Wegerecht, erteilt ihm eine Ordnungsstrafe »wegen mangelnder Achtung vor der Würde des Gerichts«.

607-608 Über Peter Niebuhrs Versuch, im Hintergrund von Berlin aus in den Prozess zu intervenieren (vgl. auch 728 f. und Anhang IX).

Anhang XI Gehörte zu den ersten Nazis in Jerichow: »In der S.A. unter dem Rang des jungen Papenbrock, habe er den dennoch behandelt wie einen zimperlichen Hund.« Nach dem Krieg »wegen seiner Stellung im Reichsarbeitsdienst Bewohner eines Generalslagers in der Sowjetunion; oder aber Leiter eines Baustabes im sowjetischen Sektor von Berlin«.

Vgl. auch 105. 223. 356. 571. 615. 729. 1362.

Grimm, Heinrich

Stellvertreter von Landrat Gerd Schumann.

1378 »Dr. Dr. Heinrich Grimm« wurde von den Nazis aus dem Amt des Landrates gejagt, 1946 stellvertretender Landrat von Gneez als Vertreter von Gerd Schumann. 

1396 Gerd Schumann ist nicht gut auf ihn zu sprechen, weil er sich als Christdemokrat »entlarvt« hat: »überhaupt kriegt der keinen Urlaub für Wahlreisen, der soll mal die Verwaltung des Landkreises in Ordnung bringen«.

1437 Als er im Herbst 1946 »das Landratsamt von Gneez wiederum als Erster Leiter übernehmen sollte, auf energischen Wunsch der Krosinskaja, reiste seine Familie zu einer Taufe in Hannover, nicht verwunderlich bei einer so evangelischen Familie«. Grimm schwimmt am anderen Morgen »bei Ratzeburg durch den See« in den Westen.

1799 In der ehemals ihm gehörenden Villa etabliert sich der Staatssicherheitsdienst. Dort werden im Januar 1952 Gesine Cresspahl, Annette Dühr und Anita Gantlik im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Dieter Lockenvitz gefangengehalten und verhört.

Gronberg

Jüdischer Tabakhändler aus Berlin-Schöneberg, der 1944 auf seiner Flucht aus einem Konzentrationslager bei Heinrich Cresspahl in Jerichow auftaucht und um Hilfe für die Flucht nach Dänemark nachsucht.

45 Als Gesine Cresspahl die KZ-Tätowierung am Unterarm von Mrs. Ferwalter entdeckt, hört sie die Stimme ihres toten Vaters: »Du bleib sitzen. Du weißt nicht, warum ich Gronberg wegschicken mußte. Du weißt nichts

980-981 »Zu Ostern vor 29 Jahren hat Cresspahl einen jüdischen Flüchtling aus Berlin weggeschickt. Er war aus einem Konzentrationslager entkommen. [...] Gronberg; der Vorname ist vergessen. Ein Tabakhändler aus Schöneberg in Berlin. Er wollte mit einem Fischer nach Dänemark. Cresspahl behielt ihn so lange im Haus, wie er den Besuch noch als Erkundigung nach dem Weg ausgeben konnte, er mag ihn auch zum Essen eingeladen haben; er ging aber nicht mit nach Rande, einen Fischer überreden helfen. [...] Cresspahl schickte ihn allein weiter. Er erklärte mir [Gesine] nach dem Krieg, er habe um dieses Einen willen nicht seine Sache mit den Engländern (gegen die Deutschen) gefährden dürfen. Oft glaubte ich, dies zu verstehen. Ich wünschte sehr, Cresspahl auch hierin zu verstehen.«

Groß Thurow

Dorf zwischen Ratzeburg und Gadebusch am Goldensee, nördlich des Schaalsees.

1238 Bei dem zur Grenzbereinigung vereinbarten Gebietstausch zwischen Briten und Sowjets im Dezember 1945 werden »die Dörfer Bäk, Mechow und Ziethen [...] zu Schleswig-Holstein geschlagen; Dechow, Groß Thurow und das ganze Ostufer des Schaalsees mitsamt dem Stintenburgschen Werder gehörte nun zu Sowjetmecklenburg«. 

Zum Gebietstausch zwischen Briten und Sowjets vgl. Jahrestage-Kommentar zu 1238, 3-16.

Grossjohann, Ilse (Großjohann, Ilse)

Schwester von Geesche Helms. Zwölf Jahre lang ist sie Haushälterin bei Rechtsanwalt Kollmorgen bis zu dessen Tod im Juni 1942.

306 Als Albert Papenbrock und Heinrich Cresspahl den Anwalt an einem Samstagabend aufsuchen, schickt Kollmorgen sie weg. »So neugierig sie war, nie fand sie die Jahrgänge [seines Weins], nach denen sie geschickt wurde.«

890-891 Nach Kollmorgens Tod bekommt sie »das sämtliche Kollmorgensche Geschirr, auch Möbelstücke«. In der offenen Schublade seines Schreibtisches findet sie »wie angekündigt das Blatt mit den Anweisungen für den Fall seines Todes, von den Gängen zu Dr. Berling und zu Swenson bis zu den Vorschriften für die Beerdigung«. – »Ilse hatte die Übermachung des Geschirrs verstanden als einen Hinweis von Kollmorgen, nun doch einen Mann zu nehmen, und heiratete im Herbst 1942 einen Fischer in Rande, der fünf Jahre auf sie gewartet hatte. Ilse Großjohann hieß sie nun, eine sehr angesehene Hausfrau, beneidet wegen ihrer Ausstattung. Wenn sie nun nach Jerichow zum Einkaufen kam, hatte sie nicht mehr das Gesicht eines Mädchens, das sich hilflos wundert.«

1034 In Jerichow kursieren im Juli 1945 Gerüchte über sie: »Ilse Grossjohann ist aber doch vergewaltigt worden (Frieda Klütz).«

1102-1103 Vertritt nach dem Krieg die Fischereigenossenschaft Rande.

1175-1176 Seit Mai 1945 Bürgermeisterin in Rande. Sie hilft Kliefoth, seine Frau in Rande zu beerdigen.

1242 »Wenn Jerichow zum Westen gekommen wäre«: »Ilse Grossjohann wäre nicht lange Bürgermeisterin geblieben. Jedoch hätte sie zwei Kutter liegen an der neuen Landungsbrücke, und wo die Ausflugsschiffe aus Dänemark anlegten, hätte sie eine behaglich bebuschte Falle gebaut, das Gartenrestaurant Najade.«

1280 Bringt in ihrem Kutter Hanna Ohlerich auf die Ostsee zu den Verwandten aus der britisch besetzten Zone.

Vgl. auch 360.

Grudinski, Henrik

Polnischer Zwangsarbeiter in der Papierfabrik von Wismar während des Krieges.

858 Wirft am 19. März 1941 »den Kriminalsekretär Engelhardt eine Treppe hinunter« und flüchtet über das Eis der Wismarschen Bucht.

Guarani, David

Dokumentenprüfer in der Bank, in der Gesine Cresspahl in New York arbeitet.

696-697 Er ist »der Elegant seiner Abteilung, nicht viel über 25 Jahre, so sicher seines banktechnischen Wissens und der unausweichlichen Beförderung bewußt, daß er nicht einmal erschrak, als de Rosny durch seinen Saal ging und namenlos verblüfft erkannte, daß der Angestellte Guarani bequem auf anderthalb Stühlen gelagert war und in seiner Zeitung las, während vor ihm ein Mann auf den Knien lag, ihm die Halbstiefel salbend«.

Vgl. auch 521. 698.

Guevara, Ernesto (Che)

Lateinamerikanischer Politiker und Guerillero (1928-1967).

115 »Der Agitator Che Guevara hat für nötig gehalten, sich fotografieren zu lassen im bolivianischen Busch. Zwar zeigt ihn nun die New York Times im Kreise seiner Kampfgefährten. Soll die ganze Welt zusehen, wenn er Kopf und Kragen verliert?«

163 Am 11. Oktober 1967 liest Gesine Cresspahl die Zeitung: »An diesem Morgen bringt die New York Times das Leichenbild des Agitators Ernesto Che Guevara.«

Vgl. auch 166. 404-405. 536. 827.

Gustafsson

62 Besitzer einer »skandinavischen Sandwichstube an der Zweiten Avenue«, in der Gesine Cresspahl häufiger mit Mr. Shuldiner ihre Mittagspause verbringt.

64 »Gustafssons berühmter Fischsalat« wird aufgerufen als eine der (versagenden) Stützen des Gedächtnisses.

Vgl. auch 697. 1337. 1465. 1543.

Güstrow

Stadt in Mecklenburg, südlich von Rostock gelegen.

23 Marie Cresspahl hat sich ein Foto kopieren lassen, »auf dem Jakob und Jöche zu sehen sind, vor der Lokomotivführerschule in Güstrow«.

33 Aus Güstrow stammt Gesine Cresspahls Großmutter Louise Papenbrock, geborene Utecht, aufgewachsen in einem Haus in der Hageböcker Straße.

200 Heinrich Cresspahl leistete seinen Militärdienst beim Holsteinischen Artillerie-Regiment 24 zu Güstrow, 2. Batterie, ab.

712 In Güstrow wurde Ernst Barlach auf der Straße angespuckt, weil man ihn für einen Juden hielt.

713 In Güstrow wohnt Tischlermeister Friedrich Büntzel, bei dem Barlach sich das Holz für seine Figuren holte.

721 Im November 1938 will Cresspahl in Güstrow Tischlermeister Büntzel besuchen.

1820-1822 Im September 1951 macht Gesine Cresspahls Klasse eine »Betriebsbesichtigung Barlach« in Barlachs Haus am Inselsee von Güstrow.

Vgl. auch 270. 298. 546. 633. 1163. 1285. 1654. 1663. 1793 f.

Güstrow ist eines der mutmaßlichen Vorbilder für die fiktive Kreisstadt Gneez.

H

Haase, Dagobert (Saitschik, Haase Saitschik)

Schüler der Fritz Reuter-Oberschule in Gneez, Mitschüler von Gesine Cresspahl, befreundet mit Eva Matschinsky (vgl. 1589, 1659).

1576-1577 »Quirlig, zudringlich, anstellig, brauchbar«. Ehemaliger Tischnachbar von Pius Pagenkopf, ehe der sich wegsetzt zu Gesine Cresspahl.

1695-1696 Sein erstes Urteil über Fontanes »Schach von Wuthenow«, den die Klasse im Schuljahr 1950/51 mit Weserich liest: »Das' man ne olle Kamelle: sagte Saitschik: Wer schwängert, der soll auch schwören.« Weserich »bedankte sich für die Unterweisung in mecklenburgischer Volksweisheit. So war es, aus Saitschik sprach der Geist der Ackerbürgerei von Gneez (und des vertriebenen Adels); ohne daß er sich bewußt war, was er damit an Mutmaßungen herausgefordert hatte über die Ehe seiner Eltern oder seinen Umgang mit Eva Matschinsky. Die duckte sich, die war errötet. Dagobert Haase stand da in seinem leicht dicklichen und treuherzigen Wuchs, nölig«.

1725-1726 Bei Pius Pagenkopf hören Gesine, Dieter Lockenvitz, Eva Matschinsky und Dagobert Haase heimlich »den Rundfunk Im Amerikanischen Sektor«: »Da lief freitags eine Schlagerparade, da sang Bully Buhlan zu Saitschicks Genuß und Spaß Jupp-di-du – / du kommst ja doch nicht mit dem Kopf durch die Wand! / Jupp-di-du –«.

Vgl. auch 1589. 1650. 1656. 1659-1660. 1733. 1777. 1782.

Der Spitzname »Saitschik« ist das russische Wort für ›Häschen‹ (vgl. Jahrestage-Kommentar zu 1576, 24 f.).

Haase, von

Gutsbesitzer auf Gut Bobzin bei Malchow am See.

279-280 Cresspahls Eltern haben fast ein halbes Jahrhundert auf dem Gut der von Haases gearbeitet. »Aus Höflichkeit« besucht Heinrich Cresspahls Mutter Berta die Haases kurz vor ihrem Tod im Frühjahr 1933. Als ihr schlecht wird, lässt Frau von Haase anspannen, »immerhin den Kutschwagen«, und sie schleunigst fortbringen. Kurz darauf stirbt Berta Cresspahl im Haus ihrer alten Freundin Erna Schmoog.

692 Heinrich Cresspahl hatte als Kind »mit den Tagelöhnern der von Haases aufs Feld ziehen« müssen.

1283 Cresspahl in seinem Lebenslauf: »Was jene Familie mit kranken Gutsarbeitern anstellte, er wußte es nicht erst seit dem Tod seiner Mutter.«

1352 Nach dem Krieg wohnt bei Louise Papenbrock in Jerichow eine Familie von Haase in einer Dachkammer, »die war aus dem Südmecklenburgischen deportiert, mehr als die dreißig vorgeschriebenen Kilometer vom Gut entfernt«.

Vgl. auch 1371.

