Frau Jenny Treibel oder »Wo sich Herz zum Herzen find’t« (1892)

Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel oder »Wo sich Herz zum Herzen find’t«. Herausgegeben von Tobias Witt. Berlin: Aufbau 2005 (Große Brandenburger Ausgabe. Das erzählerische Werk. Bd. 14) – Nachweise von Zitaten erfolgen unter Angabe der Kapitel- und Seitenzahl (z.B. 2/24 = 2. Kapitel, S. 24).

Bomst, Edwine von

Eine der beiden ehemaligen Hofdamen, die an Jenny Treibels Abendgesellschaft teilnehmen. Der alte Treibel setzt Vogelsang flüsternd ins Bild: »Zwei Damen vom Hofe, die korpulente: Frau Majorin von Ziegenhals, die nicht korpulente (worin Sie mir zustimmen werden): Fräulein Edwine von Bomst.« (2/25) Die »scherzhaften Widerspiele« zwischen Namen und Erscheinung animieren Treibel zur Nennung weiterer ›sprechender‹ Namen wie Klopstock und Griepenkerl (ebd.). Von Verwandten beider Damen verspricht er sich Unterstützung für seine Wahlkandidatur. Die Bomst wohnt seit 35 Jahren in einem Seitenflügel von Schloss Charlottenburg, wo sie »ihr Lebensglück und zugleich ihren besten Stolz aus der Betrachtung zog, in erster Zeit mit des hochseligen Königs Majestät, dann mit der Königin Wittwe, und zuletzt mit den Meiningenschen Herrschaften dieselbe Luft geathmet zu haben. Es gab ihr all‘ das etwas Verklärtes, was auch zu ihrer Figur paßte.« (3/45)

Czicka

Jenny Treibels Bologneserhündchen, das meist von der Honig ausgeführt wird (vgl. 9/125). Anders als Friedebergs Fips muss Czicka stets an der Leine gehen. Treibel, dem die Erziehungsmethoden seiner Schwiegertochter Helene nicht gefallen, vergleicht das Dasein seiner kleinen Enkelin Lizzi mit Czickas Los: »Immer an einer Strippe, die die Mutter in Händen hält, und wenn 'mal ein Perlhuhn kommt und das Lizzichen fort will, dann gibt es auch einen Klaps, aber einen ganz, ganz kleinen, und der Unterschied ist bloß, daß Lizzi keinen Blaff thut« (9/126).

Distelkamp, Friedrich

Senior des Gelehrtenkränzchens um Wilibald Schmidt, »emeritirter Gymnasialdirector« (6/64), mit dem Schmidt »von alter Zeit her« befreundet ist (6/65) und der bei Corinnas Taufe Pate gestanden hat (vgl. 7/81). Er begegnet Schmidts medisanten Bemerkungen über die abwesenden Kollegen Rindfleisch und Schultze mit freundschaftlichem Tadel und einer Anekdote über den märkischen General Hans Albrecht von Barfus, der im Pfälzischen Erbfolgekrieg bei einem Kriegsgericht für Milde und Nachsicht plädiert hatte (vgl. 7/68). In schulischen Dingen dagegen besteht er auf Autorität und Strenge: »kein Schulwesen ohne Autorität« (6/71). Es sei die »Kränkung und der Schmerz« seiner letzten Lebensjahre, daß er »den kategorischen Imperativ immer mehr hinschwinden« sehe (6/69 f.). Schmidt kann diesen Schmerz nicht teilen, er hält die alte Professorenherrlichkeit, der Distelkamp nachtrauert, für »steifleinene Grandezza« (6/70). Auch bei der Einschätzung der Ausgrabungen Schliemanns gehen die Meinungen der Freunde auseinander, denn dass einer, »der Tüten geklebt und Rosinen verkauft hat, den alten Priamus ausbuddelt«, will Distelkamp nicht in den Kopf (6/73), während Schmidt die Abbildung einer von Schliemann ausgegrabenen Goldmaske andächtig betrachtet (vgl. 6/74). Mit den Ansichten der beiden Freunde über Geschichte und Geschichtschreibung steht es ähnlich: Distelkamp bespöttelt Schmidts Vorliebe »fürs Anekdotische«, ihm selbst gelte »in der Geschichte nur das Große, nicht das Kleine, das Nebensächliche« (7/80). – Bei der Versorgung Marcells mit einer Lehrerstelle hat Distelkamp seine Hände im Spiel (vgl. 15/206). Unter den zahlreichen Toasts, die auf Corinnas und Marcells Hochzeitsfest ausgebracht werden, ist seiner »der beste« (16/218).

Etienne, Dr. Charles

Mitglied des Gelehrtenkränzchens um Wilibald Schmidt, »zur Zeit französischer Lehrer an einem vornehmen Mädchenpensionat« und ein »Freund und Studiengenosse Marcell‘s« (6/64), weshalb er »so gut wie zur Familie« gerechnet wird (6/67). Er ist »sehr elegant« (6/66) und ein »Feinschmecker« (7/79), verbringt die großen Ferien regelmäßig in Paris und wird in Fragen der modernen französischen Literatur, besonders aber »in allem Parisischen regelmäßig als Autorität angerufen« (7/84).

Felgentreu, Blanca und Elfriede

Töchter des Ehepaars Felgentreu. Elfriede, die ältere »oder, wie es zu Krolas jedesmaligem Gaudium hieß, ›die weitaus talentvollere‹« Schwester (4/53), gibt auf Jenny Treibels Abendgesellschaft einige Lieder und mit ihrer Schwester ein Duett zum Besten. Bei der Landpartie nach Halensee flirten die beiden Schwestern mit dem »Jodler« Metzner und zwei »Referendare[n] von der Potsdamer Regierung« (9/129), die Adolar Krolas Quartett angehören. Auf Corinnas und Marcells Hochzeit, bei der sie neben Hannibal Kuhs Töchtern als Brautjungfern fungieren, verloben sie sich in einer Tanzpause mit den beiden Referendaren (vgl. 16/217).

Felgentreu, Herr und Frau

Bekannte von Treibels und Schmidts. Sie sind mit ihren Töchtern Blanca und Elfriede Gäste bei Jenny Treibels Abendgesellschaft, sind Gastgeber der Landpartie nach Halensee und nehmen auch an Corinnas und Marcells Hochzeitsfest teil. Jenny Treibel hält »die ganze Felgentreuerei für erheblich unterm Stand«, denn Felgentreu »war Lageraufseher in einem großen Ledergeschäft gewesen«, seine Frau die »Wirthschaftsmamsell des Principals […]. So hatte die Sache begonnen und ließ in ihren Augen viel zu wünschen übrig« (12/166). Frau Felgentreu hat, »trotzdem sie kaum ausgangs vierzig war, schon das Embonpoint und das Asthma einer Sechzigerin«, weshalb sie bei der Landpartie möglichst wenig laufen möchte (10/131). Unter den zahlreichen Toasts, die auf Corinnas und Marcells Hochzeitsfest ausgebracht werden, ist »der Felgentreu'sche der logisch ungeheuerlichste, weshalb ihm ein hervorragender, vom Ausbringer allerdings unbeabsichtigter Lacherfolg zu Theil wurde« (16/218).

