Waniek

Steht dem neuen Theaterprojekt vor und ist Regisseur des »Baal«. Er hält sich zu Beginn des Prologs mit Homolka in seinem Büro im Theater in der Josefstadt auf, wo sie gemeinsam das Repertoire für das »Theater des Neuen« festlegen möchten. Ihre Kollegen Friedell, Thimig und Waldau kommen nach und nach hinzu. Waniek, der davon ausgeht, dass das »Theater des Neuen« längst von der Theaterleitung autorisiert worden ist, wird telefonisch von Fräulein Nitschmann darüber in Kenntnis gesetzt, dass das von ihm erarbeitete Programm der Direktion noch gar nicht vorgelegen hat und er eine Präsentation seines Vorhabens nun »in vier bis fünf Minuten« (XVII, 325) am Telefon nachholen soll. Waniek ist empört: »Dinge dieser Art lassen sich doch nur Aug in Aug vertreten. Es handelt sich doch hier um die subtilste Schwebung, um Weltanschauliches und dessen Vertretung gegenüber Männern einer anderen Generation! Das kann man doch nicht in einen Apparat hineinbrüllen!« (XVII, 326) Im anschließenden Gespräch mit seinen Kollegen erklärt er das Anliegen seines ›Neuen Theaters‹: »Wir haben den magischen Raum zu schaffen, in dem die materiellen und sozialen Begrenzungen sich auflösen und der Mensch sich selber zum Sinnbild wird.« (XVII, 330) Indem er betont, dass er an ein »neues Seelenhaftes« glaube (ebd.) und der Mensch nicht ohne eine »mythenbildende Kraft« leben könne (XVII, 329), schreibt er Begriffe wie ›Verwesentlichung‹, ›Entdifferenzierung‹ und ›neue Sinngebung‹ auf die Fahnen des ›Neuen Theaters‹. Noch bevor die Diskussion um den Individualbegriff beginnt, verlässt Waniek das Büro, um mit der Theaterleitung in Berlin zu telefonieren: »Die Verbindung mit Berlin. Ja, ich komme. Was soll ich tun? Was soll ich sagen? [...] Kann ich eine geistige Welt, die man sich im monatelangen Nachdenken ausgebaut hat, am Telephon begründen?« (XVII, 332) Am Ende des Prologs überbringt er seinen Kollegen die freudige Nachricht, dass die Direktion das »Theater des Neuen« ohne Bedingungen, ohne Aufschub und ohne Hindernisse bewilligt hat, die Proben beginnen können und das Theater am 21. März eröffnen wird (vgl. XVII , 338).

Der österreichische Schauspieler und Regisseur Herbert Waniek (1897-1949) nahm ab 1918 Schauspielunterricht und debütierte 1919 am Landestheater Linz. In den Jahren 1920 bis 1924 war er an der Neuen Wiener Bühne, am Deutschen Volkstheater in Wien und am Deutschen Theater in Brünn tätig. Ab 1924 war er am Theater in der Josefstadt beschäftigt, wo er auch als Regisseur moderner Dramatik wirkte und zu den Begründern des »Theaters des Neuen in der Josefstadt« zählte. 1927 bis 1930 arbeitete Waniek als Schauspieler, Regisseur und Oberspielleiter am Schauspielhaus Zürich, wo er unter anderem Hofmannsthals »Jedermann« inszenierte. Sein Name stand sowohl für streng stilisierte Klassikerinszenierungen als auch für moderne Inszenierungen von Zeitdramen (z.B. unter Verwendung von Film- und Diaprojektionen). 1930 wurde Waniek als Oberspielleiter an die Städtischen Bühnen in Essen berufen, 1931 bis 1933 inszenierte er wieder am Schauspielhaus Zürich; seit 1933 war er Schauspieler und Hausregisseur, später Oberspielleiter am Burgtheater Wien. Waniek starb als designierter Direktor des Salzburger Landestheaters.