Habelschwerdt (Der Hobel)

Lehrerin an der Fritz Reuter-Oberschule in Gneez, Spitzname »der Hobel«, 1951 strafversetzt an die Niklot-Grundschule in Gneez.

1575-1576 Sie »hatte vor einundzwanzig Jahren in Breslau ihr Abitur gemacht und richtig einen Oberlehrer für die Ehe erwischt; nun er ›im Osten‹ vermißt war und sie ansaß mit halbwüchsigen Kindern, hatte sie sich unter ganz jungen Dingern zur Neulehrerin schulen lassen und gab uns Mathematik, Chemie, Physik. Die Jungen in der Klasse hielten sie ernstlich für ›annehmbar‹ (›ausreichend für einen neuen Mann‹), ihre Beine galten als ›Eins-Minus‹ für ihre vierzig Jahre; ihren Spitznamen hatte sie sich zugezogen mit überscharfen Tadeln, von denen ihre enge Stimme überfordert war.« Als »Angehörige und noch als Hinterbliebene eines Belasteten (N.S.D.A.P.)« ist sie ängstlich um Anpassung an die neuen Verhältnisse bemüht. – Ermahnt Pius Pagenkopf, mehr »Gemeinschaftsgefühl« zu beweisen, was ihr zum Verhängnis wird (vgl. 1778). – Erntet das Gelächter der Klasse, als sie Eva Matschinsky ermahnt, ihre »Fülle« nicht auf den Tisch zu legen; »sie hatte die jugendliche Fülle ihres eigenen Busens vergessen«.

1778 Strafversetzt wegen ihres ›dummen Spruchs‹ vom »Gemeinschaftsgefühl der Schüler« (vgl. 1576), das als »ein pädagogisches Ziel der Hitlerschule« galt. Denunziant war Gabriel Manfras.

1824 »Frau Habelschwerdt hatte büßen müssen für ein verfehltes Wort. Die Neue Schule, die Alten Wörter.«

Vgl. auch 1578. 1587. 1617.

Hagemeister

Forstaufseher in Jerichow.

570-571 Ein von Lisbeth Cresspahl zufällig mitgehörtes Gespräch zwischen Hagemeister und Warning über angebliche Machenschaften des Reichsarbeitsdienst-Führers Griem mit Dr. Semig führt aufgrund einer Denunziation zu einer Anklage gegen Hagemeister und Warning. Denunziant ist Lisbeths Bruder Robert Papenbrock. Lisbeth Cresspahl wird als Zeugin bestellt.

578-579 Verwandte von Hagemeister und Warning versuchen auf Lisbeth Cresspahl einzuwirken, dass sie ihre Aussage zurückzieht. 

601-607 Der Prozess gegen Hagemeister und Warning wegen Verstoßes gegen das »Heimtückegesetz« am 29. Oktober 1937 endet glimpflich: »Hagemeister bekam eine Geldstrafe von zweihundert Mark.« – »Hagemeister kam sich bedanken. Er bestand darauf, Lisbeth die Hand zu geben«, weil sie die Angelegenheit bei ihrer Zeugenaussage als »dumm Tüch« [dummes Zeug] bezeichnet hatte. – »Dat wier je ne düre Ünnerhollunk [Das war ja eine teure Unterhaltung]: sagte er.« Die Hälfte der Strafe wolle er bezahlen als Lehrgeld, die »anderen hundert aber werde er von Robert Papenbrock eintreiben«.

607-608 Über Peter Niebuhrs Versuch, in den Prozess von Berlin aus zu intervenieren, um Griem eins auszuwischen (vgl. auch 728 f.).

615 Hagemeister »sagte gern und wieder in seiner schläfrigen Art, aber dann begeistert: Cresspahl sin Fru hett mi fix ruträtn« [Cresspahls Frau hat mich prima rausgerissen].

Vgl. auch 596. 598.

Hähn

Geheimrat aus Malchow, der in den zwanziger Jahren in Waffenschiebereien verstrickt gewesen sein soll.

1280 Bei Verhören, denen Peter Wulff, Dr. Kliefoth und Pastor Brüshaver im Sommer 1946 unterzogen werden, deutet eine der Fragen der Sowjets darauf hin, dass sie Cresspahl in einen Zusammenhang mit Hähns Waffengeschäften bringen möchten.

Vgl. auch 1284.

Von einem in Waffengeschäfte verwickelten Geheimrat Hähn ist in Leo Lanias Buch »Gewehre auf Reisen«, einer Reportage über illegalen Waffenhandel in den frühen zwanziger Jahren (Berlin: Malik-Verlag 1924), die Rede. Kurt Tucholsky, der Lanias Buch in der »Weltbühne« rezensiert hat, gibt die darin genannten »Namen von Klang und Reichweite« wieder, darunter auch »Geheimrat Hähn, Malchow in Mecklenburg«. Vgl. Ignaz Wrobel [d.i. Kurt Tucholsky]: Gewehre auf Reisen. In: Die Weltbühne XX (1924), Nr. 42 (16. Oktober 1924), S. 573-575, hier S. 574.

Hahn, Fritz Gebhardt von

Ehemaliger Legationssekretär im Auswärtigen Amt in der NS-Zeit (1911-2003). Nach dem Krieg zweite Karriere, 1957 Regierungsrat im Bundeswirtschaftsministerium. 1964 inhaftiert und angeklagt wegen Beteiligung an der Deportation griechischer Juden in Vernichtungslager, am 18. August 1968 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

275 Gesine Cresspahl liest am 9. November 1967 in der New York Times: »Gestern in Frankfurt kam Adolf Heinz Beckerle vor Gericht unter der Anklage, er habe als Hitlers Gesandter in Bulgarien bei der Deportation von 11 343 Juden in Todeslager geholfen. [...] Mit ihm angeklagt ist ein früherer Kollege des westdeutschen Bundeskanzlers, Fritz Gebhardt von Hahn, wegen 20 000 griechischer Juden. – Es ist eine kleine Meldung tief unter dem obersten Rock der New York Times.«

1496-1497 Am 5. Juli berichtet die New York Times über den Auftritt des Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger als Zeuge der Verteidigung im Prozess gegen Hahn. Er bezeugt, dass von Hahn nicht habe wissen können, »was denn mit den Juden geschah, die er auf den Weg schickte«, und bis zum Ende des Krieges nichts von der »Endlösung« gehört habe.

1635 Die New York Times berichtet am 26. Juli 1968, dass der Staatsanwalt im Prozess gegen von Hahn Lebenslänglich beantragt hat.

Hahn, Mary

Englischlehrerin von Lisbeth Papenbrock in Rostock.

122 »Mary Hahn hatte in der Rostocker Töchterschule ein schottisches Englisch durchgesetzt.«

Vgl. auch 942. 1178.

Hahn, Max

Kleiderhändler in New York.

116-117 Gesine Cresspahl liest am 24. September 1967 in der New York Times: »Der Überlebende eines deutschen Konzentrationslagers, der sich Seeleute vieler Nationen in seinem Herrenausstattungsgeschäft zu Freunden gemacht hatte, wurde gestern erschossen in seinem Laden an der Zwölften Avenue Nummer 680 aufgefunden.« Es handelt sich um Max Hahn, 64 Jahre alt, ein gebürtiger Pole, wohnhaft in der 102. Straße Nummer 63-60, in Rego Park, Queens. Seine Frau Ida »half im Laden«, sein Sohn »war vor etwa zwei Monaten von einem Studium aus Israel zurückgekehrt«.

Hallier (Prr Hallier)

Lehrer an der Hermann-Göring-Schule in Jerichow, 1940 gefallen.

896 Er ist Gesine Cresspahls Lehrer in der ersten Klasse. »Das Lernen fing erst an, nachdem seine Klasse das Hinsetzen und Aufstehen auf einen Schlag gedrillt hatte. Wer nachklappte, kam als erster dran. Er war einer von denen, ›die sie nicht genommen hatten‹. Unter dem Bild von Hitler hatte er ein Brett mit Vase angebracht, und das Beschaffen von frischen Blumen für den Götzen galt als Auszeichnung. [...] Prrr hieß er, weil er ein Kind unterbrach wie man ein Pferd anhält. [...] Dann nahmen ›sie‹ ihn doch, und im Juni 1940 war er totgeschossen.« 

Hardmeier, Ernst

Schweizer Pathologe und Gerichtsmediziner.

689 Gesine Cresspahl spricht am 7. Februar 1968 auf dem Tonband für Marie über den Fall des Charles H. Jordan, eines Mitarbeiters des jüdischen Hilfswerks A.J.J.D.C. (»American Jewish Joint Distribution Committee«) aus New York, der am 20. August 1967 in Prag auf ungeklärte Weise zu Tode gekommen war: Am 7. Februar liest sie in der New York Times, dass der mit der Autopsie des Leichnams beauftragte Gerichtsmediziner Ernst Hardmeier »am 10. Dezember 1967 mehrere hundert Meter von seinem verschlossenen Wagen entfernt in einem verschneiten Wald bei Zürich erfroren aufgefunden« wurde, »und hatte die Untersuchung nicht abgeschlossen«.  – Zur Bedeutung, die der Fall für Gesine hat, vgl. Charles H. Jordan.

Harpprecht, Klaus

Deutscher Publizist (geb. 1927).

794 Bei einer »Diskussion über neuere Chancen des deutschen Nationalsozialismus« im New Yorker Hilton-Hotel am 28. Februar 1968 führte sich »Herr Klaus Harpprecht« bei dem Publikum »ein mit der Mitteilung, er sei unter Hitler ein junger Soldat gewesen, nun aber verheiratet mit einer jüdischen Frau, die in Auschwitz gewesen sei«. Mrs. Cresspahl soll das ihren amerikanischen Bekannten erklären.

Hattje (Kaufhaus-Hattje)

Inhaber eines Kaufhauses in Jerichow.

1357 Tritt wie die meisten Jerichower Kauf- und Geschäftsleute 1945 der neu gegründeten Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD) bei.

Häuneken

Mitglied von Johnny Schlegels »Kommune«.

1274 »Huhn und Häuneken« [Huhn und Hühnchen].

1843 Nach Johnny Schlegels Verhaftung und Verurteilung im Frühjahr 1953 fliehen sie mit den meisten anderen Mitgliedern der Kommune in ein Flüchtlingslager nach Westberlin.

Vgl. auch 1848.

Hauschildt

Tierarzt in Jerichow, Nationalsozialist, Nachfolger von Dr. Semig als Fleischbeschauer.

429-432 Hat die »Tierärztliche Hochschule noch nicht lange hinter sich« und soll »neben dem Studieren viel Muße für das Aufziehen eines Nationalsozialistischen Studentenbundes gefunden haben«. Er macht die Fleischbeschau »per Telefon«, worüber Schlachter Methfessel sich ausgerechnet bei Dr. Semig beklagt. Nachdem Semig das von Methfessel mitgebrachte Stück Fleisch notgedrungen nach Schwerin geschickt und sich herausgestellt hat, dass es mit Salmonellen verseucht ist, muss der mit Hauschildt befreundete Kreisveterinär in Gneez Methfessels Vorwürfe zu Protokoll nehmen. Die Rache folgt auf dem Fuße: »S.A. in Zivil« nimmt Methfessel »hopp«, und Hauschildt wird zwar verwarnt, schikaniert Methfessel aber fortan systematisch, indem er ihn über Gebühr lange auf die Befunde seiner Untersuchungen warten lässt. Und er »benutzte nun bei Methfessel recht gern den quadratischen Stempel, der nur für bedingte Tauglichkeit des Fleisches galt«, manchmal kam es sogar vor, dass er den »dreieckigen nahm, den für die Untauglichkeit«.

473 Aus Dr. Hauschildt ist 1935 »ein nahezu tüchtiger Tierarzt geworden, seit ihm auf die Finger gesehen wurde«.

1842 Anfang der fünfziger Jahre: »Von den fünf Veterinärmedizinern in Gneez hatten inzwischen drei ›in den Westen gemacht‹. Dr. Hauschildt immer voran.«

Vgl. auch 562.

Heinricius, Witwe

Nachbarin der Paepckes in Podejuch, Regierungsratswitwe.

634-635 Bei Heinrich, Lisbeth und Gesine Cresspahls Besuch der Paepckes in Podejuch übernachtet Heinrich Cresspahl »drei Häuser weiter im Hinterzimmer von Witwe Heinricius«.

830 Während Gesines Aufenthalt bei den Paepckes nach Lisbeth Cresspahls Selbstmord 1938: Als Alexander Paepcke die fünfjährige Gesine in der Nacht weinend auf dem Dachboden findet, schreit er die ganze Familie zusammen, »und am Morgen erzählte die Regierungsratswitwe Heinricius im ›Kolonialwaren‹laden, daß Paepcke in der Nacht habe seine Frau umbringen wollen, es seien Schüsse gefallen, und die Feuerwehr sei gekommen«.

Heintz, Henriette von

Urgroßmutter (mütterlicherseits) von Gesine Cresspahl.