Fips

Zeichenlehrer Friedebergs Hund, ein schwarzer Pudel, der zweimal von zu Hause ausreißt, um seinen Herrn zu Wilibald Schmidts »Abend« zu begleiten. »Reizendes Thier und so zuthunlich und fidel«, urteilt Schmidt und fragt nach der Schreibung seines Namens: »f oder ph? Phips mit ph ist englisch, also vornehmer« (6/75 f.). Er wird bei Frau Schmolke in der Küche, »so zu sagen am Trompetertisch« untergebracht (6/76). Seine Treue nimmt Schmidt zum Anlass für eine Stichelei gegen Friedeberg, mit dessen ehelicher Treue es nicht zum Besten steht.

Friedeberg

Mitglied des Gelehrtenkränzchens um Wilibald Schmidt, Zeichenlehrer und deshalb »für nicht ganz voll angesehen«, obwohl er vor einigen Jahren zum Gymnasialprofessor ernannt worden ist (6/64). Versuche von Immanuel Schultze, ihn aus dem Zirkel zu vergraulen, scheiterten an Wilibald Schmidt, der erklärt hatte, dass er Friedeberg gerade wegen seiner »wissenschaftlichen Nichtzugehörigkeit« nicht missen möchte: »Ein andächtiger Zuhörer, anscheinend so wenig, ist doch schon immer was und mitunter sogar sehr viel.« (6/64 f.) Friedeberg verlässt Berlin nie weiter als bis zur Woltersdorfer Schleuse, wo er regelmäßig die Ferien verbringt, »angeblich um seiner Malstudien willen«, tatsächlich aber wegen seiner begrenzten Geldmittel und »um von seiner Frau – mit der er seit Jahren immer dicht vor der Scheidung stand – auf einige Wochen loszukommen« (6/66). Später wird erwähnt, dass die Scheidung unmittelbar bevorsteht (vgl. 14/196).

Er ist ein »artiger Mann« (6/73), der, wie Schmidt (aus Schillers ›Wallenstein‹ zitierend) bemerkt, »der ›Sitten Freundlichkeit‹ allerzeit cultivirt hat« (6/74), was Etienne auf Friedebergs jüdische Herkunft zurückführt (vgl. 6/73). Seine Schüler wissen seine guten Manieren freilich nicht zu schätzen, »sie spielen ihm auf der Nase«, das »uralte Schicksal der Schreib- und Zeichenlehrer« (6/74). Zu Schmidts »Abend« kommt er verspätet mit seinem Pudel Fips, der ihm zweimal bis zu Schmidts Haustür nachgelaufen ist, was Wilibald Schmidt zu einer Betrachtung über Treue provoziert, ein Seitenhieb gegen Friedebergs eheliche Untreue (vgl. 6/76).

Friedrich

Hausdiener bei Treibels, der den »Lieblingsmoment im Dinerleben seines Herrn«, den Kaffee mit Zigarre, seit langem kennt und nach dem Diner in seinem Arbeitszimmer alles bereitgestellt hat, »das Cigarrenkistchen, den Liqueurkasten und die Caraffe mit Eiswasser« (4/45 f.). Kaum haben Treibel und Vogelsang Platz genommen, ist er auch schon mit dem Kaffeetablett zur Stelle. Treibel hat in ihm einen Vertrauten und oft »›unter Larven die einzig fühlende Brust‹, ein Citat, das er nicht müde wurde, sich zu wiederholen« (9/119).

Das Zitat stammt aus Schillers Ballade »Der Taucher« (v. 123).

Fritz

Einarmiger Junge, der am Treptower Ausflugslokal Leopolds Pferd in Empfang nimmt und es für die Dauer von Leopolds Aufenthalt am Zügel hält (vgl. 8/110, 116).

Goldammer

Polizeiassessor, Gast bei Treibels Diner. Er erzählt »Polizeigeschichten« (1/11) und kommt, sobald die Herren bei Kaffee und Zigarre unter sich sind, »regelmäßig und meist sehr rasch« auf Erotisches zu sprechen (4/48), wobei der Umstand, dass er »ein richtiger Pastorssohn« ist, nach Treibels Ansicht »all' seinen Geschichten einen eigenthümlich pikanten Beigeschmack gibt« (4/46). Auf Adolar Krolas Veranlassung übernimmt er es, der Hausherrin die obligate Bitte um einen Liedervortrag zu überbringen (vgl. 4/54).

Honig, Fräulein

Jenny Treibels Gesellschafterin, »deren herbe Züge sich wie ein Protest gegen ihren Namen ausnahmen« (3/36). Sie ist examinierte Erzieherin (vgl. 8/94), etwa dreißig Jahre alt (vgl. 1/5) und sichtlich auf dem Weg zur alten Jungfer, die ihrer Umgebung stets mit »sauersüße[m] Gesicht« begegnet (12/164). Sie leidet an »verzehrende[m] Neid« auf die jüngeren Frauen der Treibelschen Abendgesellschaft, auf Helene Treibel und insbesondere auf Corinna Schmidt, deren sicheres Auftreten in ihren Augen ihrem Status nicht angemessen ist (3/36). Eine ihrer täglichen Aufgaben besteht darin, Jenny Treibels Bologneserhündchen Czicka allmorgendlich im Garten auszuführen (vgl. 8/94, 9/125), wobei sie oft von Treibel begleitet wird, in den sie ein wenig verliebt ist (vgl. 9/125). Treibel hegt ein »aufrichtiges«, aber wohl nicht ganz gerechtfertigtes Vertrauen in ihre Kenntnisse (ebd.); ihre Urteile, um die er sie gelegentlich bittet, fallen stets nichtssagend oder ausweichend aus (vgl. 8/94, 9/126, 14/190). Auf Corinnas »dringenden« Wunsch erhalten sie und die Wulsten eine Einladung zur Hochzeit, der sie, anders als die Wulsten, auch folgt (16/218).

Kälber, die

Die beiden Töchter Hannibal Kuhs, stets nur »die Kälber« genannt (11/154 u.ö.), sind Brautjungfern bei Corinnas und Marcells Hochzeit, ganz so, wie die Schmolke es im Traum schon vorhergesehen hatte (vgl. 14/203). Während des Festes umwerben sie den jodelnden Kaufmannssohn Metzner, haben dabei aber keinen Erfolg (vgl. 16/217 f., 220). Sie »fanden sich ziemlich leicht in diesen Echec -- ›er war der Erste nicht, er wird der Letzte nicht sein,‹ sagte Schmidt – und nur die Mutter zeigte bis zuletzt eine starke Verstimmung« (16/217 f.).

Krola, Adolar

Ehemaliger Opernsänger, »Hausfreund« der Treibels seit fünfzehn Jahren, wofür ihn »sein gutes Aeußere, seine gute Stimme und sein gutes Vermögen« qualifizieren (3/27). Letzteres verdankt er seiner Ehe mit einer »Millionärstochter« und war wohl der Grund dafür, dass er der Bühne kurz nach der Eheschließung den Abschied gab. Er gilt allgemein als ein »sehr liebenswürdiger Mann, was er vor manchem seiner ehemaligen Collegen ebenso sehr voraus hatte, wie die mehr als gesicherte Finanzlage« (ebd.).

