Ketônet passîm

Der prachtvolle Brautschleier, den Laban für die Hochzeit seiner Töchter in einer Truhe verwahrt (IV, 294), den Jaakob später seinem Lieblingssohn vor der Zeit übereignet (IV, 483), den die Brüder bei ihrem Angriff auf den »Hätschelhans« zerreißen (IV, 555-557) und von dem sie schließlich einen Fetzen in Schafblut tränken (IV, 612 f.) zum Zeichen für den Vater, dass Joseph von einem wilden Tier zerrissen worden sei (IV, 631), ist Thomas Manns Version des ›bunten Rockes‹ der biblischen Josephsgeschichte (Genesis 37, 3).

Es ist ein großes, ›weitläufiges‹ Gewand, »ein Kleid und Überkleid, mit weiten Ärmeln zum Hineinfahren, wenn man wollte, und so geschnitten, daß ein Teil davon verhüllend über das Haupt zu ziehen oder auch um Haupt und Schultern zu winden war, oder man mochte es über den Rücken hinabhängen lassen« (IV, 297). Es ist »leicht und schwer zugleich«, denn sein »blaßblaues Grundgewebe, so fein gesponnen, als sei es ein Hauch der Luft«, ist mit schweren Bildstickereien versehen, »die es bunt und glitzernd bedeckten, ausgeführt in dichter, erhabener Arbeit, golden, bronzen, silbern und in allerlei Farbe des Fadens« (ebd.). Laban hat das kostbare Gewand »von einem Wandernden gekauft« und weiß zu berichten, dass es einst einer Königstochter gehört haben soll, »und soll gewesen sein das Jungfrauengewand eines Fürstenkindes« (IV, 294). 

Die bunt glitzernden Motive, mit denen es »über und über bestickt« ist (ebd.), entstammen überwiegend der babylonischen Bildwelt, untermischt mit einem ägyptischen Bildmotiv und mit zwei Motiven, die der moderne Leser – zumindest auf den ersten Blick – der jüdisch-christlichen Vorstellungswelt zuordnet.

Die babylonische Bildwelt ist durch »allerlei Zeichen der Ischtar und des Tammuz« (IV, 294) und durch Motive des Gilgamesch-Epos vertreten. Vor allem Ischtar ist »oft und in verschiedener Ausführung dargestellt, nackt und klein, wie sie mit den Händen Milch aus ihren Brüsten preßt, Sonne und Mond zu ihren Seiten. Überall kehrte vielfarbig der fünfstrahlige Stern wieder, der ›Gott‹ bedeutet, und silbern glänzte öfters die Taube, als Vogel der Liebes- und Muttergöttin, im Gewebe.« Tammuz erscheint als bunter Vogel, Gilgamesch als Held, der den Löwen erdrosselt, und die übrigen Geliebten der Ischtar erscheinen als die Tiere, in die sie sie verwandelt hat. Der »feuerhauchende Himmelsstier, den Anu entsandte gegen Gilgamesch um Ischtars [...] willen« (vgl. Gilgamesch-Epos, 6. Tafel) ist dargestellt, ebenso das »Skorpionmenschenpaar, das am Ende der Welt das Tor bewacht, durch welches die Sonne zur Unterwelt eingeht« (Gilgamesch-Epos, 9. Tafel), und ein Lebensbaum, »an dem standen zwei bärtige Engel gegeneinander und berührten ihn zur Befruchtung mit den schuppigen Zapfen der männlichen Blüte.« (IV, 297 f.)

Rahel entdeckt noch einen anderen heiligen Baum, zu dessen Seiten ein Mann und eine Frau sitzen und »nach dessen Früchten sie die Hände streckten; aber im Rücken des Weibes bäumte sich eine Schlange« (vgl. Genesis 3,2-6). Und sie liest die ebenfalls eingestickten Sprüche, darunter den Spruch »Ich habe mein Kleid ausgezogen, soll ich's wieder anziehen?« aus dem Hohelied Salomos 5,3 (IV 298).

Das ägyptische Motiv zu entdecken, ist Joseph vorbehalten: Im oberen Teil des Gewandes erkennt er eine »Dattelpalme, aus der eine Göttin die Arme streckt mit Speise und Trank« (IV, 482; vgl. Thomas Manns Bildvorlagen zur Ketônet passîm).

Der Hochzeiter Jaakob, der ausnahmsweise damit einverstanden ist, dass Ischtar diesen besonderen Tag beherrscht und sein Gott »die Herrschaft der verwirklichten Stunde hingeben mußte den Sonder- und Abgöttern der Leiblichkeit, in deren Zeichen die Stunde stand«, küßt das in Rahels Brautgewand gestickte Bildnis der nackten Ischtar, »der Gott die Stunde gegeben« (IV, 301 f.).

Als er viele Jahre später seinem ›Dumuzi‹ das Gewand zeigt und dieser es sich mit viel (weiblichem) Geschick anlegt, tritt Josephs »Ähnlichkeit mit der Mutter« so sehr hervor, dass Jaakob die Augen übergehen. Der Schleier macht ihn »dermaßen hübsch und schön, daß es schon nicht mehr geheuer war und tatsächlich ans Göttliche grenzte«: »Lächelnd stand im Knaben die Muttergöttin vor ihm und fragte: ›Ich habe mein Kleid angezogen, soll ich's wieder ausziehen?‹«. Da ist es um Jaakob geschehen: »›Nein, behalt es, behalt es!‹ sagte der Vater; und während der Gott entsprang, hob jener Stirn und Hände, und seine Lippen bewegten sich im Gebet« (IV, 483).