59 Lisbeth Cresspahl in einem ›Totengespräch‹ mit Gesine: »In Vietsen lebte deine Urgroßmutter noch. Sie hat immer die Gänse geschlachtet. Henriette hieß sie. Sie war aus einer adligen Familie. Sie hatte solche Ausdrücke: Perron, Dependance. Oder: Wasch-Lavoir

Vgl. auch 167. Anhang IV.

Helms, Ete

Stadtpolizist in Jerichow, verheiratet mit Geesche Helms.

222-223 Am 30. Januar 1933 schickt Bürgermeister Dr. Erdamer die Stadtpolizei zur Schule, wo Horst Papenbrock die Hakenkreuzflagge hatte hissen lassen und zwei SA-Leute als Wache aufgestellt hatte. »Die Stadtpolizei war Ete Helms, auch nicht viel über zwanzig und sehr auf seinen Feierabend bedacht«. Er kann allein nichts gegen die SA-Leute ausrichten und steht »bis kurz vor Mitternacht am Schulhofzaun«.

350 Muss bei dem ›Judenboykott‹ am 1. April 1933 vor Oskar Tannebaums Laden aufpassen, »dass alles ordentlich ablief«.

392 Trifft an einem Abend das verliebte Ehepaar Lisbeth und Heinrich Cresspahl in einer Umarmung in einem Torweg, »und als Ete Helms den Schritt zu lange verhielt, lösten sie sich von einander ohne Eile und wünschten ihm ganz ohne Aufregung einen guten Abend. Ete Helms hätte ihnen am liebsten das Weitermachen befohlen«.

723-725 In der Nacht der Novemberpogrome vom 9. auf den 10. 11. 1938 vor Tannebaums Laden soll Ete Helms auf Geheiß des neuen Bürgermeisters Friedrich Jansen das Geld aus Tannebaums Ladenkasse entgegennehmen, »und Ete Helms stand Habacht vor ihm, wollte das Geld nicht nehmen. Jansen, hochrot im Gesicht, drohte ihm mit Strafe wegen Verweigerung eines Befehls, und Ete schlug die Hacken zusammen und nahm das Geld nicht«. – Als wenig später – nach dem tödlichen Schuss auf Marie Tannebaum – Lisbeth Cresspahl Jansen ohrfeigt, führt Ete Helms sie ruhig weg und tut so, als würde er sie verhaften. Außer Sichtweite der Zuschauer lässt er sie los, und vor Papenbrocks Haus »ließ er sie gehen, nahm beim Gruß die Hand an die Mütze«.

868-869 Nachdem Eduard Tamms Bürgermeister geworden ist (1942): »Seit Ete Helms einen Bürgermeister Tamms in seinem Rücken wußte, war ihm mit einer Zugehörigkeit zur Partei weniger bequem Angst zu machen, und wenn einer eine Strafgebühr nicht bezahlte, faßte Tamms bereitwillig mit einer Anzeige nach. Das mochte wehtun; das war nach der alten Ordnung.«

Vgl. auch 224. 360.

Helms, Geesche

Frau des Jerichower Polizisten Ete Helms, Schwester von Ilse Grossjohann.

853-854 Macht die »Anstandsdame« bei Käthe Klupschs ›Bewerbung‹ als Haushälterin in Cresspahls Haus nach Lisbeth Cresspahls Tod. »Geesche Helms hielt sich steif auf dem Sofa und wollte zeigen, daß sie ihre Mitwirkung bedauerte.«

Vgl. auch 223. 306. 360. 890.

Hermlin, Stephan

Deutscher Schriftsteller (1915-1997).

1660 Eröffnet beim Pfingsttreffen der FDJ im Sommer 1950 am Ringbahnhof Landsberger Allee den »Kongreß junger Friedenskämpfer«.

Vgl. auch 1728.

Herrnburg

Dorf im äußersten Westen Mecklenburgs, nahe Lübeck, Ortsteil von Lüdersdorf, bis 1990 Grenzübergang. Schauplatz des in Brechts »Herrnburger Bericht« thematisierten Vorfalls nach dem Deutschlandtreffen der FDJ 1950, bei dem die von dem Treffen zurückreisenden westdeutschen Jugendlichen an der Grenze in Herrnburg von der westdeutschen Polizei schikaniert wurden.

1819 Gesines Klasse muss bei Bettina Selbich das »Werk ›Herrnburger Bericht‹« studieren. »Das wurde aufgeführt zu den III. Weltjugendfestspielen der F.D.J. in Berlin [...]. Wir waren albern genug, eine Inszenierung des Chorwerkes auch vorzuschlagen für die Fritz Reuter-Oberschule in Gneez (weil Herrnburg doch Nachbarschaft sei), zur Begeisterung von Bettina S. (über ihre pädagogischen Erfolge). Da legte Julie Westphal sich quer, der schwante etwas von unserer Verwunderung über einen Dichter, der sich empörte über westdeutsche Polizeikontrolle, weil er von der ostdeutschen meistens verschont wurde.«

Vgl. auch Jahrestage-Kommentar zu 1819,2.

Heuss, Theodor

Deutscher Politiker (1884-1963). Erster Präsident der Bundesrepublik Deutschland von 1949-1959.

1864-1865 Gesine Cresspahl über Heuss: »Der Staatspräsident war ein Freidemokrat, der hatte 1933 Hitler abstützen helfen mit dem Ermächtigungsgesetz, das die Republik von Weimar um die Ecke brachte. Nun empfahl er seinen Bürgern, die Vergangenheit ›zu bewältigen‹ [...]. Enthielt sich öffentlichen Bewältigens für seine Person.« – Gesine nach ihrer Flucht nach Westdeutschland: »Sah sie in einer Wirtschaft ein Meisterdiplom hängen mit dem Hakenkreuz im Amtssiegel, überklebte sie es klammheimlich mit einer Briefmarke, die zeigte immerhin den Kopf des Staatsverräters, der hierzulande Staatspräsident war«.

Vgl. auch 1872.

Heuss wird namentlich nicht genannt.

Hildebrandt, Friedrich (Fiete Hildebrandt)

Nationalsozialistischer Politiker (1898-1948). SS-Obergruppenführer und »Reichsstatthalter« von Mecklenburg-Schwerin 1933-1945. 1947 wegen Erschießung notgelandeter alliierter Flieger zum Tod verurteilt, 1948 in Landsberg am Lech hingerichtet.

360-362 Im Frühjahr 1933 wird Avenarius Kollmorgen in der Sache Ossi Rahn bei Hildebrandt vorstellig.

1777-1778 Gespräch der Schüler Pagenkopf, Haase und Cresspahl 1950 über Hildebrandt. Für Gesines Vater »war allein  der Name Hildebrandts noch vor fünf Jahren eine tägliche Bedrohung gewesen«.

Vgl. auch 525. 555. 596. 909. 1290. 1346. 1629. 1781. 1820.

Himmler, Heinrich

»Reichsführer« der SS (1900-1945).

391 »Und als Cresspahl Ende November [1933] in Jerichow ankam, wer war da ernannt zum Kommandeur der Politischen Polizei von Hamburg, Lübeck und Mecklenburg-Schwerin?« – Die Frage initiiert eines von Gesines ›Totengesprächen‹ mit ihrem Vater, der die Frage beantwortet: »Heinrich Himmler.« Gesine: »Künnstu nich åhnn.« Heinrich Cresspahl: »Ne.«

Vgl. auch 851. 1817.

Hirschfeld, Joseph

Rabbiner in Gneez, 69 Jahre alt.

722 Wird in der Nacht der Novemberpogrome vom 9. auf den 10. 11. 1938 von einem Polizeibeamten abgeführt, als er die brennende Synagoge retten will. Lisbeth Cresspahl, die sich um diese Zeit noch in Gneez aufhält, könnte den Vorfall gesehen haben, denn derselbe Beamte hatte ihr kurz zuvor höfliche Ratschläge gegeben.

Hitler, Adolf

330-331 »Es war also der Tag von Potsdam, der 21. März 1933, ein Dienstag, an dem ein Irrer namens Hitler von einem alten Feldmarschall das Deutsche Reich in demütiger Verbeugung entgegennahm, an dem Cresspahl zurückkam nach Richmond im Süden Londons«.

Vgl. sämtliche Stellennachweise im Register des Jahrestage-Kommentars.

Hoernle, Edwin

Kommunistischer Politiker (1883-1952), Gründungsmitglied der KPD, 1933-1945 Emigrant in Moskau,1945 Rückkehr in die SBZ, seit 1945 als Präsident der Deutschen Zentralverwaltung für Land- und Forstwirtschaft der Deutschen Wirtschaftskommission für die Durchführung der Bodenreform verantwortlich.

1197 Im August 1945 trägt Frau Abs einen Zeitungsartikel in der Schürzentasche, in dem sie, wenn sie allein ist, liest, »was Edwin Hoernle, Mitbegründer der alten K.P.D. und nun Präsident der Deutschen Verwaltung für Land- und Forstwirtschaft über die Bodenreform verkündet hatte: ›daß es heute darauf ankommt, den alten Traum jedes deutschen Kleinbauern und Landarbeiters endlich zu erfüllen, den Traum vom eigenen kleinen Bauerngut.‹«

Honecker

Erich Honecker (1912-1994), deutscher Politiker, Mitbegründer und Leiter der FDJ 1946-1955, 1971 Erster Sekretär des ZK der SED, 1976-1989 Staatsratsvorsitzender.

1660 In Pius Pagenkopfs Bericht vom Deutschlandtreffen der FDJ in Berlin 1950 für Gesine: »fünf Stunden latschenden Marsches bis zur Tribüne mit dem Sachwalter und dem Ersten von der F.D.J., Honecker hieß der, damals fast achtunddreißig Jahre alt, und hatte eine Übernahme Westberlins durch seinen Verein einst abgewogen gegen blutig geschlagene Köpfe seiner Jugendfreunde. Zum Ausgleich gab er etwas Unerhörtes bekannt, Kartoffelkäfer betreffend.«

Zur Kartoffelkäfer-Geschichte vgl. S. 1726 f., 1782. Vgl. auch Jahrestage-Kommentar zu 1660, 15.

Hotel Erbgroßherzog (Gneez)

Erstes Hotel am Platze in Gneez.

857 Versammlungsort der Bezirksbauernschaft 1942.

1347 Nach Slatas Verhaftung im Herbst 1945 verbringt der Gneezer Stadtkommandant Jenudkidse seine Abende nicht mehr in Alma Wittes Hotel Stadt Hamburg, in dem Slata gewohnt hatte, sondern im Hotel Erbgroßherzog, »dem Dom Offizerov nunmehr«.

1430-1431 Ein »vierstöckiges Haus in grauem Putz, mit durchgehenden Säulen und Riefen bis unters vornehm gerundete Walmdach ein Palast, das Hotel Erbgroßherzog, um 1912 errichtet nach den Plänen eines Architekten, der an eine großstädtische Zukunft von Gneez geglaubt hatte«. – Nach 1945 ist es »besser gestellten Personen vorbehalten durch ein rot und gelbes Blechschild auf dem halbrund vorgesetzten Empfang, das für die meisten Deutschen nicht leserlich war und nach Vermutungen übersetzt wurde als Haus der Offiziere, aber für Offiziere im Besitz einer kyrillischen Schreibbildung«.

Anhang XII Im Keller des Hotels wurde der Sozialdemokrat Friedrich Laabs 1920 von Kapp-Putschisten umgebracht. 

Vgl. auch 966. 1346.

Im benachbarten Seebad Rande gibt es ebenfalls ein Hotel Erbgroßherzog.

Hotel Erbgroßherzog (Rande)

Grandhotel im Seebad Rande.

32 Rande war »schon am Anfang des Jahrhunderts reich genug für Grand Hotels, Erbgroßherzog, Stadt Hamburg«.

70-71 Bei seinem Aufenthalt in Mecklenburg im August 1931 trifft Heinrich Cresspahl sich mit Dr. Semig auf der Terrasse des Hotels.

Vgl. auch 1175. 1242.

In Gneez gibt es ebenfalls ein Hotel Erbgroßherzog.

Hotel Marseille

Hotel an der West End Avenue in New York.

189-190 Es liegt bei Marie und Gesine Cresspahl »um die Ecke«, ist ein »mit Zinnen bewehrter Turm aus einem Mittelalter namens Jahrhundertwende, dem starren die Klimamaschinen aus den Fenstern wie falsche Zähne reihenweise, und das Haus empfiehlt sich mit Bar & Restaurant & T.V. im Zimmer & Schwimmbad«.

487-491 Unter dem Hotel befindet sich der Mediterranean Swimming Club mit Schwimmbad und Sauna. Marie und Gesine gehen hier oft schwimmen für 60 Dollar Jahresgebühr. In halber Höhe des Schwimmbades »läuft um zwei Wände ein Balkon, die Rückseite der Bar Marseille«, wo Mr. Mclntyre »kaum je zum Stillstand [kommt] vor seinen neunundneunzig Flaschen Feuerwassers«. – Gesine vergleicht das geräumige Schwimmbad mit der ›Mili‹ in Jerichow, der Militärbadeanstalt in Jerichow Nord, in der sie schwimmen gelernt hat.

