Gilgamesch

Unter den zahlreichen Tontafeln, die Eliezer besitzt und seinem Schüler Joseph zu lesen gibt, befinden sich auch »Bruchstücke großer Versfabeln der Urzeit, die erlogen waren, doch mit so kecker Feierlichkeit in Worte gebracht, daß sie dem Geiste wirklich wurden« (IV, 408). Eine davon handelt von den »erstaunlichen Befahrnissen [...] jenes Gilgamesch, dessen Leib Götterfleisch war und dem es dennoch auf keine Weise gelang, das ewige Leben zu erwerben« (ebd.). Wie genau Joseph das Gilgamesch-Epos gelesen hat, zeigt schon die Kennerschaft, mit der er das Brautkleid seiner Mutter, die Ketônet passîm, betrachtet, in deren Stickereien zahlreiche Motive der Geschichte Gilgameschs eingearbeitet sind: Gilgamesch mit dem Löwen, die zu Tieren verwandelten »Buhlen« der Ischtar, der von ihr gesandte Himmelsstier und das Skorpion-Menschenpaar, auf das Gilgamesch bei seiner Reise zu Utnapischtim am Ende der Welt trifft (IV, 481 f.; vgl. auch IV, 297 f. und hier die Bildvorlagen zur Ketônet passîm).

Während Gilgameschs Geschichten für Joseph und seinen Erzähler musterbildende Kraft haben, kommen sie Jaakob allenfalls in seelischen Ausnahmesituationen in den Sinn, was mit ihrer Herkunft aus der von ihm perhorreszierten babylonischen Welt und ihrer Vielgötterei zu tun haben dürfte: Im Zustand der Verliebtheit unterlaufen ihm Anspielungen auf die Geschichte von Ischtar und Gilgamesch (vgl. IV, 278); auf dem Sterbelager verwechselt er Schimeon und Levi, die Rädelsführer der »Schekemer Schreckenstat« (IV, 380), mit Gilgamesch und Engidu, »die den Himmelsstier zerstückelt hatten und ob dieses Frevels von Ischtar verflucht worden waren« (V, 1795).

Joseph pflegt einen freisinnigeren Umgang mit der Überlieferung der polytheistischen Kulturen ringsum und erkennt ihre archetypischen Schemata. Gilgamesch, »zu zwei Dritteilen Gott und zu einem Mensch« (IV, 297; vgl. Ungnad, 68: 1. Tafel, v. 51), gilt ihm zunächst als ein Muster der aus »geistiger Beunruhigung« herrührenden Rastlosigkeit, das ihm als ein prägendes, »vom Ur-Wanderer [Abraham] her durch die Geschlechter vermacht[es]« Muster seiner eigenen Sippe und insbesondere seines von ›Gottessorge‹ umgetriebenen Vaters Jaakob vertraut ist. »Rastlosigkeit und Würde – das ist das Siegel des Geistes«, das er an der Stirn des Vaters erkennt und in der Klage der Königin Ninsun wiedererkennt: »Warum bestimmtest du Rastlosigkeit meinem Sohne Gilgamesch, / Gabst ihm ein Herz, das von Ruhe nicht weiß?« (IV, 49 f.; vgl. Ungnad, 76: 3. Tafel, v. 68 f.).

Gilgameschs Geschichte mit Ischtar, die Geschichte des von einer Frau »herrinnenhaft« (V, 1133) umworbenen und für seine »Sprödigkeit« bitter bestraften Mannes, ist das mythische Muster der Geschichte Josephs und Mut-em-enets. Dessen wird Joseph sich schlagartig bewusst, als er Mut-em-enets Ankündigung, sie wolle ihm ein Feierkleid schenken, unwillkürlich mit den Worten Gilgameschs zurückweist: »Mein Gewand und mein Hemd genügen mir« (V, 1132; vgl. Ungnad, 80: 6. Tafel, v. 25). Augenblicklich versteht er nun auch, warum Gilgamesch sich so spröde verhielt, denn ihm ergeht es ähnlich: »Aus Mißbehagen über deine herrinnenhaften Komplimente sprach er so und kehrte die Jungfrau heraus vor dir, indem er sich mit Keuschheit gürtete gegen dein Werben und Schenken, Ischtar im Barte!‹« (Ebd.) Mut-em-enet nimmt Rache an ihm wie Ischtar an Gilgamesch; deshalb ›kennt‹ Joseph seine Tränen: »Gilgamesch hatte sie geweint, als er Ischtars Verlangen verschmäht und sie ihm ›Weinen bereitet‹ hatte.« (V, 1296)

Mitten im Weinen aber, d.h. noch während der Reise in seine zweite »Grube«, ins Gefängnis Zawi-Rê, träumt er von Ischtars Rache und findet im Traum Gefallen an der Paradoxie ihres Handelns, daran, dass sie, bevor sie den »dörrenden Himmelsstier« auf die Erde schickt, Nahrung ansammelt, um der bevorstehenden Hungersnot zu wehren (V, 1296 f.; vgl. Ungnad, 82: 6. Tafel, v. 109-113). Was ihm »an dem Ganzen« gefällt, ist das Prinzip der »wissenden Vorsorge«, dem Ischtar hier aller Rachsucht zum Trotz folgt und dessen »Ur-Muster« Noah bzw. Utnapischtim verkörpern (V, 1297). Es ist dasselbe Prinzip, dem auch der zum »Obersten Mund« Pharaos ernannte Joseph folgen wird. Der träumerische Vorausblick des zutiefst Erniedrigten auf seine Erhöhung, nicht minder paradox als Ischtars Handeln, ist Ausdruck der innersten seelischen Verfassung des doppelt Gesegneten, einer Verfassung, deren ›Ur-Muster‹ er ebenfalls in Gilgamesch erblickt: das Muster des »Weh-Froh-Menschen« (IV, 1307). Der ›Weh-Froh-Mensch‹ ist »begünstigt und geschlagen zugleich«, das ist seine »Schicksalsmischung«, die »Gilgameschmischung« (V, 990). Sie bringt ein Zugleich von Trauer und Zuversicht hervor, wie es Josephs eigentümlich gemischte Stimmung auf der Fahrt nach Zawi-Rê kennzeichnet. 

TM stützte sich wohl in erster Linie auf die Übersetzung des Gilgamesch-Epos von Ungnad (Ungnad, 66-118), die sich in seiner Bibliothek befand. Allerdings zeigen die wörtlichen Zitate (IV, 49; V, 1132 u.a.) Abweichungen von Ungnads Fassung, was vermuten lässt, dass er weitere Übersetzungen benutzt hat. Auch fehlt bei Ungnad die Fügung »Weh-Froh-Mensch«, die in anderen frühen Übersetzungen auftaucht. Dazu und zu weiteren Aspekten der Bezeichnung ›Weh-Froh-Mensch‹, insbesondere zu ihrem Zusammenhang mit dem Konzept des doppelten Segens vgl. Weh-Froh-Mensch.

Abb.: (1) Tafel VI des Gilgamesch-Epos. – (2) Gilgamesch überwindet einen Löwen.

Letzte Änderung: 31.03.2015  |  Seitenanfang   |  pfeil Zurück