Auf den Treibelschen Diners gibt er stets dieselben drei Stücke zum Besten, »vollkommen virtuos, aber mit einer gewissen, absichtlichen Klapprigkeit« (4/50), und ist froh, wenn keine Zugaben verlangt werden. Er begleitet die mehr und weniger gesangsbegabten Damen der Gesellschaft mit einer »Mischung von Wohlwollen und Ironie« (4/53) am Klavier, denn obwohl seine Kunstansprüche seit seinem Abschied von der Bühne beständig gewachsen sind, nimmt er die dilettantischen Kunstübungen der Damen von der heiteren Seite. »Von Genuß konnte keine Rede für ihn sein, nur von Amüsement, und weil er einen angeborenen Sinn für das Heitere hatte, durfte man sagen, sein Vergnügen stand jedesmal dann auf der Höhe, wenn seine Freundin Jenny Treibel, wie sie das liebte, durch Vortrag einiger Lieder den Schluß der musikalischen Soirée machte« (4/53).

Zur Landpartie nach Halensee bringt er ein Männerquartett mit, zwei junge Kaufleute und »zwei Referendare von der Potsdamer Regierung« (9/129), die der Ausflugsgesellschaft einige Ständchen bringen (vgl. 10/130, 137).

Auf Corinnas und Marcells Hochzeitsfest singt Krola zu später Stunde auf Wilibald Schmidts Wunsch dessen einstiges Liebeslied für Jenny (vgl. 16/221 f.).

Kuh, Hannibal

Mitglied des Gelehrtenkränzchens um Wilibald Schmidt, Gymnasialprofessor am »Großen Kurfürsten-Gymnasium« (6/64) und Schwager von Rindfleisch. Als dessen »Anhängsel« fehlt auch er bei Wilibald Schmidts »Abend« (7/81), nimmt aber mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern, den »Kälbern«, an Corinnas und Marcells Hochzeitsfest teil. Er kommt im Roman nirgendwo selbst zu Wort. Wilibald Schmidt, der ihn zuvor schon mit seinen gelehrten Plaudereien ärgert (vgl. 16/219), macht sich einen Spaß daraus, mit seinem Namen zu spielen: »Wer es bestreitet, ist ein pecus. Nicht wahr, Kuh? (16/223).

Metzner (Jodler)

Ein Kaufmannssohn, Mitglied von Adolar Krolas Gesangsquartett, das seine Künste bei der Landpartie nach Halensee zum Besten gibt und auch zu Corinnas und Marcells Hochzeitsfest geladen ist. Sobald »er eine Prise frische Luft wittert, ist es mit ihm vorbei. Dann faßt ihn das Schicksal mit rasender Gewalt, und er muß jodeln« (10/138). Als »sehr gute Partie« wird er von Blanca und Elfriede Felgentreu umworben, aber weder sie noch die beiden »Kälber«, Hannibal Kuhs Töchter, von denen er bei Corinnas und Marcells Hochzeitsfest »heftig in Angriff genommen« wird, haben mit ihren Avancen Erfolg, »weil er, als Eckhaussohn, an solche Sturmangriffe gewöhnt« ist (16/217).

Munk, Hildegard

Die jüngere Schwester Helene Treibels, die diese gern mit Leopold Treibel verheiratet sähe, weshalb sie ihre Schwiegermutter zu einer Einladung Hildegards bewegen möchte (vgl. 8/106). Jenny Treibel, die der Standesdünkel der Munks verdrießt (vgl. 10/149), hält gar nichts von einer solchen Verbindung (vgl. 8/97 f.). Wenn sie bedenke, dass Hildegard, die »schon als Backfisch von geradezu ridiküler Ueberheblichkeit« gewesen sei, die Dünkelhaftigkeit ihrer Schwester noch übertreffe, so habe sie »an einer Hamburger Schwiegertochter aus dem Hause Munk gerade genug« (10/143). Nach Leopolds heimlicher Verlobung mit Corinna aber ändert sie schlagartig ihre Ansicht und lädt Hildegard nach Berlin ein.

Hildegard, eine »Schönheit« mit dem »chic einer Lady« (8/107), folgt der Einladung umgehend und bemüht sich, wohl auf Anraten ihrer Mutter, um »Unterdrückung alles Hamburgischen und Achtung vor Berliner Empfindlichkeiten« (14/192). Als Treibel die Nachricht von Corinnas Verlobung mit Marcell Wedderkopp bringt, küsst sie ihn »so stürmisch«, dass klar ist: »Dieser Tag bedeutete zwei Verlobungen« (16/217).

Mützell

Kellner in dem Treptower Ausflugslokal, in dem Leopold Treibel bei seinen täglichen Ausritten regelmäßig einkehrt. Der Mittvierziger trägt schon am Morgen einen »beinahe fleckenlosen Frack« und behandelt die »Trinkgelderfrage« mit einer »erstaunlichen […] Gentilezza« (8/110). Sobald er Leopold, mit dem er auf einem »Plauderfuß« steht (8/111), kommen sieht, verschwindet er in der Küche und besorgt die immergleiche Bestellung: Kaffee mit einigen »englischen Biscuits« und ein großes Glas Milch, das Sanitätsrat Lohmeyer dem jungen Treibel verordnet hat (ebd.). Am Morgen nach dem Treibelschen Diner verweigert Mützell seinem Gast mit einiger Verlegenheit die zweite Tasse Kaffee: Die Frau Kommerzienrätin habe ihn zwei Tage zuvor angewiesen, ihm höchstens eine Tasse zu servieren, weil zwei Tassen nach Ansicht des Sanitätsrats Lohmeyer »Gift« seien (8/112).

Nelson, John

Geschäftsfreund Otto Treibels, »ein Sohn von Nelson & Co. aus Liverpool« (1/10), zu Besuch in Berlin. Weil Ottos Frau Helene »Plätttag« hat (ebd.), richtet Jenny an ihrer Stelle ein Diner für den Gast aus. Nelson erscheint in einem karierten Reiseanzug, zeigt auch sonst eher ungezwungene Umgangsformen. Er wirkt »wie ein Junge« (2/22) und hat, »wie die meisten Engländer aus gutem Hause, einen gewissen Naivitäts-Charme« (7/88). Corinna, die, um Leopold zu beeindrucken, heftig mit ihm kokettiert, beeindruckt ihn stark, so dass Helene Treibel in »Todesangst« gerät, dass er »seine Reise verschieben und um sie anhalten würde« (13/180). Zur Hochzeit von Corinna und Marcell schickt er einen telegraphischen Glückwunsch (vgl. 16/219).