541-543 In der Sauna sprechen Frauen »über die Vergewaltigungen, die zum Leben auf der Oberen Westseite von New York gehören«.

847-848 Am Schalter des Schwimmbads sitzt Mr. Welch. Am 9. März 1968 lässt er Marie Cresspahl wissen, dass »ein Negermädchen« zweimal nach ihr gefragt habe. Es war die spurlos verschwundene Francine.

1880-1882 Am Tag vor der Abreise nach Prag denkt Gesine über die New Yorker Jahre seit 1961 und ihr Verhältnis zu der Stadt nach; dazu gehört auch die Erinnerung an die Stunden in der Bar des Marseille und Gespräche mit Mr. McIntyre in den ersten Jahren.

Vgl. auch 564. 566. 573. 581. 662. 669-670. 862. 1067. 1137. 1322. 1595. 1709. 1880.

Vorbild des Hotels Marseille war das »Hotel Paris« an der West End Avenue (vgl. Jahrestage-Kommentar zu 189, 38).

Hotel Sonne

Hotel in Gneez.

1457 Hier findet die Tanzschule statt, in die Gesine im Frühjahr 1947 gehen muss, »wöchentlich zwei Nachmittage im gneezer Hotel Sonne hinterm Landratsamt«; im Winter hätten »Feuerung wie Tageslicht nicht gereicht«.

Ein »Hotel Sonne« gab es in Güstrow an der Baustraße (vgl. Jahrestage-Kommentar zu 1457,2).

Hotel zum fröhlichen Transit

Waldhotel westlich von Gneez.

1775 Bei ihrem »Ausflug« von West-Berlin nach Mecklenburg im Mai 1968 stößt Anita im Wald »westlich von Gneez, an der Straße Lübeck nach Rostock (Fährverbindung nach Dänemark) [...] auf das Hotel zum fröhlichen Transit«. Die ehemalige Ausflugsgaststätte ist nobel hergerichtet für ausländische Touristen und westdeutsche Transitreisende: »Umsessen von westdeutschen Leuten auf der Durchreise speiste Anita gerösteten Aal von Markenporzellan, mit Silberbesteck, trank einen Chablis aus dem Kristallglas. [...] Mitten in Nordwestmecklenburg wurde Anita für Dollars bedient.«

Huhn

Mitglied von Johnny Schlegels »Kommune«.

1274 »Huhn und Häuneken« [Huhn und Hühnchen].

1843 Nach Johnny Schlegels Verhaftung und Verurteilung im Frühjahr 1953 fliehen sie mit den meisten anderen Mitgliedern der Kommune in ein Flüchtlingslager nach Westberlin.

Vgl. auch 1848.

Hünemörder

Bürger von Jerichow, von 1934 bis 1936 in einem KZ inhaftiert, danach Umsiedelung nach Lübeck und/oder ins Lüneburgische; 1945 Rückkehr nach Jerichow, Eröffnung eines Eisenwarenladen, der ihm schon nach 2 Stunden geschlossen wird; Inhaftierung und Verurteilung.

413 Jerichower im Gespräch über die Sorgen, die Lehrer Stoffregen 1933 wegen seines Namens hat, der nicht »arisch« klingt: »ein Mensch denkt doch über seinen Namen nach. Ich nicht. Das glaub ich dir, Hünemörder.«

1780-1781 Nach dem Krieg kam Hünemörder zurück »aus dem Lüneburgischen, getreu seinem Schwur: erst müsse das Gesindel der Friedrich Jansen und Friedrich Hildebrandt ausgeräuchert sein in Mecklenburg. Ein paar Pfund Pinnen und Nägel hatte er mitgebracht aus dem Westen, ein Eisenwarengeschäft gedachte er zu eröffnen in Gneez«. Der Verkauf der begehrten Mangelware dauert nur zwei Stunden, Hünemörder wird festgenommen. Auch Leslie Danzmann, die er als Verkäuferin eingestellt hat, wird verhaftet und für einige Tage im Untersuchungsgefängnis festgehalten«. – »Was Hünemörder bekam für seinen Versuch, die Volkswirtschaft zu sabotieren mit dem Vertrieb kontingentierten Handelsgutes, es blieb unbekannt, weil in der Hauptstadt verhandelt; Emil Knoop, über den wohl der Nachschub hätte laufen sollen, war gerade zu Schiff nach Belgien«.

Anhang XIII Heinrich Cresspahl erinnert sich 1949: »Hätten die Briten Jansen nicht versehentlich wegen Waffenbesitzes erschossen, es fänden sich Leute in Jerichow genug, ihn umzubringen. Zum Beispiel Hünemörder«. Der habe »nach der Hitlerrede 1934« prophezeit, dass spätestens 1939 Krieg sein werde, und sei dafür (offenbar auf Betreiben Jansens) in ein Konzentrationslager gesteckt worden. »Hünemörder kam erst 1936 aus dem Konzentrationslager frei, und zog von Jerichow nach Lübeck, eigens um sich den Anblick von Friedrich Jansen zu ersparen.«

Hutchinson, James H.

Dealer, Opfer der Drogen-Szene von New York.

157 Gesine Cresspahl liest am 9. Oktober 1967 in der New York Times über die Auffindung des Toten. Der Einundzwanzigjährige war bei den Hippies und Arbeitslosen im East Village von Manhattan »eingeführt als billiger Lieferant von L.S.D., Marihuana und Barbituraten. Groovy hatten sie ihn genannt, den Bescheidwisser, den Könner«. – Er wird, zusammen mit Linda Rae Fitzpatrick, am 7. Oktober 1967 in einem Keller an der Avenue B ermordet.

165 Bewohner des East Village von Manhattan geben der New York Times zwei Tage später zu Protokoll: »Groovy Hutchinson wäre in vier Jahren so wie so tot gewesen. Er hatte es mit meth, und Sie wissen ja, wie es heißt: ›Geschwindigkeit ist tödlich‹. Aber ihm machte das nichts. Er war großartig. (Ein Mädchen, genannt Gespenst.)«

I

Ille

Büdnerin in Althagen auf dem Fischland, bei der die Paepckes nach ihren letzten Ferien den Schlüssel für ihr Ferienhaus hinterlegt haben (1490). Im Sommer 1947 verbringt Gesine Cresspahl einige Tage bei ihr.

883-884 Ille hat zunächst keinen Namen, sie ist die, »die später ihren Kapitän geheiratet hat« (883). In ihrer Küche, einer Küche »von der alten Art, mit einem Steinherd«, gehen die Leute ein und aus, um sich einen Schluck Wasser zu holen, zu essen oder sich »einen eingießen« zu lassen. »Diese Geselligkeit war was lohnt«. Dass Gesine und die Paepckeschen Kinder ihren Speck nicht mögen, stört sie nicht, sie macht ihnen stattdessen Mettwurststullen.

1490-1495 Als Gesine im Sommer 1947 von zu Hause ausreißt und nach Althagen fährt, findet sie das Ferienhaus der Paepckes von Fremden bewohnt und landet bei Ille. Beide »erschraken vor einander fürchterlich«. Ille steht in ihrer Klöntür und ist »leicht zu erkennen, unveränderlich besinnlich im Gesicht, ihre Sommersprossen schienen noch mehr eingewachsen, ihr sprödes rötliches Haar ließ an das von Männern denken. Ille trug, im Haus, ein weißes Kopftuch, wie Leute auf dem Fischland es tun aus Trauer um einen Toten; sie hatte ihren Kapitän doch noch geheiratet mit zweiundvierzig Jahren«. – Sie nimmt Gesine auf und lässt sie bei sich arbeiten »für Tisch und Bett«. Sie hat auch in diesem Sommer 1947 Feriengäste. – Die bei ihr untergekommene Flüchtlingsfamilie schickt sie aufs Feld zu den Bauern, denen sie als Büdnerin Arbeitsleistungen erbringen muss, »da die sich besonnen hatten auf die Arbeitspflichten einer Büdnerei«. – Gesine muss ihr den »›furchtbaren Gefallen« tun, ihr beizustehen beim Gang zu einer Wahrsagerin, die ihr den Tod ihres Mannes, des Kapitäns, bestätigt. »Ille bestand zu Hause nicht darauf, darüber zu sprechen. Wir nahmen einander nicht übel. Wir konnten mit einander reden.« Wenige Tage später fährt Gesine zurück nach Jerichow.

Die Figur wurde in der Erstauflage des ›Adressbuchs‹ irrtümlich mit Inge Niemann, der (sehr viel jüngeren) Tochter von Bauer Niemann in Althagen, identifiziert. Der Jahrestage-Kommentar (zu 883,34 f.) unterscheidet beide, versieht Ille aber weiterhin mit dem Nachnamen Niemann. Tatsächlich ist von ihr stets nur als »Ille« die Rede.

Inglischminsch

1274 Mitglied von Johnny Schlegels »Kommune«.

1843 Nach Johnny Schlegels Verhaftung und Verurteilung im Frühjahr 1953 flieht er mit den meisten anderen Mitgliedern der Kommune in ein Flüchtlingslager nach Westberlin.

Vgl. auch 1848.

Isobel

Dienstmädchen bei Ginny Carpenter in New York.

1424 »Das Carpentersche Dienstmädchen, aus einem Dorf in den Alleghenies, sieht der Dame des Hauses schon nach zwei Jahren ähnlich; das macht die Jugend nicht allein. Jene blanke Isobel wird dort bleiben wollen nicht der Halbwaise Marcia zuliebe, die hält sich das Kind eher vom Leib.«

Itzehoe

Kreisstadt in Holstein.

1161-1164 Bei seinem Besuch bei Heinrich Cresspahl im August 1945 berichtet Erwin Plath, den es von Lübeck nach Itzehoe verschlagen hat, über das Verhalten der Britische Besatzung in Itzehoe: Die Kasernen am ›Langen Peter‹, die auch Cresspahl von früher kennt, hätten den Briten nicht ausgereicht, sie hätten 95 Häuser im besten Wohnviertel des Stadtteils Sude beschlagnahmt; »drei Stunden gaben sie den Bewohnern, nur Wertsachen, Wäsche und Bettzeug hatten sie mitnehmen dürfen. Jetzt saßen in solchem Haus englische Familien mit ein bis zwei Kindern, die Deutschen waren in die letzten Bodenkammern, Verschläge, ja in Keller gestopft. Und Cresspahl wußte wohl von Itzehoes Kanalisation. Daß es keine gab.« Die von den Ausquartierten untergestellten Sachen, berichtet Plath weiter, würden auf dem Schwarzen Markt auftauchen, »das war also der Respekt der Briten vor Siegeln.« Nicht genutzte Häuser würden leerstehen und nicht an die Besitzer zurückgegeben, Sude sei Sperrgebiet für Deutsche. »Die Briten gingen auch privat auf Razzien, die holten sich aus den deutschen Quartieren Möbelstücke, Bilder, Rundfunkgeräte, Fotoapparate, Briefmarkensammlungen und sonst Kriegswichtiges [...]. Die fuhren mit ihren Jeeps durch Itzehoe wie die Wilden, auf Tote kam es ihnen nicht an. Eine Division hieß die Wüstenratten«.

Vgl. auch 70. 996.

J

Jackson, Dr.

Sprecher des Anglo-German Circle von Richmond im Jahr 1931.

191 Bei einer Vortragsveranstaltung mit dem deutschen Journalisten Wolf von Dewall im Januar 1933 befragt Dr. Jackson den Gast »nach seinen englischen Eindrücken. Der Vertreter der Frankfurter Zeitung sprach von der Entwicklung eines gänzlich neuen Menschenschlags in Deutschland. Die Leute hätten sogar neue Gesichter. Von Dewall bewunderte die Engländer. Schwer von Entschluß, täten sie einen Schritt doch unveränderlich in die vernünftige Richtung.«

Jackson, Mahalia

Amerikanische Gospel-Sängerin (1911-1972).

36 Die New York Times berichtet am 29. August 1967: »Mahalia Jackson liegt in Westberlin in einem Krankenhaus.«

37 Am nächsten Tag bittet Marie ihre Mutter: »Wenn du etwas Neues über den Zustand von Mahalia Jackson liest, bring es mir mit.«

Jahrestage

Der Titel des Romans wird gelegentlich Gegenstand impliziter Reflexionen.