Joseph nimmt die Ketônet heimlich mit auf die Reise zu seinen Brüdern, er brennt darauf, »sich der weiteren Welt darin zu zeigen« (IV, 530), und es fällt ihm nichts Besseres ein als sich auch den Brüdern in dem prachtvollen Gewand zu zeigen und damit deren Zorn ins Maßlose zu steigern (IV, 554 f.). Was Wunder, dass sie ihn nicht nur grün und blau prügeln, sondern ihm vor allem das Schleiergewand vom Leibe reißen und zerfetzen, bis er nackt daliegt (IV, 555-558).

Joseph sieht sich von den Brüdern entschleiert »wie Liebe die Braut entschleiert im Bettgemach«. Er empfindet darüber »Todesscham«, denn: »In seinem Geist wohnten die Gedanken ›Entschleierung‹ und ›Tod‹ nahe beisammen«. Zugleich aber erfüllt ihn »Verstandesfreude« über die »Bewährung, die jene Gedankenverbindung durch das Geschehen erfuhr, darin sie sich vergegenwärtigte« (IV, 582).

Die Motive und die Bildvorlagen, die bei der Gestaltung des Gewandes Pate gestanden haben dürften, sind – soweit rekonstruierbar – auf der gesonderten Seite Thomas Manns Bildvorlagen zur Ketônet passîm zusammengestellt.

Die hebräische Bezeichnung des Gewandes, Ketônet passîm, fand TM in dieser Form bei Jeremias III (30). Jeremias I (331) hat ketonet paspasîm, Benzinger (77, Anm. 3) kuttônet passîm.

Die Anregung zur Umdeutung des Lutherschen ›Bunten Rocks‹ in ein prachtvolles Schleiergewand dürfte, wie Berger (S. 128) überzeugend darlegt, von Bemerkungen herrühren, die TM bei Jeremias I (331) und Benzinger (S. 77, Anm. 3) fand. Beide bringen dort Josephs ›bunten Rock‹ mit Verweis auf das (in 2. Samuel 13,18-19 mit demselben Wort bezeichnete) ›Ärmelkleid‹ der Tamar (der Tochter Davids) und deren »Ištar-Charakter« mit dem Ischtar-Tammuz-Mythos in Verbindung: Josephs Gewand »ist das Ištar-Tamuz-Schleiergewand«, schlussfolgert Jeremias, und Benzinger kommt zu dem Ergebnis, dass man in Tamars wie Josephs Kleid »eine Anspielung auf das Gewandmotiv (wird) erblicken müssen, das im Istar-Tammuzmythus eine hervorragende Rolle spielt.« – Dass TM dieser Verknüpfung gefolgt ist, ist angesichts der ganz auf den Ischtar-Tammuz-Mythos gerichteten Gestaltung des Prachtgewands nicht zu bezweifeln. Zudem lässt Labans Rede von dem »Jungfrauengewande eines Fürstenkindes« (IV, 294) darauf schließen, dass TM Jeremias' und Benzingers Herleitung aus der Geschichte der Davidstochter Tamar sehr genau nachvollzogen hat, von deren ›Ärmelkleid‹ es in 2. Samuel 13,18 heißt: »denn solche Kleider trugen des Königs Töchter, solange sie Jungfrauen waren.«

Auch die andere Thamar, Judas Schwiegertochter, der im Roman ein ganzes Kapitel gewidmet ist, trägt eine Ketônet passîm, als sie ihrem Schwiegervater als Kedescha entgegentritt (vgl. V, 1572). Zur Übereinstimmung der Bezeichnungen von Brautschleier und Kedeschenkleid vgl. Jeremias I, 327 und Thamar.

Nach Jeremias I (682) sind Verschleierung und Entschleierung »Motive des Lebens und des Todes (der in die Unterwelt Steigende entschleiert sich und umgekehrt)«. Die (von Joseph erzählte) Variante von Ischtars Unterweltsfahrt, bei der sie an jedem der sieben Tore der Unterwelt ein Kleidungsstück ablegen muss (IV, 455 f.; vgl. Tammuz-Mythos), deutet Jeremias entsprechend als Entschleierung und damit als Todesmotiv (Jeremias III, 13 f.).

Dieses Motiv wendet TM auf Josephs erste ›Fahrt in die Grube‹ an und verknüpft es mit dem Eros-Thanatos-Motiv: Das Zerreißen der Ketônet passîm ist Liebesakt (Defloration) und Tod in einem, und Joseph selbst erkennt den (doppelten) mythischen Sinn des Geschehens (vgl. IV, 582). – In Genesis 37,23 ziehen die Brüder Joseph den ›bunten Rock‹ aus, zerreißen ihn aber nicht. – Auch die zweite Fahrt in die »Grube« ist mit einem Entschleierungsmotiv verbunden: Joseph entkommt der Versuchung mit knapper Not, aber er muss sich dazu aus seinem ›Obergewand‹ herauswinden, das Mut-em-enet in Händen behält (V, 1260).

Zum Motiv des Schleiers im Josephsroman vgl. auch Berger (131-140). – Zur Deutung des Schleiers (als textiles Modell eines ›synkretistischen kulturellen Gedächtnisses‹) vgl. Assmann II (S. 71-77). – Eine auf Bergers Motivrekonstruktion gestützte Deutung gibt Werner Frizen: »Venus Anadyomene«. In: Thomas Mann und seine Quellen. Festschrift für Hans Wysling. Hg. von Eckhard Heftrich und Helmut Koopmann. Frankfurt a.M. 1991, S. 189-223, hier S. 196-223.

Letzte Änderung: 03.08.2013  |  Seitenanfang / Lexikon   |  pfeil Zurück