Referendare

Zwei »Referendare von der Potsdamer Regierung« (9/129), Mitglieder des Quartetts, das Adolar Krola zur Halensee-Partie der Felgentreus mitbringt und das der Ausflugsgesellschaft mehrere Ständchen darbringt. Dass sie zugleich Reserveoffiziere sind, weckt das Interesse der Schwestern Felgentreu, Blanca und Elfriede, die allerdings den »Jodler« Metzner noch attraktiver finden, zumal die beiden »Sommerlieutenants« nur in Zivil erscheinen (11/152). Auf Corinnas und Marcells Hochzeitsfest kommt es dann schließlich doch zur Verlobung mit den beiden Schwestern (16/217).

Rindfleisch

Mitglied des Gelehrtenkränzchens um Wilibald Schmidt, Gymnasialprofessor am »Großen Kurfürsten-Gymnasium« (6/64), Schwager von Hannibal Kuh und Schwiegervater von Immanuel Schultze (vgl. 6/65). Diese drei bilden eine »Partei« innerhalb des Zirkels, so dass die übrigen vier Mitglieder (Schmidt, Distelkamp, Etienne und Friedeberg) »aus einer Art Selbsterhaltungstrieb« ihrerseits eine Gruppe bilden (ebd.). An Schmidts »Abend« lässt Rindfleisch sich wegen eines Treffens der »Griechischen Gesellschaft« entschuldigen. Schmidt bespöttelt sein Fernbleiben: Ihm sei im Griechisch-Unterricht ein Schnitzer unterlaufen, den er durch einen Besuch der »Griechischen Gesellschaft« ausgleichen wolle (vgl. 6/67). Im Übrigen aber sei Rindfleisch »ein kreuzbraver Kerl, nomen et omen, und eigentlich der Beste« (6/69). Schmidts Tochter Corinna, die vor ihrer Verlobung mit Marcell Besuche bei Professorenfrauen macht, gefällt »die gute, ganz von Wirthschaftlichkeit in Anspruch genommene Frau Rindfleisch« am besten, weil sie beim Einkaufen »immer die besten Quellen und billigsten Preise wußte« (14/195 f.). Rindfleisch und Distelkamp nehmen an der Hochzeitsfeier von Corinna und Marcell teil (vgl. 16/218).

Schmidt, Corinna

Tochter Wilibald Schmidts, 25 Jahre alt, »klug und tüchtig«, blitzgescheit und »espritvoll« (7/87 f.). Sie ist »wie wild aufgewachsen«, denn die Mutter starb offenbar sehr früh und der ganz von seiner Tochter ›eingenommene‹ Vater ließ ihr sehr viel Freiheit (11/160). Nur Haushälterin Schmolke, die an ihr ein Stück weit Mutterstelle vertrat, hat ihr gelegentlich »was gesagt« (ebd.).

Corinna hat einen »Stich ins Moderne« (1/14), ein Wesenszug, den Cousin Marcell Wedderkopp, der sie liebt und heiraten möchte, beklagt (vgl. 7/88), Wilibald Schmidt dagegen für eher nachrangig hält (vgl. 7/86-90). Was die beiden »modern« nennen, betrifft Corinnas Sinn für das »Aeußerliche« (15/208), ihren ganz freimütig eingestandenen »Hang nach Wohlleben« (5/62) und den Wunsch, den eher bescheidenen Verhältnissen des Gelehrten- und Lehrermilieus, in dem sie aufgewachsen ist und dem sie in einer Ehe mit Marcell verhaftet bliebe, durch eine reiche Heirat zu entkommen. Deshalb hat sie es sich in den Kopf gesetzt, Jenny Treibels jüngeren Sohn Leopold zu heiraten, obwohl sie ihn nicht liebt und sich an seiner Seite, wie Marcell prognostiziert, »todt langweilen« würde (5/61).

Sie verdreht Leopold gekonnt den Kopf, es kommt zu einer heimlichen Verlobung, an der Corinna, bestärkt durch Jenny Treibels ebenso energischen wie kränkenden Widerstand, einige Wochen lang wider besseres Wissen festhält. Denn sie ist sich längst über ihre »Schuld« im Klaren, darüber, dass »Alles bloß Berechnung« ist und sie mit Leopolds Gefühlen spielt (14/195).

In diesen Wochen macht sie Besuche bei Professorenfrauen (vgl. 14/195 f.), ein Hinweis darauf, dass sie sich mit den »von ihr verspotteten Lebensformen« wieder anzufreunden versucht (15/208 f.). Den letzten Anstoß zur Besinnung gibt die Schmolke (vgl. 14/200-203), Corinna löst das Verlöbnis. Marcell, der soeben eine Stelle als »Gymnasial-Oberlehrer« (15/205) bekommen hat, verzeiht ihr und macht ihr die Versöhnung leicht, was ihr ihr die zweifache Apostrophierung als »Glückskind« einbringt, zuerst vom Vater (16/212), dann von der Schmolke, die die Dinge auf den Punkt bringt: »Du hast ganz unverantwortlich un beinahe schauderöse gehandelt un kriegst ihn nu doch. Du bist ein Glückskind.« (16/213) Zwei Tage später erscheint die Verlobungsanzeige. Mit dem Hochzeitsfest der beiden schließt der Roman.

In Corinnas Eskapade spiegelt sich die jugendliche Liebesgeschichte ihres Vaters und Jenny Treibels in gleicher Figurenkonstellation, aber mit umgekehrten Vorzeichen und gegenteiligem Ausgang.

Schmidt, Wilibald

Gymnasialprofessor, Vater Corinnas und Onkel Marcell Wedderkopps, 60 Jahre alt (vgl. 11/153). Er wohnt mit seiner Tochter im ersten Stock eines »ansehnlichen, im Uebrigen aber altmodischen Hause[s]« in der Berliner Adlerstraße (1/5), in der er schon als Kind und junger Mann wohnte und nun ein eher eingezogenes, zwischen Schule und Studierzimmer wechselndes, nur gelegentlich von geselligen Anlässen unterbrochenes Leben führt. Den Haushalt des augenscheinlich früh Verwitweten (vgl. 11/160) besorgt die Schmolke.

In seiner Jugend befand sich »gerade gegenüber« der »Materialwaarenladen«, in dem Jenny Treibel, damals Jenny Bürstenbinder, aufwuchs (1/6), seine Jugendliebe, der er Liebesgedichte schrieb, darunter auch das Lied mit der »berühmte[n] Stelle ›Wo sich Herzen finden‹« (7/81), das Anlass ihrer heimlichen Verlobung war (vgl. 7/91). Dass Jenny dieses Lied, auch nachdem sie Wilibald den Laufpass gegeben hatte, um den reichen Fabrikanten Treibel zu heiraten, weiterhin bei jeder Gelegenheit sang und singt und insbesondere bei ihren Abendgesellschaften gefühlvoll vorzutragen pflegt, erträgt Wilibald, der »kein Uebelnehmer und Spielverderber« ist, mit der Gefasstheit des Ironikers: »in dem Liede lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag, ganz so, als sei nichts vorgefallen« (7/92).