1426-1428 Gesine Cresspahl zu ihrem Erfinder Uwe Johnson bei ihrer Auseinandersetzung über die Frage, wie sehr sie über Ginny Carpenter gelacht hat: »Ein Jahr hab ich dir gegeben. So unser Vertrag. Nun beschreibe das Jahr.« – Johnson: »Und was vor dem Jahr war.« – Gesine: »Keine Ausflüchte!« – Johnson: »Wie es kam zu dem Jahr.« – »Soll es denn doch ein Tagebuch werden?« – Gesine: »Nein. Nie. Ich halt mich an den Vertrag.«

1474 Gesine Cresspahl hat »im Frühjahr 1947 angefangen mit einem Tagebuch. – Es war nicht so recht eines. (Wie dies keins ist, aus anderen Gründen: hier macht ein Schreiber in ihrem Auftrag für jeden Tag eine Eintragung an ihrer Statt, mit ihrer Erlaubnis, nicht jedoch für den täglichen Tag.)«

1657 Gesine am 28. Juli 1968 während der Redaktion an Karschs Buch: »Es nimmt das Geschriebene überhand. Seit Juni J. B. [Jonas Blach], seit bald einem Jahr die Tage, die der andere Jugendfreund und Genosse Schriftsteller aufschreiben will. Wie werden wir froh sein, wenn es ein Ende hat mit dem Unveröffentlichten.«

Jansen sen. (Pap Jansen, der alte Jansen, Dr. Jansen, Dr. Werner Jansen)

Dr. iur., Rechtsanwalt in Gneez. Vater von Friedrich Jansen, Bürgermeister in Jerichow.

33 Heinrich Cresspahl sucht ihn 1931 auf (vgl. auch 306).

413 Gerede der Jerichower im Dezember 1933: »wir wissen, daß wir Rechtsanwalt Jansen in Gneez einen Gefallen tun und nehmen seinen verkrachten Sohn als Bürgermeister, und Bürgermeister in Jerichow, das wird wohl Pap Jansens letzter Versuch [der Hilfe für den missratenen Sohn] sein.«

666 Sein Sohn spricht ihm 1933 »wegen seines Mißtrauens gegen die neue Herrschaft Verachtung und ähnliche Sohnesstrenge aus«. Der alte Jansen »ließ sich auf den Ortsgruppenführer in Jerichow nicht ansprechen, geschweige denn von ihm selbst um Hilfe angehen«.

1243 Auch »wenn Jerichow zum Westen gekommen wäre«, wäre die Rechtsanwaltskanzlei »Dr. Werner Jansen« vermutlich noch vorhanden.

1530 Nach Heinrich Cresspahls Verhaftung 1945 hat Jansen auf Jakobs Wunsch die Vormundschaft seiner Mutter Marie Abs für die zwölfjährige Gesine erwirkt; die »durfte sie nun [nach Cresspahls Rückkehr aus Fünfeichen 1948] in den Gneezer Stadtgraben werfen«.

1688-1689 Verhilft Frau Abs 1950 zu einem Interzonenpass, »zauberte« zu diesem Zweck, »als sein Personal aus der Kanzlei war, auf der Schreibmaschine eine amtsgerichtliche Zustellungsurkunde mit einem westdeutschen Datum«.

1863 In seinem Auftrag bekommt Gesine im Jahr ihrer Volljährigkeit (1954) das Päckchen mit den Trauringen »aus einer letztwilligen Verfügung von Dr. Avenarius Kollmorgen« zugesandt.

Anhang XIII. Heinrich Cresspahl erinnert sich 1949: »wegen Papenbrocks Feigheit habe Jerichow nach Dr. Erdamer einen verkrachten Jurastudenten aufs Rathaus bekommen, als Gefälligkeit für den alten Dr. Jansen, und eine Schande für die Stadt«.

Die Aussagen über den Rechtsanwalt Dr. Jansen in Gneez sind nicht immer eindeutig, zumal die Figur erst im vierten Band einen Vornamen bekommt (Werner: 1243, 1688, 1863). Da sonst nichts darauf hindeutet, dass es zwei Rechtsanwälte namens Jansen in Gneez gibt, ist davon auszugehen, dass es sich in allen Fällen um dieselbe Figur, den Vater des Jerichower Bürgermeisters Friedrich Jansen, handelt.

Jansen, Friedrich

Sohn des Gneezer Rechtsanwalts Jansen, abgebrochener Jurastudent, Ortsgruppenleiter der NSDAP in Jerichow, wird im Frühjahr 1933 Bürgermeister von Jerichow als Nachfolger von Dr. Erdamer. Gibt das Amt 1941 auf, sein Nachfolger ist Eduard Tamms. Geht 1945 ins Lauenburgische, wird wegen Waffenbesitzes von den Engländern erschossen.

413 Gerede der Jerichower im Dezember 1933 über Albert Papenbrocks geschäftliche Winkelzüge (Pacht der Ziegelei): »Das hat er nur getan, damit Friedrich Jansen Bescheid weiß, wo es lang geht, daß er Bürgermeister sein kann und Ortsgruppenleiter von der Partei und abgebrochener Student der Rechte, aber daß Papenbrock Papenbrock ist. [...] Und Jansen hatte es wohl gar nicht so richtig mitbekommen, daß ihn da was überfahren hatte. Der hatte reichlich andere Sorgen. Ach nee. Doch. Das weiß der, daß wir wissen, daß wir Rechtsanwalt Jansen in Gneez einen Gefallen tun und nehmen seinen verkrachten Sohn als Bürgermeister [...]. Klar ist Friedrich Jansen ein alter Kämpfer, Mitglied der Partei seit 1927, darum haben wir ihn gewählt«.

474 Nach zwei Jahren, 1935, hat Friedrich Jansen »gelernt, auf Kleineschulte und den alten Papenbrock zu hören. Es gab immer noch ein paar, mit denen wurde er nicht fertig.« Zu denen gehört auch Heinrich Cresspahl.

498 Ein Versuch, Heinrich Cresspahl wegen seiner Äußerungen über den in Bau befindlichen Flugplatz Jerichow Nord bei der Gestapo in Gneez zu denunzieren, schlägt fehl.

663 Cresspahl »hätte den als Schwein beschrieben. Nicht im deutschen Sinn des Wortes, schlicht wegen seiner Ähnlichkeit. Da war Jansens rosige Länge, obendrein weißlich behaart, die schweren Schenkel, nicht wuchtig, sondern wabbelig, die massigen Arme, ansehnlich auf den ersten Blick, weichmusklig auf den zweiten, und am ganzen Leibe das zarte ängstliche Fett, angesammelt in sechsunddreißig Jahren ohne handfeste Arbeit. Das reichte Cresspahl nicht, ihn ein Schwein zu nennen; vielleicht war ihm das mecklenburgische Wort dafür zu schade. Er nannte ihn beim vollen Namen, mit einem gewissen Ernst. Damit tat er dem Vertreter der Hitlerpartei größeren Schaden, und billiger«. – Jansen macht sich Notizen über Cresspahl; in seinem »ziegenlederne[n] Notizbuch« haben »die Anmerkungen zum Buchstaben C mittlerweile die Abteilung für D halb aufgefressen«.

664 Das Bürgermeisteramt hat ihn »mit knapper Not vor einem Leben vom Hungerlohn oder im Arbeitshaus gerettet«; nun führt er ein Leben »mit Frühstück kurz vor Mittag, Bürostunden nach Belieben, Spazierfahrten und vertrunkenen Nächten«. Die Verwaltung der Stadt besorgen die Beamten, die Jansens Vorgänger Dr. Erdamer »erzogen« hatte.

665 Will Tierarzt Semigs Schäferhund King (Rex) kaufen, den Heinrich Cresspahl nach Semigs Flucht in Pflege genommen hat, aber das ›abartige Tier‹, »das die arische Rasse an Juden verraten hatte«, knurrt ihn an. Cresspahl verkauft es vorsorglich an einen Interessenten in Berlin.

666-667 Kauft 1938 von der Familie von Zelck die Villa der Ziegelei, eines »der angesehensten Häuser der Stadt«. Zur Villa gehört aber auch die inzwischen unrentable Ziegelei. So hat Jansen »von der Villa nicht viel mehr als die Kaufurkunde zu Eigentum, so platzgreifend wohnten da nun Hypotheken mit«. Jansen »hätte aus seinem politischen Amt wohl gern ein Vermögen an sich gezogen, war aber dazu nicht geschickt genug«. – Sein Vater, dem er 1933 »wegen seines Mißtrauens gegen die neue Herrschaft Verachtung und ähnliche Sohnesstrenge ausgesprochen hatte«, will von ihm nichts mehr wissen und verweigert ihm seine Hilfe. – Die Bobziens geben einem ihrer Zuchtbullen den Namen Friedrich, und Jansen kann nichts dagegen tun. »Es war ein mächtiges Tier, träge und tückisch, und hatte einen etwas zu dösigen Blick.«

702-703 Hält bei der Einweihung des Flugplatzes Jerichow Nord mit hochrotem Gesicht und schwer atmend eine Rede. »Von den Fotografien, die Jansen in diesem Zustand zeigten, setzte Stellmann am nächsten Tag mehr ab als von jedem anderen Motiv.«

722-724 In der Nacht der Novemberpogrome vom 9. auf den 10. November 1938 steht vor Tannebaums Laden »auch Friedrich Jansen Wache, Bürgermeister, Polizeichef, mit gezogener Pistole«. – Er befiehlt dem Stadtpolizisten Ete Helms, das Geld aus Tannebaums Ladenkasse, das Tannebaum selbst auf Knien einzusammeln gezwungen wird, von diesem entgegenzunehmen und ihm zu bringen, aber »Ete Helms stand Habacht vor ihm, wollte das Geld nicht nehmen. Jansen, hochrot im Gesicht, drohte ihm mit Strafe wegen Verweigerung eines Befehls, und Ete schlug die Hacken zusammen und nahm das Geld nicht«. – Kurz darauf tritt Lisbeth Cresspahl vor den Bürgermeister und ohrfeigt ihn. »Friedrich Jansen hielt ihr einfach die Hände fest.« Ete Helms führt sie (zum Schein) ab und »Friedrich Jansen kommandierte nun die Feuerwehr. Die Feuerwehr mußte ihr Wasser eine halbe Stunde in das Haus schießen, das nicht brannte, weil Jansen mit der Pistole hinter der Spritze stand.«

868 Gibt 1941 das Bürgermeisteramt »wegen Arbeitsüberlastung« auf (Nachfolger: Eduard Tamms) und verkauft die Ziegelei an einen Lübecker Fabrikanten, »bloß um seine Schulden bezahlen zu können«.

1000 Nach Kriegsende hat er sich »ins Lauenburgische verdrückt, wo sein mecklenburgisches Wirken unbekannt war; bei einer Ausweiskontrolle wurde die Pistole entdeckt, die er für den Notfall bei sich trug, und die Briten verurteilten ihn wegen des Waffenbesitzes zum Tode und erschossen ihn ahnungslos in Lübeck«.

Anhang XIII. Heinrich Cresspahl erinnert sich 1949: »wegen Papenbrocks Feigheit habe Jerichow nach Dr. Erdamer einen verkrachten Jurastudenten aufs Rathaus bekommen, als Gefälligkeit für den alten Dr. Jansen, und eine Schande für die Stadt«.

Anhang XIII. Hat Hünemörder ins KZ gebracht: »Hätten die Briten Jansen nicht versehentlich wegen Waffenbesitzes erschossen, es fänden sich Leute in Jerichow genug, ihn umzubringen. Zum Beispiel Hünemörder«. Der habe »nach der Hitlerrede 1934« prophezeit, dass spätestens 1939 Krieg sein werde, und sei dafür in ein Konzentrationslager gesteckt worden. »Hünemörder kam erst 1936 aus dem Konzentrationslager frei, und zog von Jerichow nach Lübeck, eigens um sich den Anblick von Friedrich Jansen zu ersparen.«

Vgl. auch 418. 496-498. 530. 532. 624. 650-651. 668. 670-671. 678. 692. 719. 738. 741-742. 744. 754. 756-759. 781. 857. 867. 942. 969. 1781. Anhang XII-XIII.

Jason

Einer der Hauswarte und Fahrstuhlführer in dem Haus Riverside Drive 243 in New York, in dem Gesine und Marie Cresspahl wohnen. Kollege von Bill Shaks (Shakespeare) und Mr. Robinson.

210-211 An dem Tag, an dem Mrs. Cresspahl nicht reden will (23. Oktober 1967), erscheint er im Türrahmen des Personalraums, »massig, schwarz, düster, finster, deckte für einen Augenblick den Lärm aus Radio und Fernsehgeräten ab, war weggetreten in die Dunkelheit hinter seinen Augen«.

1026-1027 Bei Jason schaut Marie manchmal Fernsehsendungen, weil ihre Mutter keinen Fernseher in der Wohnung duldet.

1668 Repariert nach dem Einbruch in Gesines Wohnung am 29. Juli 1968 gemeinsam mit seinem Kollegen Mr. Robinson die Wohnungstür, »hatte sich aufgerafft aus der Scham, daß uns dies betroffen hatte unter seiner Aufsicht, über seinem Kopf! denn er war tagsüber im Hause gewesen«.

Vgl. auch 220. 292. 443. 476. 581. 1024. 1317. 1592. 1664.

Jendretzky, Herr

Leiter des Wohnungsamtes in Gneez

1461 Der »Genosse Leiter des Wohnungsamtes« ist Chef von Leslie Danzmann. Als er sie zum Beitritt in die SED auffordert, antwortet sie: »Aber was sollen die Nachbarn von mir denken, Herr Jendretzky!« Kurz darauf bekommt sie die Kündigung.

Jenudkidse, J. J. (Das Dreifache J)

Sowjetischer Stadtkommandant von Gneez.

1342-1343 Er stellt Slata Podjeraizka, ehemals Braut von Robert Papenbrock und Mutter seines Sohnes Fritz/Fedja, als Dolmetscherin und Assistentin der Kommandantur ein.

1345 Im Herbst 1945 lässt er Slata plötzlich und ohne ersichtlichen Grund verhaften und mit ihrem Kind in die Sowjetunion in ein Straflager bringen. Dass sie, »wenn auch nicht vor dem Gesetz, die Frau eines Nazis« ist, hatte er von Anfang an gewusst und »hatte ihr vergeben«.

1345-1347 Sein rohes Vorgehen bei Slatas Verhaftung im Gneezer Hotel Stadt Hamburg verstört dessen Inhaberin Alma Witte nachhaltig. Alma Witte hat Herrn Jenudkidse vorher »ritterlich« genannt.

1379-1382, 1397-1399 Jenudkidses Umgang mit Gerd Schumann, dem Landrat des Kreises.

1420 Nach der Landtagswahl am 20. Oktober 1946 lässt Jenudkidse Gerd Schumann festnehmen. Bei den Verhören bittet Schumann »unverhofft, ihm selbst nicht erklärlich, um die Adresse von Slata. (Nur um ihr zu schreiben.) J. J. Jenudkidse galt als ein ruhiger Kommandant, ohne Neigung zu gehässigen oder gar unüberlegten Einfällen. Er ließ den jungen Mann an eine solche Adresse befördern«, d.h. in ein sowjetisches Straflager bringen.

1606-1608 Lässt Anita Gantlik zu Übersetzungsarbeiten aus dem Unterricht in die Kommandantur holen.

1614-1615 Er hilft Anita, als sie an den Spätfolgen einer Vergewaltigung durch drei Rotarmisten erkrankt, und besucht sie am Krankenbett.

1686 Geht 1950 zurück in die Sowjetunion. Sein »letzter Gruß« ist die Verleihung des Titels »Verdiente Aktivistin« an Elise Bock. »Die Verwaltung von Gneez war der Einheitspartei übergeben; sein Nachfolger war ein Militärkommandant, der zog aus der Stadt in die Wälder am Smoekbarg.«

Vgl. auch 1349. 1412. 1459. 1460. 1501. 1569. 1570. 1609. 1616. 1658. 1684.

Jerichosirenen

832-833 Gesine und Marie Cresspahl über die auf dem Flugplatz Jerichow Nord stationierten Kampfflugzeuge: »Die Ju 87 war ein ›Stuka‹, Sturzkampfflugzeug. Wenn die sich dem Ziel entgegenfallen ließen, heulten eingebaute Sirenen in einer infernalischen Art. Das war damals das Psychologische an der Kriegsführung. Die hießen die Jerichowsirenen [sic].« – Marie: »Nach den Trompeten, mit denen irgend welche Priester immer um irgend welche Mauern marschieren mußten, bis sie einfielen?« – Gesine: »Das wirkte nur bei einer einzigen Stadt, bei Jericho in Jordanien. Josua 6. Und der Bericht über die Zerstörung der Stadt ist Legende, das kannst du unsere Rote Anita fragen, die hat da ausgraben helfen, damit sie ein Doktor wird.« – Marie: »Jerichosirenen. Es ist mir ein Zufall zuviel. […] Ich mag es nicht, wenn etwas so genau zusammenfällt. Also Jerichosirenen in Jerichow, nicht erfunden.«

Jerichow

Kleinstadt in Mecklenburg. Nicht zu verwechseln mit »dem anderen Jerichow«, dem »großen, bei Magdeburg« (833).

30-32 »Jerichow zu Anfang der dreißiger Jahre war eine der kleinsten Städte in Mecklenburg-Schwerin, ein Marktort mit zweitausendeinhunderteinundfünfzig Einwohnern, einwärts der Ostsee zwischen Lübeck und Wismar gelegen, ein Nest aus niedrigen Ziegelbauten entlang einer Straße aus Kopfsteinen, ausgespannt zwischen einem zweistöckigen Rathaus mit falschen Klassikrillen und einer Kirche aus der romanischen Zeit, deren Turm mit einer Bischofsmütze verglichen wird [...].

Um den Marktplatz im Norden, zur See hin, standen ein Hotel, die Bürgermeisterei, eine Bank, die Raiffeisenkasse, Wollenbergs Eisenwarenlager, Papenbrocks Haus und Handlung, die alte Stadt, hier gingen Nebenstraßen ab, Kattrepel, Kurze Straße, die Bäk, Schulstraße, Bahnhofstraße«. Im südlichen Teil der Stadt, der 1732 abbrannte und erst im 19. Jahrhundert wieder bebaut wurde, »steht heute das Postamt, das Kosumkaufhaus, die Ziegelei hinter dem Friedhof, die Ziegeleivilla«. In Jerichow »wohnten Ackerbürger, Kaufleute, Handwerker«.

»Jerichow war keine Stadt. Es hatte ein Stadtrecht von 1240, es hatte einen Gemeinderat, es bezog Elektrizität vom Kraftwerk Herrenwyk, es hatte ein Telefonnetz mit Selbstanschluß, einen Bahnhof, aber Jerichow gehörte der Ritterschaft, deren Güter es umgaben. [...] In diesem Winkel regierte der Adel, Arbeitgeber, Bürgermeister, Gerichtsherr über seine Tagelöhner«.

»Wo ein Hafen für Jerichow hätte sein können, saß das Fischerdorf Rande, schon am Anfang des Jahrhunderts reich genug für Grand Hotels, Erbgroßherzog, Stadt Hamburg. Jerichow war eine Station geblieben auf dem Weg nach Rande [...]. Der Handel kam nicht über die schmalen Chausseen, die großen Straßen zogen tief im Süden an ihm vorbei. Der Ritterschaft war Jerichow so recht, als ein Kontor, ein Lagerplatz, ein Handelsort, eine Verladestelle für den Weizen und die Zuckerrüben. Die Ritterschaft brauchte keine Stadt. Jerichow bekam seine Bahnlinie nach Gneez, zur Hauptstrecke zwischen Hamburg und Stettin, weil die Ritterschaft das Transportmittel brauchte.«

Was der Stadt fehlt, ob Kanalisation oder Kino, fehlt nach Gesines bzw. des Erzählers Überzeugung, weil die Ritterschaft es nicht brauchte, und was sie hat, entspricht den Bedürfnissen der Ritterschaft: Ziegelei, Handel für Ersatzteile von Landmaschinen, Verwaltung, Polizei, Rechtsanwälte, Papenbrocks Speicher, »aber ihre großen Geschäfte machte sie in Lübeck ab«. – »In der Erntezeit, wenn der Weg nach Ratzeburg oder Schwerin zu weit war, fuhren die Herren abends zum Lübecker Hof und spielten Karten an ihrem eigenen Tisch, gewichtige, leutselige, dröhnende Männer, die sich in ihrem Plattdeutsch suhlten.«

33 Die Stadt hat keine eigene Zeitung. Im Gneezer Tageblatt gibt es eine Seite für »Jerichow und Umgebung«.

34 Jerichow ist »umgeben von Weizenfeldern, im Süden hinter dem Bruch ist der Gräfinnenwald, dann fassen übermannshohe Hecken Wiesen ein. Das Wetter ist das der See.«

87 Die Bahnhofswirtschaft ist schon 1931 »Lokal der Nazis«.

385 »Manchmal sagt Marie von Schwester Magdalena: ›I wish she were in Jericho!‹ Es fällt ihr gar nicht auf, so nachdrücklich denkt die hiesige Sprache für sie, daß Jericho ein sehr entfernter Ort ist, und nicht ein angenehmer. Wer im Englischen nach Jericho gehen soll, wird auf den Weg zum Teufel geschickt, und wird Einer nach Jericho bloß gewünscht, so soll er bleiben, wo der Pfeffer wächst«.

468-469 Die Jerichower Handwerker profitieren seit 1936 vom Bau des Militärflugplatzes Jerichow Nord.

495 »Mein Krieg war gut versteckt. Sogar der Name der Stadt Jerichow war entlegen in Deutschland. Die Badegäste, die sie im Auto auf dem Weg zum Seebad Rande passierten, was sahen sie? Vierhundert Meter grober Pflastersteine, die die Wagen zu holprigen Knicksen brachten. Scheunen, Höfe. Die rote Ostfront der Ziegelei [...]. Kühle Grabsteine im Schatten. Eine niedrig umbaute Straße, dörflich schmal, zweistöckige Häuser, vorn ältlich verputzt, seitlich Fachwerkbalken. Darüber ein Ungetüm von einer Kirche mit Bischofsmütze, bis zum Ansatz der Schildgiebel von Baumkronen umwölkt. Viele Läden mit Auslagen, die einst Wohnzimmerfenster gewesen waren. Karstadts bunkerähnlicher Kasten, ein Landkaufhaus. Oder sie kamen mit dem Bus vom Bahnhof und begannen mit dem Marktplatz mit seinen fast herrschaftlichen Gebäuden. Papenbrocks Haus wie der Lübecker Hof unbescheidener als das Rathaus. Pferdefuhrwerke auf dem Weg zur Stadtwaage. Kaum einheimische Autos. Ferienstille. [...] Was da im Westen vergessen zurückblieb, war der Militärflugplatz Jerichow Nord. 1936.«

1031 Am Ende des Krieges ist die Bevölkerung von Jerichow durch Flüchtlinge auf »dreieinhalbtausend geschätzte Personen« angestiegen.

1125 Zur geografischen Lage von Jerichow.

1192 Nachdem Frau Abs mit Sohn Jakob im letzten Kriegswinter in Jerichow gestrandet ist, macht sie sich Sorgen, wie ihr Mann sie wiederfinden soll, wenn er aus dem Krieg zurückkommt: »In der kleinen Stadt, versteckt an der See, versteckt im Weizen, konnte der Mann sie nicht finden.«

1240-1243 Ein Kapitel im Irrealis: »Wenn Jerichow zum Westen gekommen wäre«.

1772-1774 Bei ihrem »Ausflug« von Berlin (West) nach Mecklenburg im Mai 1968 besucht Anita Gantlik auch Jerichow. »Karstadts Landkaufhaus nun ein ›Magnet‹ [...]. Vor dem Schaufenster von Schlachter Klein stand eine Schlange, als sei sie eingerichtet auf ein Ausharren bis zum Ladenschluß. Es gibt keine Ansichtenpostkarten von Jerichow. [...] Das Dach der Petrikirche zur Hälfte abgetragen, zur anderen mit neuen Ziegeln belegt in beißendem Rot, das wird sich geben im Wind vom Meer her.«

Zu dem mutmaßlichen realen Vorbild für Jerichow vgl. Jahrestage-Kommentar zu 7,17: Die Lage der Stadt »entspricht etwa der von Klütz im nordwestlichen Mecklenburg, dem Klützer Winkel. Einige Details des fiktiven Jerichow, so die Lage am Meer, die Kirche und die Bahnverbindung nach Grevesmühlen, entsprechen dem realen Klütz.« Auch das Denkmal für die Opfer des Untergangs der Cap Arcona auf dem Alten Friedhof von Jerichow (1116) verweist auf Klütz, auf dessen Friedhof ein Gedenkstein für 16 Opfer errichtet wurde.

Jerichow Nord (Mariengabe)

Militärflugplatz im Norden Jerichows, von dessen Bau und Einrichtung viele Handwerker in Gneez und Jerichow, darunter auch Gesines Vater Heinrich Cresspahl, profitieren. 1938 in Betrieb genommen.

468-469 Die Reichswehr, »die jetzt Wehrmacht hieß«, schreibt 1935 einen Auftrag aus für »Bebauung und Straßenbau und Arbeiten für Tischler und Klempner und Glaser und Dachdecker und Schornsteinbauer und Gärtner auf mehreren Hektar nördlich von Jerichow, in der Mitte zwischen der Stadt und der See, wo das Land recht hoch über dem Wasser lag.« – »Tatsächlich blieben die Handwerker im Kreise Gneez fast ganz unter sich bei der Anlage von Jerichow Nord. Nur für die Betonarbeiten und die Stahlbauten kamen Spezialfirmen aus Berlin und Hamburg. So bekamen die Hotelbesitzer auch noch etwas ab. Da war für fast jeden gesorgt. Da lag etwas in der Luft, da war was zu merken, und manch Einer sprach es auch aus: Nu geit dat los.« [Nun geht es los.]