Gelassene Ironie, vor allem Selbstironie, Humor und ein von Vorurteilen und Standesdünkeln freies Denken prägen Schmidts Charakter. Dem Kollegenkreis, der sich in regelmäßigen Abständen zu seinen »Abenden« trifft, hat er, die Weisheit der Gelehrtenzunft heiter in Frage stellend, den Namen »Die sieben Waisen Griechenlands« gegeben mit dem Bemerken, das »a«, auf das es hier ankomme, »verändere nicht nur mit einem Schlage die ganze Situation, sondern erziele sogar den denkbar höchsten Standpunkt, den der Selbstironie« (6/65; vgl. auch 7/86). Versuche des Kollegen Schultze, den Zeichenlehrer Friedeberg wegen seiner »wissenschaftlichen Nichtzugehörigkeit« aus dem Professorenkränzchen zu vergraulen, hat er erfolgreich unterbunden (6/64). Die Vorbehalte, die sein Kollege und Freund Distelkamp gegen Heinrich Schliemann wegen dessen fehlender schulischer und akademischer Bildung hegt, teilt er nicht und studiert begeistert Schliemanns Grabungsberichte (vgl. 6/73). Gesellschaftliche Veränderungen nimmt er gelassen zur Kenntnis, begrüßt etwa den von Distelkamp beklagten Verlust einer auf der bloßen Rangstellung fußenden Autorität der Lehrer und den Umstand, dass an deren Stelle »die reelle Macht des wirklichen Wissens und Könnens getreten« sei (6/72).

Auf Corinnas Eskapade reagiert Schmidt gelassen, mischt sich nicht ein und ist überzeugt, dass man durch »Dreinreden« nur den »natürlichen Gang der Dinge« stören würde (7/93). Er hat großes Vertrauen in seine Tochter, noch größeres aber in die Gesinnung seiner »Freundin Jenny«, ihren Sinn für das »Ponderable«, der sie veranlassen wird, eine Verbindung ihres Sohnes Leopold mit Corinna um jeden Preis zu verhindern. Als »liebenswürdiger Egoist«, der er, »wie die Meisten seines Zeichens«, ist, nimmt er die zeitweise im Haus herrschenden Missstimmungen kaum wahr (15/203).

So unbestechlich sein Blick für den Charakter Jenny Treibels auch ist, so findet er doch am Ende, auf Corinnas und Marcells Hochzeitsfest, versöhnliche Worte über sie und selbst über ihren verlogenen Umgang mit seinem Liebeslied von einst (vgl. 16/222 f.). Das »Classische«, das er zuvor seinem Neffen Marcell attestiert hat, ist auch sein Teil: Es ist »das, was die Seele frei macht, das Kleinliche nicht kennt und das Christliche vorahnt und vergeben und vergessen lehrt, weil wir Alle des Ruhmes mangeln« (16/212).

Der Hinweis darauf, dass in dem »Classiker« Schmidt zugleich ein »Romantiker« stecke (vgl. 1/14), ja, dass er »eigentlich mehr als alles Andere« ein »alte[r] Romantiker« sei (7/80), gibt Anlass zu der Annahme, dass in seiner überraschenden Versöhnlichkeit am Ende, zumal in seiner Gleichung von »Natur« und »Sittlichkeit« (16/223), nicht nur das »Classische«, sondern mehr noch Romantisches steckt: die (von Schiller vorgeprägte) romantische Idee des Goldenen Zeitalters, des idealen ›Naturstandes‹ des Menschen, in deren Perspektive (und befördert durch reichlich fließenden Champagner) Schmidt geneigt ist, Jenny Treibels verlogen-sentimentalen Umgang mit Wilibalds Liebeslied als Ausdruck der romantischen (mit Schiller zu reden: sentimentalischen) Sehnsucht nach dem verlorenen Ideal gelten zu lassen (vgl. dazu Anke-Marie Lohmeier: »... es ist ein wirkliches Lied«. Theodor Fontanes Roman »Frau Jenny Treibel« als Selbstreflexion von Kunst und Kunstrezeption in der Gesellschaft der Gründerjahre. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 68/1994, H.2, 238-250).

Schmolke, Rosalie

Wilibald Schmidts »Wirthschafterin«, eine »ramassirte Frau von Ausgangs Vierzig« (I/7), Witwe eines früh verstorbenen Schutzmanns, auf den sie große Stücke hält und von dem sie oft spricht. Sie führt Schmidts Haushalt schon seit vielen Jahren, bei ihrem Eintritt war Corinna noch ein Kind (vgl. 11/154), an dem sie ein Stück weit Mutterstelle vertreten hat (vgl. 11/160). Sie ist die erste, der Corinna von ihrem heimlichen Verlöbnis mit Leopold Treibel erzählt, und erschrickt bei dieser Nachricht, denn auch sie fühlt sofort, dass es falsch ist (vgl. 11/163). Zwar gefällt ihr der Gedanke, dass Jenny Treibel sich ärgern würde – »Der gönn' ich's« (ebd.) – , aber am Ende redet sie Corinna ins Gewissen und sorgt dafür, dass sie »wieder zu Verstande« kommt (14/200-203).

Schultze, Immanuel

Mitglied des Gelehrtenkränzchens um Wilibald Schmidt, Oberlehrer am »Großen Kurfürsten-Gymnasium« (6/64) und Schwiegersohn von Rindfleisch. Als »Anhängsel« von Rindfleisch fehlt auch er bei Wilibald Schmidts »Abend« (7/81). Schmidt schätzt ihn wenig: »Der hat's hinter den Ohren und ist ein Schlieker. Er grient immer und gibt sich das Ansehen, als ob er dem Bilde zu Sais irgend wie und wo unter den Schleier geguckt hätte, wovon er weit ab ist. Denn er löst nicht ‘mal das Räthsel von seiner eigenen Frau, an der manches verschleierter oder auch nicht verschleierter sein soll, als ihm, dem Ehesponsen, lieb sein kann.« (6/69) Als Lehrer fehlt ihm nach Distelkamps Meinung die Autorität (ebd.). Zu Hause benimmt er sich »großsprecherisch und cynisch« (14/196).

Treibel

Jenny Treibels Ehemann, Vater von Otto und Leopold Treibel, Berliner Blau-Fabrikant und Kommerzienrat. Die Familie lebt in einer »modische[n] Villa« an der Köpenicker Straße, die Treibel in den siebziger Jahren auf seinem Fabrikgelände erbauen ließ (2/16).

Treibel bemüht sich – weniger aus politischen als aus gesellschaftlichen Gründen (vgl. 2/19 f., 3/27) – um eine Kandidatur im Wahlkreis Teupitz-Zossen und hat dafür Leutnant Vogelsang als Wahlhelfer und »Agentprovokateur« engagiert, der ihm eigentlich »ein Greuel« ist (2/20), ihm aber empfohlen wurde (2/18). Tatsächlich verdirbt Vogelsang ihm mit seinen verstiegenen politischen Ideen und seinen kuriosen Auftritten im Wahlkreis schon im Vorfeld alle Chancen (vgl. 9/122-124; 14/193). Treibel will sich nun »aus der ganzen Geschichte herausziehen und zwar für immer« (9/124).