469 Cresspahl möchte gern den Auftrag für die Inneneinrichtung des Offizierskasinos haben, aber den bekommt der Innungsmeister Wilhelm Böttcher. »Also gab Cresspahl sich zufrieden mit den Betten, den Wandschränken, Schilderhäuschen und dem Lattenrost, auf dem der Posten seine Wache stehen muß, sonst kriegt er kalte Füße.«

471 »Und die Straßen in Jerichow Nord waren so sonderbar breit angelegt an manchen Stellen. Und hinter dem Riegel aus Kasernenbauten war nicht nur so viel Land eingezäunt, wie für einen Exerzierplatz nötig war. Die Zäune gingen Kilometer weit nach Westen. Und die breiten Straßen wurden immer länger, die hörten gar nicht wieder auf. Und die Kinder von Jerichow lernten lange Zeit das falsche Wort für Flugzeuge, die lernten: Jäger, und sie lernten: Bomber«.

489-490 In der Militärbadeanstalt des Flugplatzes, nach dem Krieg »Mili« genannt, hat Gesine Cresspahl schwimmen gelernt. Sie wurde vergessen, als die Anlage von der sowjetischen Besatzung gesprengt und geschleift wurde.

495 Die Jerichower nennen den Flugplatz Jerichow Nord ›Mariengabe‹, »nach dem Dorf, das dabei draufgegangen war«.

701-704 Feier zur Einweihung des Flugplatzes am 26. Oktober 1938 mit Reden von Friedrich Jansen und Oberstleutnant von der Decken, dem Kommandeur von Jerichow Nord.

710-711 »Der Verdienst an den Flughafenbauten war für Cresspahl nicht weitergegangen. Schlachter Klein lieferte Fleisch für die Besatzung, Papenbrock buk das Brot, die Gastwirtschaften verdienten an den Wochenenden der Soldaten. Die Hotels in Rande, früher längst eingemottet um diese Zeit, waren dicht belegt, mit Lehrgängen, Ehefrauen, Filmabenden der N.S.D.A.P. Schneider Pahl ließ seine Geschäftsanzeige täglich an anderen Stellen des Gneezer Tageblatts laufen [...]. Die Geschäftswelt Jerichows hatte die Ankunft der Truppe in einem gemeinschaftlichen Inserat begrüßt. [...] Cresspahl hatte Zeit zum Spazierengehen.«

831-835 Innungsmeister Willi Böttcher verschafft Heinrich Cresspahl nach Lisbeths Tod und der Zerstörung seiner Werkstatt eine Anstellung als Tischler am Flugplatz. – Gesine und Marie Cresspahl über Heinrich Cresspahls Spionage für die Briten in Jerichow Nord.

861 Bei dem Luftangriff auf Lübeck im März 1942 wird »eher versehentlich« auch ein Hangar von Jerichow Nord zerstört.

964-969 Der Flugplatz verliert rasch an Bedeutung. Entsprechend werden auch Heinrich Cresspahls Berichte für die Briten zunehmend wertlos. Zuletzt hat Jerichow Nord »keinen Treibstoff mehr und betrieb nichts als Grundausbildung, alle drei Monate einen neuen Durchgang. Der Flugplatz war still geworden«.

1034 Nach dem Krieg betrachten die Jerichower den Fliegerhorst als »unglückselige[s] Zeichen für die Teilnahme der Stadt am Krieg der Anderen«.

1373 Die Ortsgruppe der Liberal-Demokratischen Partei stellt 1946 bei der sowjetischen Kommandantur den Antrag, die leer stehenden Kasernen-Gebäude mit »Umsiedlern« zu belegen. Der Kommandant, ein Nachfolger von K. A. Pontij, lässt wissen: »Den Flugplatz gibt es nicht«.

1552-1553 Im Juli 1948 sprengen die Sowjets die Anlage. Am Nachmittag zeigt Johnny Schlegel der fünfzehnjährigen Gesine die Überreste von dem, »was einst der Fliegerhorst Mariengabe gewesen war«, und »bewies es mir: der Flughafen hatte zu dicht gelegen an der ›künftigen Front‹«.

Vgl. auch 473. 474. 496-498. 531. 532. 654-655. 743. 858. 860. 871. 984. 994. 1018. 1221. 1242. 1451. Anhang X. und XVII.

Jerichower Winkel

Die Gegend um Jerichow an der Wismarer Bucht.

525 »In diesem Winkel fiel das Wunderliche nicht als wunderlich auf«.

Jesus

1274 Mitglied von Johnny Schlegels »Kommune«.

1843 Nach Johnny Schlegels Verhaftung und Verurteilung im Frühjahr 1953 flieht er mit den meisten anderen Mitgliedern der Kommune in ein Flüchtlingslager nach Westberlin.

Vgl. auch 1848.

Jeuken, Mrs.

99 Eine der Erzieherinnen in dem privaten Kindergarten »hoch über dem Riverside Park«, in den Marie Cresspahl bis zu ihrer Einschulung gegangen ist: »Mrs. Jeuken, Mrs. Davidoff, die Marie glauben machten an eine Welt, in der Freundlichkeit und Mangel an Neid und Gehorsam sich auszahlen«.

Jevtushenko, Jevgenij

Russischer Dichter (*1933).

1327-1329 Gesine und D. E. über Marie, die ein Gedicht von Jevtushenko aus der Prawda aufbewahrt. Gesine erinnert sich an einen Bericht über Jevtushenkos Besuch bei Robert F. Kennedy im November 1966. Im Anschluss daran habe Jevtushenko gesagt: »›Ich habe Vertrauen nur zu Politikern, die verstehen, wie wichtig die Dichtung ist‹«, und Kennedy habe verlauten lassen: »Ich mag Dichter, die Politiker mögen.« – »Und getröstet zog der Dichter heim, zur Vogelscheuche abgefertigt, Stolz in der Brust.«

Jocelyn

Angestellte in der New Yorker Bank, in der Gesine Cresspahls arbeitet. – Vgl. 288. 821.

Jöche

Eisenbahnerkollege und Freund von Jakob Abs. Nach dessen Tod 1956 ziehen Jöche und seine Frau Muschi Altmann zu dem vereinsamten Heinrich Cresspahl.

23 Marie »geht heimlich an den Kasten mit Gesines Fotografien, sie hat sich von ihrem Taschengeld ein Bild kopieren lassen, auf dem Jakob und Jöche zu sehen sind, vor der Lokomotivführerschule in Güstrow«.

121 Cresspahl: »Wenn Jöche aufwacht, schickt er seine Frau nach mir sehen. Ob ich wohl lebe.« – »Jöche war von der Eisenbahn zur Brauerei gegangen. Wo trinkt er all das Bier hin.« – »Oh sie kamen gut aus. Jöche hatte das Holz kleingemacht für zwei Winter. Jöche hat das Land nun doch umgegraben. Gras will er säen.«

1871 Gesine auf Maries Frage, warum Heinrich Cresspahl nicht bei ihr im Westen geblieben ist: »Bi't Starben sünt wi all Meisters un Lihrjungs [Beim Sterben sind wir alle Meister und Lehrlinge]. Er wollte das alleine abmachen. Bloß keinem lästig fallen; und wenn's die eigene Tochter ist. Sein Versprechen hielt er: in die beiden Zimmer, die Jakobs wegen von der Deutschen Reichsbahn verwaltet wurden, nahm er Jöche und Muschi Altmann auf.«

Vgl. auch 388. 1405. 1654.

Figur aus »Mutmaßungen über Jakob«.

Johnson, Hewlett

Angelikanischer Theologe (1874-1966). Dean von Manchester und später von Canterbury, wegen seiner Sympathie mit der Sowjetunion »The Red Dean of Canterbury« genannt.

1683 Bei der Eröffnung des Schuljahres 1950/51 an der Fritz Reuter-Oberschule in Gneez stellt die »Zentrale Schulgruppenleitung« der FDJ ihre Kandidaten für das »Ehrenpräsidium« vor, darunter neben Stalin, Mao Tse-tung, Thomas Mann u.a. auch den »in seiner Heimat geächteten Theologen, Hewlett Johnson, den ›Roten Dekan‹ von Canterbury!«

Johnson, Lyndon B.

Amerikanischer Politiker (1908-1973), 36. Präsident der Vereinigten Staaten von 1963 bis 1969.

127-128 »Um sein Schußwaffengesetz durch den Kongreß zu bekommen, hat Präsident Johnson den Bundesstaaten freigestellt, Gewehre und Schrotflinten für Bestellung und Versand durch die Post zuzulassen. Es müssen ja nicht immer Revolver sein.«

493-494 Präsident Johnson nützt »die vorweihnachtliche Sentimentalität mit einer Fernsehansprache für seine Politik hier wie draußen für sich« aus und spricht von einer »Kennedy-McCarthy-Bewegung«; die New York Times ist »nicht unzufrieden« mit dem »›tödlichen Bindestrich‹, der den Senator Kennedy in größere Nähe zu den Antikriegs-Vereinigungen bringe, als ihm wahrscheinlich lieb sei«. Marie ist empört, »daß der Präsident ihren Senator darstellte als einen ungebührlich ehrgeizigen Menschen, der nichts wolle als ihm seinen Job abjagen. Es fiel ihr nicht auf, daß Kennedy mit Friedensabsichten denunziert werden sollte.«

937-941 Johnsons TV-Rede vom 31. März 1968, in der er nicht, wie Marie hofft, das Ende des Vietnam-Krieges ankündigt, sondern den Verzicht auf eine weitere Präsidentschaftskandidatur bekanntgibt.

Vgl. auch 1129-1131. 1322.

Vgl. die Auflistung aller Fundstellen im Register des Jahrestage-Kommentars.

Johnson, Mrs.

Claudia Alta Johnson, genannt Lady Bird Johnson (1912-2007), Ehefrau des 36. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Lyndon B. Johnson.

612-613 Bei einem Empfang im Weißen Haus am 18. Januar 1968 bringt die Sängerin Eartha Kitt mit ihren Vorwürfen gegen die amerikanische Vietnam-Politik die Präsidentengattin beinahe zum Weinen. Gesine: »Die Times [vom 19.1.1968] erzählt die Geschichte fast als erste. Wollen wir uns noch einmal vertragen?«

622 »Die New York Times, die sittenstrenge Tante, will es der Eartha Kitt doch nicht hingehen lassen, daß sie Mrs. Johnson eine Antwort gegeben hat. Die Times [vom 20.1.1968] spricht von einem ›rüden Auftritt‹. Und wie sehr es für die Gattin des Präsidenten spreche, daß sie aufrichtig geantwortet habe, sie verstehe nicht die Dinge und das Leben, die Miss Kitt verstehe.« Gesine: »Wir werden uns doch nicht gleich wieder vertragen mit der Tante Times.«

636 »Wiederum hat Eartha Kitt sich zu verteidigen dafür, daß sie der Frau von Johnson den Krieg als Grundproblem der nationalen Kriminalität ausdeutete, und daß dies Tränen in Mrs. Johnsons Augen trieb.« (23. Januar 1968)

641 »Gestern wurde die Frau des Präsidenten zwischen Limousine und Clubtür von Jugendlichen mit einem Schild belästigt, auf dem stand: Wir sind auf der Seite von Eartha Kitt ›Die Erste Dame des Staates zog ihren Nerzmantel um sich zusammen, nahm den Kopf hoch und gab keine Antwort.‹ Mit solchen spricht sie nicht.« (25. Januar 1968)

Vgl. auch 627.

Zur Berichterstattung der New York Times über den Vorfall, der Eartha Kitts Karriere für mehr als zehn Jahre unterbrach, vgl. Jahrestage-Kommentar zu 612, 33 f.; 622, 34 f.; 627, 2-9; 636, 3-12; 641, 22-26.

Johnson, Uwe (Genosse Schriftsteller)

Deutscher Schriftsteller (1934-1984), Autor der »Jahrestage«, von seiner Figur Gesine Cresspahl meistens »Genosse Schriftsteller« genannt.

230-235 Gesine Cresspahl erbittet von ihm zehn Wörter, mit denen sie in Nachahmung des Princetoner Experiments zur Funktionsweise des Gedächtnisses (vgl. 226-229) einen ›Selbstversuch‹ machen möchte. Der Genosse Schriftsteller gibt ihr folgende Wörter: »Plisch, Plum, Schmulchen, Schievelbeiner, Roosevelt, Churchill, bolschewistisch, Weltjudentum, Untermenschen, Intelligenzbestie«. Sie lösen bei ihr die Erinnerung an ein Foto vom KZ Bergen-Belsen aus.

253 »Der Kanzler Westdeutschlands, ehemals Angehöriger und Beamter der Nazis, hat als neuen Sprecher seiner Regierung einen ehemaligen Angehörigen und Beamten der Nazis benannt. Sie lernen es nicht. Sie betrachten die Hand, mit der sie ihre überlebenden Opfer ohrfeigen, und begreifen es nicht: sagte der Schriftsteller Uwe Johnson. Darauf bekam er eine Ohrfeige.«

253-257 Hält bei einer Vortragsveranstaltung des American Jewish Congress am 16. Januar 1967 im Roosevelt-Hotel in New York einen Vortrag, den auch Gesine Cresspahl hört, und wird von den Anwesenden in ein Kreuzverhör genommen. – »Gesine Cresspahl geniert sich für einen Deutschen.« – »Beifall gaben sie ihm an keiner Stelle, auch nicht als er die Bestellung eines Nazis zum westdeutschen Bundeskanzler nicht länger übergehen konnte.« – »Johnson saß krumm hinter dem grünen Tuch, hielt sein Manuskript mit beiden Händen abgedeckt, spiegelte das Licht der Scheinwerfer in seiner Glatze und musterte den Saal nur flüchtig mit Blicken zwischen Brauen und Brillenrand hindurch. Sonderbarer Weise trug er zu einem bürgerlichen Hemd eine Jacke aus schwarzem Leder, wie sonst nur die Neger«. – »Der versucht nicht noch einmal, als Einzelner Juden seine Einzelheiten zu erklären. Der hält sich in Hinkunft versteckt, solange eine Regierung in seinem Namen spricht.« – »Ja, wenn ich dich gleich um Rat gefragt hätte, Mrs. Cresspahl.« – »Damals sprachen wir noch nicht mit einander, Mr. Johnson

Vgl. auch 1075. 1426-1428. 1474. 1638. 1657. 1726. 1766. 1822.

Zu der Veranstaltung American Jewish Congress vgl. Jahrestage-Kommentar zu 253-257. – Zu den Zwiesprachen zwischen Johnson und seiner fiktiven Figur vgl. Uwe Johnson und Gesine Cresspahl.

Johnson, Uwe und Gesine Cresspahl

Autor und Hauptfigur der »Jahrestage« haben einen Vertrag geschlossen (vgl. 1426), der den Autor berechtigt, alles, was sich im Leben Gesine Cresspahls zwischen dem 20. August 1967 und dem 20. August 1968 ereignet, aufzuschreiben. Dazu gehören auch Gesine Cresspahls Erzählungen für Marie, die Familiengeschichte seit 1931 betreffend, aber auch ihre unausgesprochenen Gedanken, Gefühle und Träume. Allerdings hat die Figur ein Veto-Recht, von dem sie in gelegentlichen Diskussionen mit ihrem Erfinder Gebrauch macht.

253-257 Bei der rückblickenden Erzählung von Uwe Johnsons Auftritt bei einer Vortragsveranstaltung des Jewish American Congress am 16. Januar 1967 in New York, die Gesine Cresspahl besucht hat, geraten Erzähler/Autor und Figur mehrmals in ein fiktives Gespräch: »Wo hast du gesessen, Gesine. / Gut genug, dich zu sehen, Genosse Schriftsteller. / Hinten. / Ja, weit weg, dicht an einer Tür.« – »Wer erzählt hier eigentlich, Gesine. / Wir beide. Das hörst du doch, Johnson«. – Angesichts des wenig erfolgreichen Auftritts Johnsons an diesem Abend: »Ja, wenn ich dich gleich um Rat gefragt hätte, Mrs. Cresspahl. / Damals sprachen wir noch nicht mit einander, Mr. Johnson.«

1075 Maries Enttäuschung über das Verhalten des New Yorker Bürgermeisters John Vliet Lindsay am Tag der Loyalty Day Parade (27. April 1968): »Sie sagte etwas, als sie seine Seiten aus ihrem Sammelbuch riß, aber das wird nicht aufgeschrieben, Genosse Schriftsteller. Kannst ja sagen, sie hat vielleicht geheult, solange sie in ihrem Zimmer allein blieb, und danach nicht mehr.«

1426-1428 Autor und Figur streiten sich darüber, wie sehr Mrs. Cresspahl über Ginny Carpenter gelacht hat: »Ich will dir mal was sagen, du Schriftsteller. / Gelacht haben Sie, Mrs. Cresspahl, du, Gesine. Hast du. [...] Ein Jahr hab ich dir gegeben. So unser Vertrag. Nun beschreibe das Jahr. / Und was vor dem Jahr war. / Keine Ausflüchte! / Wie es kam zu dem Jahr.« – »Jedes Mal lach ich, wenn ich sie seh. [...] Fast jedes Mal ist dabei Spaß, daß es solche gibt. Freude geradezu. / Daß Amerika auch so sein kann. / Ja. Dann schreib es auf. / Soll es denn doch ein Tagebuch werden? / Nein. Nie. Ich halt mich an den Vertrag. Nur, schreib sie öfter hin.« – »Meine Psychologie mach ich mir selber, Genosse Schriftsteller. Du mußt sie schon nehmen, wie du sie kriegst. / So hast du noch nie gelacht über Ginny Carpenter. / Einverstanden. Das kannst du schreiben. So noch nie. So hatte Mrs. Cresspahl noch nie über Mrs. Carpenter gelacht. So? Nie.«

1474 Über den Roman, der kein Tagebuch sein soll: »hier macht ein Schreiber in ihrem [Gesines] Auftrag für jeden Tag eine Eintragung an ihrer Statt, mit ihrer Erlaubnis, nicht jedoch für den täglichen Tag.«

1638 Gesine an Jonas Blach über ihren Beitrag zu dessen Festschrift (vgl. 1393, 1638, 1657): »Zwar hätten wir es abwälzen können auf einen Genossen Schriftsteller, den haben wir an der Hand, sogar in derselben; da du mich vorgeschlagen hattest, mußte es verbleiben bei mir, unter uns.«

1657 Gesine über das Romanprojekt: »seit bald einem Jahr die Tage, die der andere Jugendfreund und Genosse Schriftsteller aufschreiben will. Wie werden wir froh sein, wenn es ein Ende hat mit dem Unveröffentlichten.«

1726 Über den Einsatz von Schulklassen gegen Kartoffelkäfer, die angeblich vom Klassenfeind über der DDR abgeworfen worden sind, sollte der Genosse Schriftsteller nach Gesine Cresspahls Meinung ein Buch schreiben: »Ein ganzes Buch müßtest du schreiben, Genosse Schriftsteller, diese Nachmittage angehend, so unendlich lang waren die, so infinitesimal drehte die Erde sich gegen die Sonne in eine östliche Kurve.«

1766 Gesine mit Blick auf die ›Handschrift‹ ihrer Freundin Anita Gantlik: »Genosse Schriftsteller, daß du sie ja korrekt bewertest!«

1821-1822 Gesine über die Begründung ihrer Freundschaft mit Anita im September 1951 während eines Schulausflugs auf dem Heidberg bei Güstrow: »Es ist uns schnuppe, ob dir das zu deftig beladen ist, Genosse Schriftsteller! Du schreibst das hin! wir können auch heute noch aufhören mit deinem Buch. Dir sollte erfindlich sein, wie wir uns etwas vorgenommen haben für den Tod

Vgl. auch 230. 1885.

Jones Beach

Strand im Jones Beach State Park im Süden von Long Island, zwei Autostunden von New York.

1708-1710 Den 3. August 1968 verbringen Gesine und Marie Cresspahl mit den Blumenroths auf der Jones Beach. Dabei treibt Pamela Blumenroth auf ihrer Luftmatratze gefährlich weit hinaus, so dass Gesine und Mr. Blumenroth sie retten müssen.

Vgl. auch 1427. 1741.

Jones, LeRoi

Amerikanischer Lyriker und Dramatiker (*1934), nennt sich seit 1969 Amiri Baraka. Wurde nach den Rassenunruhen in Newark im Juli 1967 verhaftet und wegen unerlaubten Waffenbesitzes angeklagt. 

219 Steht in New Jersey unter Anklage »wegen zweier Revolver, die während der Juli-Unruhen in seinem Auto gefunden wurden«.

552-554 Auszüge aus dem Bericht der New York Times vom 4. Januar 1968 über seinen Prozess.

Jones, Mrs.

Haushaltshilfe bei Cresspahl in Richmond.

122 Mrs. Jones, »die in Cresspahls zwei Zimmern einen Anschein von Sauberkeit vorgetäuscht hatte«, kann Lisbeth nicht helfen, sich in der fremden Stadt zurechtzufinden.

129 »Mrs. Jones mit ihrer schielenden Enkelin, die blieb schon aus Neugier.«

350 Als Cresspahl nach Gesines Geburt im April 1933 allein nach Richmond zurückkehrt, bietet sie ihm an, ihm den Haushalt zu führen. Cresspahl lehnt ab.

Jordan, Charles H.

Mitarbeiter des jüdischen Hilfswerks JOINT (»American Jewish Joint Distribution Committee«), wohnhaft in New York (1906-1967). Kommt 1967 in Prag auf mysteriöse Weise ums Leben.

11 Gesine Cresspahl liest am 21. August 1967 in der New York Times, dass Mr. Jordans Leiche am Vortag in Prag in der Moldau gefunden worden ist. Er hatte einige Tage zuvor sein Hotel verlassen, um sich eine Zeitung zu kaufen, und sei nicht zurückgekehrt.

687-690 Gesine Cresspahl schreibt am 7. Februar 1968 für Marie auf, was sie ihr »noch acht Jahre verschweigen möchte«: Es geht um den Fall des Charles H. Jordan, zu dem die New York Times an demselben Tag berichtet hat, dass der mit der Autopsie des Leichnams beauftragte schweizerische Gerichtsmediziner Ernst Hardmeier »am 10. Dezember 1967 mehrere hundert Meter von seinem verschlossenen Wagen entfernt in einem verschneiten Wald bei Zürich erfroren aufgefunden« worden sei, »und hatte die Untersuchung nicht abgeschlossen«.

Gesine: »So war es bisher. Jetzt ist es so, daß eine Regierung der Sozialistischen Č.S.R. der amerikanischen einen Bericht über die Umstände eines ihrer Staatsbürger übergeben hat.« Dies und die intensiven Aufklärungsbemühungen der tschechoslowakischen Behörden gelten ihr als Hoffnungszeichen für einen grundlegenden Wandel: Es fehle zwar eine klare Auskunft zur Todesursache, aber »es könnte dennoch ein Anfang sein«.

Zum Wortlaut der Zeitungsberichte vgl. Jahrestage-Kommentar zu 11,11 und zu 689,14.

Josephberg, Mr.

Rechtsanwalt in New York an der Park Avenue.

1739 Gesine Cresspahl lernt ihn auf einer Gesellschaft bei der Gräfin Seydlitz kennen, »ein Mensch, mit dem man weggehen kann in eine Ecke und Deutsch sprechen, über den Herrn Tucholsky, den er in Berlin beraten hat, über Tilla Durieux, die leider immer andere Leute heiratete als Herrn Josephberg. Den Mimen, die Nachwelt flechtet ihnen keine Kränze.« Später erfährt sie, dass er D.E.'s Anwalt ist: »dieser Mensch, von Adel durch Emigration in der ersten Stunde, Februar 1933, er ist D.E.s Rechtsanwalt. Seitdem ist er der unsere auch. Wo D.E. traut, dem trauen wir«. – Gesine lässt sich von ihm ihr Testament aufsetzen.

1740-1741 Mr. Josephberg teilt Gesine D.E.'s Tod mit.

Vgl. auch 1828.

Junge über der Apotheke, Der

Jugendlicher Verehrer Gesine Cresspahls, zwei Jahre älter als sie. Er wohnt in Jerichow über der Apotheke.

1018 Mit ihm und anderen Mitschülern geht Gesine in der ›Mili‹ schwimmen.

1479-1480 Er bringt sie von der Tanzstunde (im Frühjahr 1947) nach Hause, »ein sechzehnjähriger Kavalier [...], der Junge von der Apotheke, wartend auf weiteres Gespräch über Tangoschritte und den Abschlußball«. Als Robert Papenbrock das Haus verlässt, den Gesine an diesem Abend unverhofft mit Jakob und seiner Mutter in der Küche sitzend antrifft und sofort hinauswirft, steht er immer noch draußen und wartet auf sie.

1751-1752 Gesine erzählt ihrer Tochter: »Auch gab es Verehrer, denen genügte es, wenn ich ungefähr von ihnen wußte. Einer saß fast vier Jahre in meiner Klasse. 1951 schrieb er an die Tafel: ›Effi Briest‹ für mein Gefühl sehr hübsch, weil viel e und i darin ist; das sind die beiden feinen Vokale. [...] Und weil ich ihm nun einmal das Gewünschte vorenthalten mußte, gedenke ich wenigstens, seinen Namen zu verschweigen.« – Marie: »Da wohnte ein Junge über der Apotheke.« – Gesine: »Kein Name. Aber daß es mich Mühe gekostet hat, dem weis zu machen: wenn er sich verkuckt in eine, die denkt sich längst vergeben, so ist das allein seine Geschichte. Benahmen sich ja gelegentlich, als hätten sie ein Recht auf einen, die jungen Herren.«

A-C     D-J     K-P     Q-Z