Der Ärger über den Misserfolg hält nicht lange an. Verbissener Ehrgeiz ist nicht Treibels Sache, im Gegenteil. Bei allem Sinn für Ansehen und gesellschaftlichen Rang hat er genug selbstironische Distanz und Sinn für Humor, um die Niederlage nicht allzu ernst zu nehmen.

Treibel ist, so der Erzähler, »ein guter und auch ganz kluger Kerl« (12/173), zu dessen Tugenden eine »große Herzensgüte« zählt (9/125). Die lässt ihn zu einem zwar meist vorsichtigen, gelegentlich aber auch entschiedenen Opponenten gegen »all' den Hochmuth« werden (12/173), den Jenny Treibel pflegt. So teilt er etwa deren Entsetzen über Leopolds heimliches Verlöbnis mit Corinna nicht, nennt es vielmehr »erstens unsinnig und zweitens empörend« (12/173) und gibt seiner Frau gehörig Bescheid (vgl. 12/173-175).

Allerdings hat seine Opposition nicht lange Bestand. Schon wenige Minuten nach seiner entschlossenen Philippika gegen Jennys Absicht, das Verlöbnis zu torpedieren, überfallen ihn Zweifel, ob sie nicht vielleicht doch recht haben könnte. Der Erzähler schlussfolgert: »Der gute Treibel, er war doch auch seinerseits das Produkt dreier, im Fabrikbetrieb immer reicher gewordenen Generationen, und aller guten Geistes- und Herzensanlagen unerachtet und trotz seines politischen Gastspiels auf der Bühne Teupitz-Zossen – der Bourgeois steckte ihm wie seiner sentimentalen Frau tief im Geblüt.« (12/176)

Treibel, Helene

Jenny Treibels Schwiegertochter, Ehefrau ihres älteren Sohnes Otto und Mutter der kleinen Lizzi, eine schöne, aber leidenschaftslose junge Frau mit »matten und beinah vergißmeinnichtblauen Augen« (8/101). Helene ist eine geborene Munk, Tochter einer hamburgischen Kaufmannsfamilie, auf die sie sich sehr viel einbildet (vgl. 8/104 f.). Sie liebt es, hanseatische Weltoffenheit demonstrierend, englische Wendungen und Begriffe in ihre Rede einzuflechten.

Tatsächlich aber ist sie eine bornierte, von unumstößlichen Ordnungsvorstellungen bestimmte Person, die das Leben ihrer Familie starren Regeln unterwirft, von denen einige durchaus zwanghafte Züge tragen, so etwa die Numerierung der Wäsche ihrer Tochter mit der »durch den Monat hin […] genau correspondirende[n] Tageszahl, so daß man ihr, wie der Großvater sagte, das jedesmalige Datum vom Strumpf lesen konnte« (8/102).

Engstirnige Vorstellungen von Ordnung, Reinlichkeit und Wohlerzogenheit prägen auch ihre Erziehung der kleinen Lizzi, die eher einer Abrichtung gleicht (vgl. 9/126). Dass Helene ihr Kind nach der Geburt nicht selbst nähren wollte, »weil es unschön sei«, wird erwähnt (8/101).

Ihre Ehe mit Otto Treibel charakterisiert der alte Treibel ironisierend als »glücklich«, weil Ehen mit Hamburgerinnen »natürlich« glücklich seien, denn Hamburgerinnen »sind alle so zweifelsohne, haben innerlich und äußerlich so ‘was ungewöhnlich Gewaschenes und bezeugen in Allem, was sie thun und nicht thun, die Richtigkeit der Lehre vom Einfluß der guten Kinderstube« (8/98). Eben damit gängelt Helene ihren Ehemann (vgl. 8/104-108; 10/137-139), dem sie keinerlei Wärme entgegenzubringen scheint (vgl. 8/104-108; 10/137-139). Auseinandersetzungen mit ihm verlaufen, wie ihr Schwiegervater konstatiert, »furchtbar ›gebildet‹«, ohne jeden Temperamentsausbruch, denn »alles, was Helene hat, hat höchstens die Temperatur der Uhlenhorst. Sie hat nichts als einen unerschütterlichen Glauben an Tugend und Windsorsoap« (10/139).

Lebhafte Gefühle zeigt die temperamentlose Frau nur, wenn es um Hildegard geht, ihre Schwester, die sie mit ihrem Schwager Leopold Treibel verbunden zu sehen wünscht. Die Nachricht von dessen heimlichem Verlöbnis mit Corinna Schmidt entsetzt sie gar derart, dass sie, ihre Morgentoilette wie ihre Abneigung gegen ihre Schwiegermutter vergessend, in Jennys Haus und Arme stürzt, so dass auch Jenny Treibel das »Eis hinschmelzen« fühlt, das bis dahin »ihr Schwiegermutterherz umgürtet hatte« (13/180).

Treibel, Jenny

Titelheldin des Romans, Ehefrau von Kommerzienrat Treibel, Mutter von Otto und Leopold Treibel, eine »trotz ihrer hohen Fünfzig« noch »sehr gut« aussehende, »ein wenig asthmatische« Dame (I/5 f.). Sie lebt mit Ihrem Mann und dem jüngsten Sohn in einer »modische[n] Villa« an der Köpenicker Straße, die Treibel in den siebziger Jahren auf seinem Fabrikgelände gebaut hat (2/16).

Jenny Treibel, geborene Bürstenbinder, wuchs in der Berliner Adlerstraße auf, wo ihr Vater einen Laden für »Material- und Colonialwaaren« betrieb (8/105). Gerade gegenüber wohnte damals schon Wilibald Schmidt, der sie liebte und ihr Gedichte schrieb, darunter auch das Lied mit der »berühmte[n] Stelle ›Wo sich Herzen finden‹« (7/81), das Anlass ihrer heimlichen Verlobung war (vgl. 7/91) und dem der Roman seinen Untertitel verdankt. Jenny Bürstenbinder gab ihrem ›einzigen‹ Wilibald (vgl. 7/91) allerdings rasch den Laufpass, als mit dem reichen Fabrikanten Treibel ein Heiratskandidat auf den Plan trat, der ihr ein Leben in deutlich höherem Wohlstand bieten konnte als der angehende Gymnasiallehrer Wilibald Schmidt. Dessen Liebeslied jedoch, in dem die Liebe dem »Gold« vorgezogen wird (4/54), ließ sie in »grünen Maroquin« binden (1/9) und gab und gibt es bei ihren Abendgesellschaften mit dünner Stimme, aber viel Gefühl zum Besten, durchdrungen von dem ›Höheren‹ oder ›Idealen‹, das sie darin ausgedrückt findet und dem sie sich ganz verschrieben zu haben behauptet: »Ihm allein verlohnt es sich zu leben.« (3/32)

Dass ihr die Geschmacklosigkeit ihres sentimental-verlogenen Umgangs mit dem Herzensbekenntnis ihrer Jugendliebe verborgen bleibt, liegt an ihrer Selbstwahrnehmung, daran, dass sie sich ihre Hingabe an das ›Höhere‹ ernstlich glaubt und die offen zu Tage liegenden Widersprüche zwischen dem ›Idealen‹ und ihrem Handeln ausblendet. Wilibald Schmidts Charakterisierung seiner Jugendfreundin ist wenig hinzuzufügen: »Es ist eine gefährliche Person und um so gefährlicher, als sie's selbst nicht recht weiß, und sich aufrichtig einbildet, ein gefühlvolles Herz und vor Allem ein Herz ›für das Höhere‹ zu haben. Aber sie hat nur ein Herz für das Ponderable, für Alles, was ins Gewicht fällt und Zins trägt« (7/92).

Dieser ausgeprägte Sinn für das »Ponderable« leitet auch ihren Umgang mit dem Heiratswunsch ihres Sohnes Leopold: Die Tochter ihres Jugendfreundes Wilibald, Corinna, kommt als Schwiegertochter nicht etwa deshalb nicht in Frage, weil sie Leopold nicht liebt (und damit gegen das ›Ideal‹ verstößt), sondern weil sie nicht viel mehr als eine »Bettlade« mit Aussteuerwäsche in die Ehe mitbringen würde (12/173). Und umgekehrt ist es der erklärten Verächterin von »Besitz, Vermögen, Gold« (3/32) auch gleichgültig, dass Leopold die eilends als Heiratskandidatin auserkorene Hildegard Munk nicht liebt. Sie ist eine reiche Partie, das allein zählt.

Jenny Treibel ist, so Schmidt, »ein Musterstück von einer Bourgeoise« (1/15), und was er von den Bourgeois hält, erklärt er seinem Neffen Marcell am Beispiel der Treibels: »Sie liberalisiren und sentimentalisiren beständig, aber das Alles ist Farce; wenn es gilt Farbe zu bekennen, dann heißt es: ›Gold ist Trumpf‹ und weiter nichts.« (7/92)

In einem Brief an seinen Sohn Theodor vom 9. Mai 1888 berichtet Fontane über den neuen Roman, der jetzt »im Brouillon fertig« sei: »Titel: ›Frau Kommerzienrätin oder Wo sich Herz zum Herzen findt‹. Dies ist die Schlußzeile eines sentimentalen Lieblingsliedes, das die 50jährige Kommerzienrätin im engeren Zirkel beständig singt und sich dadurch Anspruch auf das ›Höhere‹ erwirbt, während ihr in Wahrheit nur das Kommerzienrätliche, will sagen viel Geld, das ›Höhere‹ bedeutet. Zweck der Geschichte: das Hohle, Phrasen­hafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeoisstand­punkts zu zeigen, der von Schiller spricht und Gerson meint« (Gerson war der Inhaber eines exklusiven Kaufhauses am Werderschen Markt). Sein fiktives Alter ego und Vertreter der kritischen Norm des Romans, Wilibald Schmidt, charakterisiert seine ›Freundin‹ zwar mit ähnlicher Schärfe, lässt aber insgesamt mehr Nachsicht walten, als diese Briefstelle hätte erwarten lassen, und scheint zuletzt – wenn auch unter Alkoholeinfluss – sogar geneigt, in ihrer verlogenen Sentimentalität letzte Spuren einer »sentimentalischen« Wehmut (im Schillerschen Sinne) zu erkennen (vgl. die Anmerkung zu Wilibald Schmidt).

Treibel, Leopold

Jenny Treibels jüngerer Sohn, 25 Jahre alt (vgl. 7/89). Leopold ist unverheiratet, wohnt noch im elterlichen Haus und ist im Holzgeschäft seines Bruders Otto tätig (vgl. 8/108). Der körperlich wie seelisch recht schwächliche junge Mann steht ganz unter der Fuchtel seiner Mutter (vgl. 1/13). In den Augen seines Vaters ist er »beinah eine Suse«, seine Mutter streicht noch das »beinah« und beklagt sich über die »Milchsuppenschaft« ihrer Söhne, die »beide ’was Schläfriges« hätten (8/99). Wilibald Schmidt, der Leopold in der Untersekunda unterrichtet hat, urteilt: »Guter Mensch, Mittelgut, und als Charakter noch unter Mittel.« (7/93)

Leopold selbst ist sich seiner Schwäche und Mutlosigkeit bewusst und leidet daran und an den beständigen Bevormundungen seiner Mutter (vgl. 8/113 f.). In Corinna, die er seit langem bewundert, sieht er seine Retterin, die ihm »aus diesem elenden Zustand« heraushelfen soll, denn »sie hat all’ das, was mir fehlt und weiß Alles und kann Alles« (8/114 f.). Gleichwohl fehlt ihm der Mut, sich ihr zu erklären. Corinna muss ihn regelrecht provozieren, bevor es auf der Landpartie nach Halensee zum heimlichen Verlöbnis kommt (vgl. 10/146-150).

Der entschiedene Widerstand seiner Mutter gegen diese Verbindung raubt ihm indes sogleich allen Mut. Während er davon träumt, mit Corinna nach Gretna Green zu fliehen (vgl. 14/197), traut er sich nicht einmal, sie gegen das mütterliche Verbot zu besuchen, beschränkt sich darauf, ihr täglich kleine Briefchen immergleichen Inhalts zu schicken, und unternimmt sonst nichts. Als Corinna schließlich das Verlöbnis löst, fügt er sich widerstandslos in sein Schicksal, das in einer von seiner Mutter arrangierten Ehe mit Hildegard, der Schwester seiner Schwägerin Helene, bestehen wird.

Treibel, Lizzi

Tochter von Otto und Helene Treibel, ein etwa sieben Jahre altes blondhaariges Mädchen, das von seiner Mutter einer strengen »Mustererziehung« nach »Hamburger Tradition« unterworfen wird (8/101). Was davon zu halten ist, stellt der alte Treibel unmissverständlich klar, wenn er Lizzis Erziehung mit der Abrichtung eines Hündchens vergleicht: »Immer an einer Strippe, die die Mutter in Händen hält, und wenn ‘mal ein Perlhuhn kommt und das Lizzichen fort will, dann gibt es auch einen Klaps, aber einen ganz, ganz kleinen, und der Unterschied ist bloß, daß Lizzi keinen Blaff thut« (9/126). Dass Lizzi ein »Engel« sei, wie Fräulein Honig bemerkt (9/126), mag er nicht gelten lassen und nimmt diese Bemerkung, auf die stets weiße Kleidung seiner Enkelin und den Sauberkeitswahn ihrer Mutter anspielend, zum Anlass, Lizzis Erziehung als ganz auf Äußerlichkeiten gerichtete zu charakterisieren: »wenn der Engel weiter nichts ist als ein Wasch-Engel und die Fleckenlosigkeit der Seele nach dem Seifenconsum berechnet und die ganze Reinheit des werdenden Menschen auf die Weißheit seiner Strümpfe gestellt wird, so erfüllt mich dies mit einem leisen Grauen.« (9/127)

Treibel, Otto

Jenny Treibels älterer Sohn, seit acht Jahren verheiratet mit Helene Treibel und Vater der kleinen Lizzi. Er hat sich vom Betrieb seines Vaters unabhängig gemacht und betreibt in der Nähe der väterlichen Fabrik, am Ende der Köpenickerstraße, einen »Holzhof« der »höheren Observanz«, handelt nämlich mit »Farbehölzern« (d.i. Hölzer, die zum Färben benutzt werden) aus Übersee (2/20).

Obwohl Otto demnach immerhin etwas mehr Eigenständigkeit und Selbstbehauptungswillen zu haben scheint als sein Bruder Leopold, macht Jenny Treibel keinen Unterschied zwischen ihnen, attestiert beiden »Temperamentlosigkeit« und eine »Milchsuppenschaft«, die den Eindruck mache, als kämen sie nicht aus Berlin, sondern »von Herrnhut oder Gnadenfrei« (8/99).

In der Ehe mit der gleichermaßen temperamentlosen Helene gibt letztere den Ton an (vgl. 8/104-108, 10/137-139), was Otto resigniert und etwas melancholisch hinnimmt (vgl. 8/108; 10/139 f.). Es ist eine Ehe ohne Wärme und Leidenschaft, in der, wie der alte Treibel anmerkt, selbst Auseinandersetzungen ohne Temperament geführt werden, sondern »furchtbar ›gebildet‹ gestritten wird« (10/138).

Herrnhut und Gnadenfrei sind zwei Ansiedlungen der Herrnhuter Brüdergemeine, einer vom Pietismus geprägten christlichen Glaubensgemeinschaft.

Vogelsang

Ein Leutnant a.D. und »Agentprovokateur in Wahlsachen« (2/18), den Treibel auf eine Empfehlung hin als Wahlhelfer für die von ihm angestrebte Kandidatur im Wahlkreis Teupitz-Zossen engagiert hat, obwohl er ihm eigentlich »ein Greuel« ist (2/20).

Diese Empfindung trügt ihn nicht, denn Vogelsang ist nicht nur äußerlich – mit seiner altbackenen »Grandezza« (2/22), seinem gefärbten, »wie angeklebt« wirkenden Bart und seinem »automatenhaft[en]« Auftreten (2/23) – eine komische Figur, ein »Gespenst« (3/33), wie die Ziegenhals bemerkt, das »doch nur als Warnungsschatten vor den Principien stehen [kann], die das Unglück haben, von ihm vertreten zu werden« (3/34). Auch diese »Principien« selbst, seine politischen Überzeugungen, die er mit »einer an Komik streifenden Würde« und bitterstem Ernst vorträgt, sind verstiegen und bizarr, ein Konglomerat von radikaler Kaisertreue und demokratischen Ideen, das er »Royaldemokratie« nennt, die er sich vorstellt als ein »Plateau, mit einem einzigen, aber Alles überragenden Pic« (3/43).

Seine »Vorcampagne« für Treibel im Wahlkreis Teupitz-Zossen (9/118) endet denn auch in einem Debakel. Seine Auftritte erregen schon bald die Aufmerksamkeit der Presse, die süffisante Berichte über das kuriose Treiben des »feierlichen Narren« bringen (9/123). Treibel gibt daraufhin seine ohnehin eher als »Steckenpferd« (9/118) betriebenen politischen Ambitionen auf (vgl. 9/124).

Zu den denkbaren zeitgenössischen Vorbildern der politischen Ideen Vogelsangs vgl. den Kommentar, S. 297 f.

Wedderkopp, Marcell

Neffe Wilibald Schmidts, promovierter Archäologe, Lehrer für deutsche Literatur an einer »höheren Mädchenschule« (15/205 f.), später »Gymnasial-Oberlehrer« mit Aussicht auf eine Professur (15/205 f.). Marcell liebt seine Cousine Corinna und ist von ihrer Eskapade mit Leopold Treibel tief getroffen. Als Corinna ihren Irrweg schließlich erkennt und das heimliche Verlöbnis mit Leopold löst, verzeiht er ihr. Zwei Tage später geben beide ihre Verlobung bekannt (vgl. 16/216). Mit ihrer Hochzeit endet der Roman.

Marcell ist, mit der Schmolke zu reden, »was man einen Schatz nennt oder auch ein Juwel« (9/117), ein junger Mann von »Bildung und Charakter« (7/87) und klug genug zu wissen, dass er in seiner Cousine, mit der er »von seinem fünften Jahr an immer zusammen gespielt« hat, schwerlich Leidenschaft wird entfachen können (ebd.). Seine Bereitschaft, Corinna zu vergeben, entlockt seinem Onkel eine Lobrede auf das »Höhere«, auf das »wirklich Ideale, nicht das von meiner Freundin Jenny«: »Glaube mir«, versichert er seiner Tochter, »das Classische, was sie jetzt verspotten, das ist das, was die Seele frei macht, das Kleinliche nicht kennt und das Christliche vorahnt und vergeben und vergessen lehrt, weil wir Alle des Ruhmes mangeln.« (16/212)

Wulsten, Fräulein

Erzieherin der kleinen Lizzi Treibel, an der Helene Treibel allerlei auszusetzen hat, darunter insbesondere ihre »erbärmliche« englische Aussprache (8/104) und ihre Neigung, dem Kind vieles »durchgehen« zu lassen (9/129). Der alte Treibel dagegen hält sie für eine »verständige Person« und vermutet, dass sie die Erziehungsprinzipien seiner Schwiegertochter ablehnt (9/128). Wie Fräulein Honig wird auch sie zu Corinnas und Marcells Hochzeitsfest eingeladen, sagt aber – wohl auf Druck Helenes – ab (vgl. 16/218).

Ziegenhals, Majorin von

Eine der beiden ehemaligen Hofdamen, die an Jenny Treibels Abendgesellschaft teilnehmen. Treibel setzt Vogelsang flüsternd ins Bild: »Zwei Damen vom Hofe, die korpulente: Frau Majorin von Ziegenhals, die nicht korpulente (worin Sie mir zustimmen werden): Fräulein Edwine von Bomst.« (2/25) Die »scherzhaften Widerspiele« zwischen Namen und Erscheinung animieren Treibel zur Nennung weiterer ›sprechender‹ Namen wie Klopstock und Griepenkerl (ebd.). Von Verwandten beider Damen verspricht er sich Unterstützung für seine Kandidatur im Wahlkreis Teupitz-Zossen, insbesondere von der Ziegenhals, die »eine rechte Cousine von dem Zossener Landesältesten« ist (ebd.). Treibel schätzt sie mehr als die Bomst: »drall und prall, capitales Weib, und muß ihrer Zeit ein geradezu formidables Festungsviereck gewesen sein. Rasse, Temperament, und wenn ich recht gehört habe, so pendelt ihre Vergangenheit zwischen verschiedenen kleinen Höfen hin und her. Lady Milford, aber weniger sentimental.« (4/46) Vogelsang hält nichts von Treibels Idee, sie für seine politischen Ziele einzuspannen (vgl. 4/47 f.). Die Ziegenhals selbst betrachtet Treibels Kandidatur für die Konservativen als ›Verirrung‹ und empfiehlt ihm, die »Bürgerkrone« anzustreben, d.h. sich den Liberalen anzuschließen (3/34).

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